Umbau und Erweiterung der Kellerei Nals Margreid (I)

Die Topografie des Weins

Die Einbeziehung der Topografie spielt bei diesem selbstbewusst, aber nicht prätentiös auftretenden Neubau der Südtiroler Kellerei Nals Margreid in zweierlei Hinsicht eine besondere Rolle. Zum einen bildet sie die Grundlage eines von Anfang an dreidimensional gedachten Architekturkonzepts, zum anderen wird durch die in einem Kelterturm genutzte Schwerkraft eine besonders schonende Verarbeitung der Trauben möglich.

  • Architekten: Markus Scherer Tragwerksplanung: H&T Planungsbüro
  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: Bruno Klomfar
Apfel- und Weinanbaugebiete sind im Südtiroler Etschtal kaum voneinander zu unterscheiden. Die Ausdehnung der auf beiden Talseiten von schroffen Porphyrfelswänden begrenzten Gebiete ist enorm, und auch die Pflanzen wachsen an vergleichbaren Spalieren. Während das Kernobst nach der Ernte allerdings meist in großen Kühlhäusern landet, stehen zur Kelterung der Weintrauben immer häufiger architektonische Schmuckstücke bereit. Zwar gehört es zu ihren Hauptaufgaben, Geschichten über die Eigenheiten der Weine, Kellereien und Weinlandschaften zu erzählen, wirklich entscheidend sind dennoch die für die Weinherstellung und -lagerung richtigen Rahmenbedingungen. Der Neubau der Kellereigenossenschaft Nals Margreid vereint diese Anforderungen zu einem stimmigen Ganzen, sodass am Ende nicht nur die Architekturtouristen, sondern v. a. die Weine profitieren: Erst kürzlich kürte ein italienischer Weinführer einen 2012er Weißburgunder von Nals Margreid zum besten Weißwein Italiens.
Die insgesamt 150 ha großen Anbaugebiete der Kellerei liegen zwischen Nals im Etschtal und Margreid, 30 km südlich von Bozen. Mit dem Ziel, den Standort Nals zum Hauptsitz auszubauen und dabei die architektonische Qualität der Kellereigebäude an die stetig zunehmende Weinqualität anzupassen, entschloss sich die Genossenschaft im Jahr 2007 zur Neustrukturierung und Erweiterung der dortigen Weinproduktion – Abfüll-, Verpackungs- und Verwaltungsbereiche sowie Vinothek sollten hingegen unverändert bleiben. Einen Architektenwettbewerb konnte Markus Scherer aus Meran für sich entscheiden. Nicht zuletzt, weil sein Entwurf dem Bedürfnis der Bauherren nach »Charakter und Authentizität« entspricht: durch eine selbstbewusste, aber nicht prätentiös ›
› wirkende Formensprache, sowie durch natürliche regionaltypische Materialien, z. B. Eichenholz oder mit gemahlenem Porphyr rötlich durchgefärbter Beton. Ebenso wichtig wie die gestalterische Verzahnung mit dem dörflichen Umfeld, etwa durch das Motiv der Terrassierung von Freibereichen, waren seine Konzepte zur schonenden Weinproduktion sowie zur städtebaulichen Neuordnung des Kellereigeländes.
Eichenholz und Porphyr
Bestand das nach Osten abfallende Areal bislang aus räumlich kaum verknüpften Gebäudestrukturen, ermöglicht das in die Topografie eingepasste Neubauensemble nun die Ausbildung eines mittig gelegenen »Weinhofs«, der als Arbeitshof für kleinere Arbeiten und als zentraler Eingangsbereich für die Besucher dient. Talseitig wird die mit Porphyr gepflasterte Hoffläche von einem bis auf wenige Fensterstreifen geschlossenen Eichenholzquader begrenzt, in dem kleine Eichenholzfässer mit reifenden Barrique-Rotweinen zu sehen sind. Auf der Bergseite befindet sich das eigentliche Produktionsgebäude, hinter dessen in unregelmäßigen Streifen gegliederter Beton-Glas-Fassade Edelstahl- geräte zur Traubenverarbeitung ins Auge fallen. Das charakteristische bauliche Element bildet eine Dachplatte aus rötlichem Spannbeton, die als durchgehender