... In die Jahre gekommen

Die Treppenstrasse in Kassel

Im Oktober 1953 eingeweiht, ist die »erste Fußgängerzone Deutschlands« noch heute ein Unikum – wenn man von einer entfernten Verwandten, der Rialto-Brücke in Venedig – einmal absieht. Auch die Treppenstraße bildet eine Brücke zwischen zwei zentralen Plätzen, ist jedoch mehr Straße als Treppe, eine »Geschäftsstraße mit den Vorzügen einer modernen Promenade«, eine in den Hang gestaffelte Ladenzeile, ein Boulevard mit Fitness-Faktor.

Text: Peter Struck

Anfangs ist der ungewöhnliche Korso fast täglich das Ziel »auswärtiger und sogar ausländischer Städtebauer«, entwickelt sich in kurzer Zeit zur Sehenswürdigkeit, dient 1956 sogar als Filmkulisse in »Ohne dich wird es Nacht« von und mit Curd Jürgens und 1959 in »Rosen für den Staatsanwalt« von Wolfgang Staudte. Zuvor gab es jedoch erhebliche Bedenken, sogar Klagen gegen die niedrige, provinziell anmutende Bebauung und das Verbannen des Verkehrs. Der fehlende Autoverkehr erweist sich für die Geschäfte der Treppenstraße jedoch schnell als Vorteil.1957 ist die Bebauung der Straße abgeschlossen. Als sie 1953 eingeweiht wird, steht dort noch kein Haus. Diese Vorgehensweise ist ein wichtiges Indiz für die vorrangig verkehrstechnische Funktion der Straße: Der Weg ist das Ziel – was sich entlang des Weges abspielt, ist vorerst nicht so wichtig. Denn die Achse der ›
› Treppenstraße ist keine Erfindung der 50er Jahre: Ein Straßendurchbruch an ihrer Stelle ist bereits 1833 im »Erweiterungsplan der Residenzstadt Kassel« vorgesehen, wird mit dem Bau des Bahnhofs 1857 erneut erwogen. Doch erst die weitgehende Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg macht es möglich, die Mängel im alten Straßenverlauf zu beheben. 1947 übernimmt Architekt Werner Hasper diese Achse in seinen Wiederaufbauplan und liefert damit die Grundlage für eine durchgehende Verbindung zwischen Hauptbahnhof und Karlsaue. Diese neue Achse führt vom Bahnhofsvorplatz zunächst über eine stark befahrene Kreuzung bis zum oberen Rand der Treppenstraße – den neuen Empfangssalon der Stadt, das moderne Entree zur Kasseler Innenstadt. Von ihrem Kopfende geht der Blick über den Friedrichsplatz zum Point de vue des Staatstheaters, das 1959 am anderen Ende der Achse errichtet wird, läuft aus in die Hügellandschaft jenseits der Fulda. Über flache Stufen führt der Weg vorbei an kleinen Boutiquen durch eine heitere Grünanlage. Im unteren Teil verdichtet sich das städtische Gefüge, verengt sich die Straße, um sich anschließend um so weiter auf den Friedrichsplatz zu öffnen. Größere Kaufhäuser leiten über in die Obere Königstraße, die Haupteinkaufsstraße und einstige Hauptverkehrsstraße von Kassel. Den Höhenunterschied von mehr als 15 m überwindet die Treppenstraße auf 275 m Länge in zwei unterschiedlich gestalteten Abschnitten. Eine kreuzende Verkehrsstraße trennt die beiden Teile und weitet sich dort zu einem kleinen Platz. Gesäumt wird die Treppenstraße in beiden Bereichen von zweigeschossigen Gebäuden. Hinter den komplett verglasten Erdgeschossfronten befinden sich Läden und Cafés, im Obergeschoss sind Büros untergebracht. Viergeschossige Bauten betonen die Treppenstraße am Friedrichsplatz und an der platzartigen Mitte. Ist der untere Abschnitt symmetrisch angelegt, so wird der obere Bereich von vier unterschiedlichen ›
