Empfangsgebäude des Freilichtmuseums Vogtsbauernhof in Gutach

Die Vor-Höhle

Historische Schwarzwaldhöfe, wie sie im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach versammelt sind, haben durchaus etwas Düsteres und Höhlenhaftes an sich. Ihnen ein adäquates Empfangsgebäude mit zusätzlichen Angeboten zur Seite zu stellen, bedeutete: Einfriedung und Schutz sowie Einstimmung auf die Aura des Alten, ohne zu imitieren.

  • Architekten: Werkgruppe Lahr Tragwerksplanung: Theo Erb GmbH
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Werkgruppe Lahr
Zwischen Parkplatz und Eingang wartet die unvermeidliche »Fressgasse«: Buden im »Schwarzwaldstil« mit hingestümperten Krüppelwalmmützen und Kunststoffrollos. Empfindsame Gemüter atmen daher bereits auf, wenn die anschließende, lediglich noch öde Bahnunterführung erreicht ist. Andere runzeln hingegen die Stirn, wenn sie auf der gegenüber liegenden Seite wieder auftauchen. Denn das neue Empfangsgebäude des Freilichtmuseums hat vordergründig so gar nichts regionaltypisches an sich. 100 m Stützen – rötlich, kantig, hölzern – unter einem flachen Grasdach. Womöglich dämmert so manchem erst im Innern, dass sich die Architekten etwas dabei gedacht haben: Dunkel und höhlenhaft empfängt einen das Foyer, kunstvoll schwingt sich hölzernes Gebälk über Drehkreuzen und Shop, Ausstellung und Schauküche, Gaststätte und Verwaltung. Und auch die Fassade des Gebäudes ändert sich: Hat es nach außen hin überwiegend schmale Schlitze, eröffnet das Bauwerk drinnen, zum Frei- gelände hin, großzügige Panoramen auf das Wesentliche: die alten Schwarz- waldhöfe. ›
› Es sind elementare Kunstgriffe wie dieses Verstecken und Zeigen, Schutz und Ausblick, welche das Empfangsgebäude elegant nutzt. Doch es ging den Architekten um mehr: Projektleiter Carl Langenbach, der einer 400-jährigen Schwarzwälder Holzbauertradition entstammt, hat für den Architektenwettbewerb lange nach einer adäquaten Form gesucht, die aus dem Bauwerk mehr als eine »angehobene Wiesenplatte« macht, welche die »sensible Bilderwelt der Höfe abschirmt«. Er wollte eine »strukturelle Verwandtschaft« in eigener Sprache ausdrücken, zeigen, dass »Stimmungen der Behaglichkeit und Geborgeneit auch ohne historisierende Hüllen und Imitate zu haben« sind – und das ist ihm auch durchaus gelungen!
Behaglichkeit durch heimisches Holz
Da ist zum einen das Material: Es wurde ausschließlich Weißtanne aus den umliegenden Wäldern verbaut, als Vollholz, Brettschichtholz, Blockbohlenwand, Vertäfelung, insgesamt 600 Festmeter – und Glas. Einer der mächtigen Stämme, über 20 m hoch, wurde zur Eröffnung vor dem Eingang aufgestellt, inzwischen silbrig-weiß verwittert, zeichenhaft. Seit sich die Bestände an den umliegenden Hängen wieder erholt haben, assoziiert man den nackten Stamm nicht mehr sogleich mit dem Thema Waldsterben.
Weißtannenholz wird von den Zimmerleuten eigentlich ungern verwendet, da es schwerer als Fichte ist und anfangs nach Urin riecht. Doch es gibt mehr als genug davon in der Region, und verbaut hat es unbestritten seine Qualitäten: Voller Bewunderung streicht Langenbach über die seidenglänzenden, fast astfreien Vertäfelungen. Die Zimmerleute haben ganze Arbeit geleistet, um die organisch »windschiefe« Konstruktion mit schräg emporkletternden Pfetten, mit Schräg-, Schifter- und »Hexenschnitten« in hoher Präzision auszuführen. Die rötliche Lasur, zur Bauzeit umstritten, ist dem Ton sonnenbeschienener Hölzer an den alten Höfen nachempfunden.
Mehrschichtige Rippenstruktur
Des Weiteren die Struktur: Der filigrane Skelettbau, übrigens ein im Œuvre der Architekten wiederkehrendes Motiv, knüpft an die Rippenbauweise an, die früher bei zahlreichen Bauten und Gerätschaften verwendet wurde: Schlitten, Karren, Rechen, Roste, Zäune weisen verstärkende Rippen ebenso auf wie mancher Wandaufbau von Schuppen und Häusern.
Selbstverständlich sind auch die dem konstruktiven Holzschutz dienenden weiten Dachüberstände ein regionaltypisches Motiv. Sie gibt es aber ebenso in der fernöstlichen Tradition – das Empfangsgebäude erinnert denn auch in seiner Feingliedrigkeit an japanische Pavillons (Langenbach nennt hier den Architekten Kengo Kuma als Geistesverwandten).
Der mehrschichtige serielle Aufbau des Empfangsgebäudes, mit der zurückgesetzten vertäfelten Wand (»Blockbohlenwand«) und den allein das schlanke Vordach tragenden Stützen davor hat zudem etwas von einer mehrstimmig ›