begrünter Deckel das gesamte neue Kellereiensemble nach oben hin abschließt. Die origamihaft skulpturale Unterseite spiegelt die statischen Kräftelinien wider und wirkt durch die Faltungen zudem aussteifend, sodass im Freibereich lediglich zwei Stützen mit dreieckigem Querschnitt genügten, um die teils bis zu 70 cm dicke Platte in rund acht Metern Höhe zu halten. In funktionaler Hinsicht schützt die Dachplatte einerseits den Weinhof und die Dachterrasse des Holzquaders vor Witterungseinflüssen, andererseits verbindet sie Freifläche und Gebäude zu einer Einheit, deren Offenheit die Besucher dazu einlädt, das Gelände zu betreten. Ein Erlebnis für alle Sinne bietet sich ihnen freilich erst, wenn sie über den Weinhof ins Gebäudeinnere gelangen und den intensiven Traubenduft und die unterschiedlichen Temperaturen und Luftfeuchten der Weinkeller spüren.
Gezielter Einsatz der Schwerkraft
Wesentliches Merkmal von Scherers Idee einer schonenden Weinproduktion ist die Realisierung eines Kelterturms, bei dem die Trauben – dem natürlichen Höhenunterschied des Geländes und der Schwerkraft folgend – zu keinem Zeitpunkt aufwärts transportiert oder gar gepumpt werden müssen. Auf diese Weise lässt sich vermeiden, dass zu früh vom Stielgerüst abgelöste Beeren ›
› oder zerquetschte Kerne biologische Prozesse in Gang setzen, die den späteren Geschmack des Weins negativ beeinflussen. Über den Anlieferungsbereich am höchsten Punkt des Geländes – der einzigen Stelle, an der der Neubau eher unterkühlt und abweisend erscheint – kommen die Trauben zunächst in eine Halle, die außerhalb der Erntezeit als Lagerfläche dient. Über Edelstahlwannen mit Förderschnecken fallen die Trauben zur Entfernung der Stielgerüste direkt in die auf Weinhof-Niveau platzierten Entbeerungsgeräte – hier liegt auch der Zugang zu einem völlig unspektakulär in den Neubau integrierten Bestands-Weinkellers. Wiederum ein Geschoss tiefer, am Rand des eigentlichen neuen Weinkellers, erfolgt das Pressen der abgelösten Trauben. Von dort gelangt der Saft ins tiefste Geschoss des Kelterturms, wo er so lange zwischengelagert wird, bis der größte Teil der Schwebstoffe auf natürliche Weise abgesunken ist. Erst dann kommt der Most in die Edelstahltanks bzw. die Holzfässer, in denen schließlich die Weinreife beginnt.
Der sorgfältigen Verarbeitung der Trauben entspricht die gestalterische Sorgfalt der neuen Kellerräume. Zum einen ist – wie schon in den Außenbereichen – der mit Porphyr rötlich gefärbte Beton auch hier prägend, zum anderen blicken die Teilnehmer zahlreicher Führungen auf eine wohlgeordnete Haustechnik, sodass der neue Weinkeller unter dem Weinhof als Mischung aus wissenschaftlichem Labor und Reinraum-Industriebetrieb erscheint. Hinzu kommen linear gereihte Edelstahltanks, ein dunkler Industrieestrich sowie eine überaus klar strukturierte oder gleich ganz verborgene Leitungsführung. Beispielsweise befinden sich störende Schalt- kästen oder Lüftungsleitungen in separaten, außen umlaufenden Technik- gängen, während Schalter und Wasseranschlüsse auf kleine Wandbereiche konzentriert sind.
»Weinkeller« über der Erde
