Schutzdach einer Ausgrabungsstätte in Cartagena (E)

Die gefaltete Wolke

Die Überdachung einer römischen Ausgrabungsstätte in Cartagena sollte einen eleganten Rahmen bieten, den historischen Funden nicht die Schau stehlen und zugleich im Kontext der Altstadt als Landmarke dienen, ohne aber den vorgegebenen Kostenrahmen zu sprengen. Resultat ist eine leicht wirkende Wolke, die alle diese Anforderungen bravourös meistert.

  • Architekten: amann cánovas maruri Tragwerksplanung: José Cerezo Ingeniería
  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: David Frutos
Aufgerissene Straßen, große Schotterhaufen und lange Bauzäune prägen den nördlichen Rand eines mit wilden Büschen und Gräsern bewachsenen Hügels mitten in der Altstadt Cartagenas. Man könnte fast meinen, sich vor der Schutthalde eines Bauunternehmens am Stadtrand zu befinden. Erst eine Besteigung des lang gestreckten Bergrückens rückt diese verkehrte Welt allmählich wieder gerade. So präsentiert sich dessen südliche Seite als neu in Terrassen angelegter Park, von dem aus sich die gesamte Stadt, das Mittelmeer und das karge Hinterland überblicken lässt. Was sich allerdings trotz der direkt unterhalb des Parks neben einer schlichten weißen Faltstruktur freigelegten Gebäudefragmente nur erahnen lässt, ist die mehr als zweitausendjährige Geschichte der Hafenstadt: 200 v. Chr. von den Karthagern als Hauptstadt im Südosten der Iberischen Halbinsel gegründet, erfolgte erst die Besetzung durch Römer, Westgoten und Mauren, ehe spanische Christen sie im 13. Jahrhundert schließlich zurückeroberten.
Während dieser bewegten Jahrhunderte wurde die Stadt mehrmals vollständig zerstört und neu aufgebaut, sodass der Wandel heute als eine der wichtigsten Konstanten Cartagenas gilt. Erst vor einigen Jahrzehnten startete der bislang letzte Umbauprozess, der die Stadt zum Meer öffnen soll. Folge dieses ambitionierten Plans sind zahlreiche Universitäts-, Kunst- und Kultureinrichtungen (s. db 6/2012, S. 28), letztlich aber auch die grazile Überdachung römischer Ausgrabungsfunde unmittelbar am Fuß des Molinete, jenem eingangs beschriebenen Hügel, dessen Name auf die dort einst errichteten runden Windmühlen zurückgeht. ›
Transluzenter weisser Schleier
Gegen Windmühlen hatte das Madrider Architekturbüro amann cánovas maruri vielleicht nicht gerade anzukämpfen, nachdem es als Gewinner eines 20 Jahre zurückliegenden Städtebauwettbewerbs von der Stadt mit der Planung einer Überdachung beauftragt wurde. Allerdings stand es sehr kritischen Archäologen gegenüber. Und für die war von Anfang an unumstößlich, dass die auf der Fläche eines längst abgerissenen Rotlichtviertels freigelegten Teile eines römischen durch Baumaßnahmen weder beschädigt noch durch ein überinszeniertes Architekturspektakel in den Schatten gestellt werden durften. Also suchten die Architekten nach einer Dachform, die weder wie ein tumbes Einkaufszentrum noch künstlerisch überhöht wirken sollte. Resultat war ein elegantes Faltwerk, das sich als transluzenter weißer Schleier tief über die Ausgrabung legt, um sie so bestmöglich vor Regen, Sonne und Staub zu schützen. Für Passanten in der angrenzenden Altstadtgasse mag diese Struktur hinter der Abgrenzung aus schräg gestellten, hell- und dunkelgrünen Acryllamellen zunächst etwas wuchtig und schwer wirken. Stehen sie jedoch erst einmal direkt davor oder oben bei den Windmühlen, dann weckt die Überdachung tatsächlich Erinnerungen an eine leichte Wolke, die über dem kargen Boden schwebt und fließend an der Außenwand eines Nachbarhauses in die Stadt übergeht.
Konzentration auf das Wesentliche
Die z.T. bis auf eine Höhe von mehreren Metern erhaltenen römischen Mauerreste werden von den runden Stahlrohrstützen der gut 1800 m² großen Dachkonstruktion und ihren teilweise als hohe Sockel ausgebildeten Fundamenten nicht nur nicht beeinträchtigt; vielmehr sorgt ihre Lage jeweils auf den historischen Gebäudeachsen, mitunter auch inmitten rekonstruierter Wände, für eine gut nachvollziehbare Gliederung der Ausgrabungsbereiche. Weil sich der Untergrund als wenig tragfähig erwies, aber auch um möglichst wenig Grundfläche zu zerstören, gründen die insgesamt 13 Einzelstützen bzw. Stützenbündel auf rund zehn Meter tiefen Bohrpfählen. Dank der insgesamt relativ geringfügigen und zugleich sorgfältig platzierten Eingriffe können sich die Besucher heute frei auf niedrigen Holzstegen zwischen den Gebäuderesten bewegen, ohne sich dabei Gedanken über die Lastabtragung eines mehrere hundert Tonnen schweren, zum Molinete hin weit auskragenden Stahltragwerks zu machen.