› Bauten gerahmt und findet im 12-geschossigen EAM-Hochhaus einen markanten Abschluss. Gegliedert wird die gesamte Treppenstraße durch den regelmäßigen Wechsel von kurzen Treppenabschnitten und langgetreckten Plateaus, an denen die Ladenfronten liegen. Doch haben beide Teilbereiche einen völlig unterschiedlichen Charakter: Im kürzeren unteren Abschnitt flankieren breite Treppen die mittige »Kinderwagen-Rutsche«, im doppelt so breiten oberen Teil werden die schmaleren Treppen und Rampen an den Rand gerückt. So entsteht in der Mitte Platz für terrassenartig angelegte Rasenflächen mit Blumenrabatten und niedrigen Sträuchern. Die unterste Stützmauer nimmt einen Wandbrunnen auf, die übrigen dienen den Cafés als Sitznischen. Während die Fassaden im unteren Bereich eine gestaffelte Front bilden, springen hier im Bereich der Treppen höhere Gebäude kaum merklich in den Straßenraum vor und gliedern die rahmenden Ladenzeilen zusätzlich. Die Bebauung der Treppenstraße ist nüchtern und sachlich, wirkt mit ihren Putzfassaden fast ein wenig streng. Nur im Bereich des mittigen Platzes finden sich auch Natursteine, und einzig das EAM-Hochhaus zeigt ein ausgeprägtes Fassadenrelief. Dieser Straßenzug aus einem Guss spricht als Gesamtheit, funktioniert wie ein einziger großer Körper, lebt von der subtilen Gliederung des Stadtraums und der rhythmischen Staffelung der Bauglieder. Die Straße ist deshalb seit 1984 als »Sachgesamtheit« unter Schutz gestellt. Der Denkmalschutz erstreckt sich jedoch nur auf die Fläche der eigentlichen Straße, nicht auf die angrenzenden Fassaden. So ist der Belag aus Gehbahnplatten und Granitstufen im wesentlichen erhalten geblieben, während im Laufe der Jahrzehnte etwa jede zweite Fassade überformt wurde. Noch im letzten Jahr hat man den markanten Bau der Barmer Ersatzkasse in der Mitte der Anlage um einige Geschosse aufgestockt. Das ist allerdings nur mit geübtem Auge zu erkennen. Einen weit größeren Eingriff in die Struktur der Straße stellt die Königspassage dar, die die Obere Königstraße mit dem oberen Ende der unteren Treppenstraße verbindet: Für den Eingang in der Treppenstraße wurde die Fassade über beide Stockwerke geöffnet. Struktur und Substanz der Straße sind zwar weitgehend erhalten, doch hat das einheitliche Bild gelitten. Auch das ursprüngliche Bild der Treppenstraße war keineswegs homogen, und gerade die unterschiedlich gestalteten Eckbauten dienten ja dazu, der Gefahr der Monotonie entgegenzuwirken. Doch heute wird das subtile Gleichgewicht des Gesamtkunstwerks durch aufdringliche Werbung und individuelle Fassadengestaltung über Gebühr strapaziert. Schon Anfang der 80er Jahre wurde die Fußgängerfreundlichkeit der »Bummelmeile« durch Abhängen der kreuzenden Straße gesteigert und der so entstandene Platz mit Zierbäumen und Kunstwerken möbliert. Damals wurde auch die Öffnung zu einem Fußgängertunnel am oberen Ende der Treppenstraße zugemauert und begrünt, davor eine zusätzliche Brunnenanlage mit kraterförmig ausgestülpten Pflastersteinen installiert. Diese Zugeständnisse an den Zeitgeschmack konnten dem Gesamtbild jedoch nur wenig anhaben. Die Treppenstraße verlor bereits in den 60er Jahren an Bedeutung, als das Auto der Bahn den Rang ablief. Das funktionale Rückgrat wurde ihr vollends gebrochen, als in den 90er Jahren der neue ICE-Bahnhof in Wilhelmshöhe den Betrieb aufnahm. Seitdem hat die Gastronomie hier stetig zugenommen, hat sich die Treppenstraße von einer Geschäftsstraße mit Cafés zu einer gastronomischen Zone mit unverwüstlichen Spezialgeschäften gewandelt. Eine exklusive Geschäftsstraße war die Treppenstraße nie, galt eher als gute Stube. Und das ist diese Ruheinsel inmitten der Stadt noch heute. Ihre beschauliche Atmosphäre lädt mehr denn je dazu ein, hier ungestört zu flanieren oder eine erholsame Pause einzulegen. Wer unbedingt einkaufen möchte, kann sich ja in den Trubel der Königstraße stürzen. •