Wer von diesem Weinkeller aus eine unscheinbare Edelstahl-Wendeltreppe emporsteigt, verspricht sich zunächst nur eine andere Raumperspektive – bis die Luft im Bereich der Geschossdecke aber schließlich nach Holz zu duften beginnt und man von den Fässern des bereits erwähnten Holzkörpers umgeben ist. Letzte Zweifel, dass es sich bei diesem Raum nur um ein repräsentatives Schein-Lager handeln könnte, sind angesichts der fast schon sakralen Atmosphäre bündiger Eichenholzoberflächen und der offensichtlich rege genutzten Fässer wie weggeblasen. Was heute wie selbstverständlich wirkt, bedurfte jedoch einer besonderen Planungssorgfalt, schließlich liegt der Weinkeller über der Erde, noch dazu als reine Holzkonstruktion. Natürlich soll dieser »Barrique-Keller« auf plakative Weise traditionelles Weinhandwerk zeigen. Dennoch, betont Kellermeister Harald Schraffl, würde es diesen Raum in dieser Form nicht geben, wenn es nicht gelungen wäre, ideale Bedingungen für den Wein zu schaffen. Wesentlich für alle Weinkeller ist für ihn letztlich nicht die Lage im Gebäude, sondern ein kontrolliertes Raumklima – insbesondere in Bezug ›
› auf Temperatur und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse. Um kein Risiko einzugehen, entschied sich die Kellerei für den Einbau einer Raumbefeuchtungsanlage, die allerdings seit Fertigstellung kaum in Betrieb war, weil sich herausstellte, dass allein das regelmäßige Abwaschen der Fässer und Abspritzen des Bodens ausreichen, um für einen konstanten Feuchtegehalt der Holzfässer zu sorgen. Wesentlich für das Funktionieren dieses Konzepts ist die weitgehende Abschottung des Holzbaukörpers vor Witterungseinflüssen. Aus diesem Grund verfügt er auch über eine hochwärmegedämmte Außenhülle sowie über nur wenige Fenster, die überdies so ausgerichtet sind, dass es keine Sonnenen- ergieeinträge gibt.
Weinlandschaft, Weinproduktion und Wein als Einheit
Der »Barrique-Keller« liegt nicht nur aus repräsentativen Gründen unmittelbar am Eingangsbereich, sondern auch, weil im UG schlicht kein Platz mehr war. Letztlich bietet dieser Standort jedoch viele Vorteile. So trägt der niedrige Baukörper mit geölter Eichenholzbekleidung wesentlich zur angenehm kleinteiligen Gliederung des Neubauensembles bei. Zugleich ergab sich für die Kellerei die Chance, Weinlandschaft, Weinproduktion und Wein auf eine überaus sinnliche Art und Weise auf der Dachterrasse zusammenzuführen. Für die Besucher ist es jedenfalls ein besonderes Erlebnis, aus dem Weinkeller über den Kelterturm an einen Ort mit derart überwältigender Aussicht auf das Etschtal zu kommen und dort jenen Wein zu probieren, dessen Trauben in Sichtweite geerntet und verarbeitet wurden. Richtige Weinverkostungen finden zwar nach wie vor in der gediegenen Atmosphäre der alten Vinothek statt, ohne den Neubau wäre das Markenerlebnis Nals Margreid allerdings nur halb so intensiv. •
  • Standort: Heiligenbergerweg 2, I-39010 Nals Bauherr: Kellerei Nals Margreid, Nals Architekt: Markus Scherer, Meran Projektmitarbeit: Heike Kirnbauer Tragwerksplanung, technische Bauleitung: H&T Planungsbüro, Bozen HKLS-Planung: Energytech, Bozen BRI: 4 100 m³ oberirdisch, 10 200 m³ unterirdisch Fertigstellung: Juni 2011 Baukosten: keine Angaben
  • Beteiligte Firmen: keine Angaben
  • 1 Anlieferung 2 Kelterturm 3 Terrasse 4 Reifekeller, Bestand 5 Besucherhof 6 Barrique-Keller 7 Gärkeller
  • 1 Anstrich, UV-beständig
  • 2 Stahlbetondecke, Sichtbeton, 250-750 mm
  • 3 Attika
  • 4 Dübel aus verzinktem Stahl
  • 5 Attikabekleidung aus Aluminium, PVC-beschichtet
  • 6 Attikaabdeckung aus Stahlblech
  • 7 Dachaufbau:
Extensivsubstrat, 100 mm
Filtervlies
Dränschicht, 50 mm
Dämmung, 140 mm
Trenn- und Schutzschicht
Stahlbetondecke, Sichtbeton, 250-750 mm
  • 8 Dreieckige Betonstütze
  • 9 Stahlblechverkleidung auf Stahlunterkonstruktion befestigt, lackiert, 3 mm

Nals Margreid (I) (S. 42)

Markus Scherer
1962 in Wien geboren. Architekturstudium an den Universitäten Wien und Venedig. 1990 Abschluss, 1991 Staatsexamen. Seit 1992 freiberuflich tätig. Zahlreiche Auszeichnungen.
Roland Pawlitschko
s. db 11/2013, S. 96.