› rhythmischen Notenpartitur (Carl Langenbach spielt Klavier). An den Enden der 100 m langen Reihung, in Restaurant und Verwaltung, »kippt« diese Ordnung durch plötzlich schräg auswärts weisende Stützen. Was zunächst wie eine unpassend modisch schnittige Geste anmutet, ergibt innenräumlich zumindest auf der Südseite einen Sinn, denn in Bibliothek und Besprechungsraum würde der direkte Sonneneinfall stören.
Tragwerkstechnisch sind übrigens sämtliche Stützen als Pendelstützen ausgelegt. Der Aussteifung dienen (nur vereinzelt sichtbare) Stahlkreuze in Wänden und Decken.
Alles unter einem Dach
Schließlich die Verwandtschaft der Funktionen: Wie im Schwarzwaldhof vereint das Gebäude alle Nutzungen unter einem Dach. Zwar ist die – um den unweit von hier raunenden Martin Heidegger zu zitieren – »sammelnde« Geste des Bauwerks nur durch den sanften Buckel im mehrheitlich flachen Dach angedeutet, doch gerade innenräumlich ist diese Zentrierung wirksam: Das Foyer als Treffpunkt sowie der 400 m² große Ausstellungsraum und die Schauküche ruhen in sich, obwohl sie untereinander durch filigrane Holz-Glas-Wände verbunden sind. Die schlanken, 6 x 27 cm messenden Stützen haben zudem die Eigenart, dass sie die Zwischenwände je nach Blickwinkel geschlossen oder offen erscheinen lassen, so dass der organisch »fließende« Raum immer wieder gefasst wird. Die organisch schwingende Anlage reagiert gut auf die funktionalen Erfordernisse: So weicht der Baukörper am Eingang zurück, um die Besucherströme aufzunehmen, geht zugleich in die Höhe, um die Bedeutung des Foyers gekonnt zu betonen.
Abstraktion trägt
Auch wenn manche Analogie zum Alten mehr dem enormen Rechtfertigungsdruck geschuldet sein mag, dem die Architekten am »historischen« Ort ausgesetzt waren, so hat die Abstraktion als Prinzip doch ein schlüssiges, zurückhaltendes, sehr gut benutzbares Gebäude zustande gebracht. Wo zuvor nur schäbige Kassen- und Klo-Häuschen standen und die Besucher oft genug im Regen warten mussten, wird heute ein umfangreiches Programm geboten. Neben Führungen gibt es Ausstellungen, Workshops und sogar Konzerte (im Foyer), dazu betreuen und erforschen zwei Wissenschaftler die Gebäude und ihre Geschichte, die auch interessierten Laien zugängliche Bibliothek bietet Hintergründe zum Thema. Die ganzjährig 13, saisonal über 50 Mitarbeiter, die bei ihrer Arbeit v. a. in den klammen, dunklen Höfen und im Freigelände unterwegs sind, finden – durch das Material Holz auch visuell – warme Aufenthalts- und Büroräume samt Küche vor.
Schließlich gibt es als Kontrast zur »Fressgasse« ein gediegenes Restaurant. Von den einmal nicht abstrakten, sondern nachgebauten Bauernstühlen schweift der Blick hier unverstellt ins Reservat der geschichtsbeladenen Originale. •
  • Standort: Vogtsbauernhof, 77793 Gutach (Schwarzwaldbahn) Bauherr: Landratsamt Ortenaukreis Architekten: Werkgruppe Lahr, Lahr; Projektverantwortlicher: Carl Langenbach Tragwerksplanung: Theo Erb GmbH, Friesenheim Haustechnik: Büro für Haustechnik Lehmann, Hausach Landschaftsplanung: AG Freiraum, Freiburg Fertigstellung: 2006 Volumen / Fläche: ca. 3 712 m³ / ca. 1 050 m²
  • Beteiligte Firmen: Dachabdichtungskunststoffbahn und Begrünung: Sarnafil, begrünt mit Extensivsubstrat von Optigrün, Krauchenwies-Göggingen, www.optigruen.de Fenster: heimische Weißtanne, Farbbeschichtung: Sikkens, Köln, www.optigruen.de
1 Foyer 2 Kassen 3 Restaurant 4 Sonderausstellung 5 Museumsladen 6 Museumspädagogik 7 Verwaltung
A Empfangsgebäude B Hotzenwaldhaus C Falkenhof D Schauinslandhaus E Taglöhnerhaus F Hippenseppenhof G Vogtsbauernhof H Hammerschmiede I Bahnlinie

Gutach (S. 34)
Werkgruppe Lahr
Carl Langenbach
1942 in Freiburg geboren. 1961-67 Architekturstudium und städtebauliche Vertiefung an der TU München. Diplom. 1970-72 Studium der Regionalwissenschaften an der Universität Karlsruhe. Seit 1973 Architektenpartnerschaft Werkgruppe Lahr.
Jürgen Dittus
1950 in Lahr geboren. 1970-79 Architekturstudium und Diplom mit städtebaulicher Vertiefung. 1974 Internationale Sommerakademie Salzburg bei J. B. Bakema. 1977 Mitarbeit beim Stadtplanungsamt Tübingen und in verschiedenen Architekturbüros. Seit 1980 Mitarbeit in der Werkgruppe Lahr, seit 1990 als Partner.
Christoph Gunßer
s. Büroporträt Lehmann