Zwar lag das Hauptaugenmerk der Architekten klar auf der Gestaltung einer einfach herstellbaren, ästhetischen und sinnlichen Hülle, die den würdevollen Rahmen zur Präsentation der darunter liegenden ›
› Ausgrabung bieten sollte. Ohne ein wirtschaftliches und im doppelten Wortsinn tragfähiges Innenleben wäre dieses Ziel jedoch kaum zu erreichen gewesen. Mit Blick auf eine möglichst kostengünstige und mit überschaubarem Arbeitsaufwand realisierbare Konstruktion unterwarfen sie sich einigen selbst auferlegten Einschränkungen. So arbeiteten sie ausschließlich mit Stahlbauunternehmen und Ingenieuren aus Cartagena, um Transport- und Reisekosten zu minimieren. Zugleich akzeptierten sie damit jene Grenzen, die ihnen das Know-how und die Fertigkeiten der Beteiligten auferlegten. Soweit möglich, wurden einzelne Bauteile aus standardisierten Stahlprofilen nach Plänen der Ingenieure in der Werkstatt vorgefertigt und dann auf der Baustelle zusammengeschweißt, die restlichen Arbeiten erfolgten ohnehin vor Ort. Dass am Ende eine relativ einfache Systemkonstruktion aus unregelmäßigen, ebenso zweckmäßigen wie ästhetischen Haupt- und Nebenfachwerkträgern entstand, lag nicht unerheblich an der engen Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren während aller Planungsphasen.
Ästhetik mit Augenmass
Für das homogen und leicht wirkende Erscheinungsbild der Faltstruktur sorgt einerseits die durchgängig ohne sichtbare Verbindungsbauteile wie etwa Schrauben oder Zusatzbleche geschweißte Konstruktion, andererseits aber auch die allseitige Verkleidung mit wellenförmigen Lochblechelementen, hinter denen die tragende Struktur nur schemenhaft zu erkennen ist. Das gilt für den Blick zur Decke ebenso wie für jenen auf die Dachfläche, unter der sich eine zweite Schicht aus wellenförmigen Kunststoffpaneelen zur Dachentwässerung befindet. Die Ableitung von Regenwasser erfolgt über kaum sichtbare Gefälleleitungen zwischen den Fachwerkträgern, z. T. auch im Innern der Stützen. Die Sammlung von Regenwasser in einer Zisterne zur Bewässerung des Molinete-Parks fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie die Idee, lichtdurchlässige Solarpaneele auf dem Dach zu installieren, um damit z. B. den Strom zur abendlichen Beleuchtung zu erzeugen – diese konzentriert sich heute auf die Illumination des Faltwerks als Landmarke, während die Ausgrabung nur indirekt angeleuchtet wird. Zur Disposition stand zeitweise auch die dachseitige Lochblechverkleidung. Diese blieb von Einsparungen nicht nur deshalb verschont, weil sie vom Molinete aus gut einsehbar ist, sondern auch, weil sie die darunter liegenden Kunststoffwellen vor Sonnenstrahlung, Verwitterung, Vögeln und anderen Tieren schützt.
Auch wenn es theoretisch denkbar wäre, soll die Überdachung selbst bei fortschreitendem Ausgrabungsverlauf nicht erweitert werden. Zum einen, weil die Architekten sie als in sich geschlossene Form konzipierten, zum anderen, weil die dort lokalisierten Funde weniger schutzbedürftig sind. Hinzu kommt, dass hier wegen der Wirtschaftskrise derzeit ohnehin immer weniger Archäologen anzutreffen sind. Dafür sind die Besucherzahlen seit Eröffnung im April so rasant gestiegen, dass es heute in ganz Cartagena nur noch ein Museum mit mehr Zulauf gibt. Ein Erfolg, der neben den Archäologen v. a. den Architekten gebührt, die sich nicht nur mit großen Zielen, sondern auch mit angemessenen Lösungen eingebracht haben. •
  • Standort: Parque Arqueológico del Molinete, Calle Balcones Azules, E-30201 Cartagena Bauherr: Cartagena Puerto de Culturas Architekten: : amann cánovas maruri, Atxu Amann, Andrés Cánovas, Nicolás Maruri, Madrid Projektteam: Nacho Álvarez-Monteserín, Javier Gutiérrez, Ana López, Pablo Sigüenza, José López Bauleitung: Andrés Canovas, Nicolás Maruri Tragwerksplanung: José Cerezo Ingeniería, Murcia Gebäudetechnik: Condiciones Internas, Madrid Wissenschaftliche Überwachung und Grabungsleitung: José Miguel Noguera Celdrán, María José Madrid Balanza Restaurierung- und Konservierungsleitung: Izaskun Martínez Péris Kostenplanung: Rafael Checa, Cartagena Überbaute Fläche: 1 847 m² Baukosten: 977 719 Euro Bauzeit: September 2010 bis November 2011
  • Beteiligte Firmen: Bauunternehmer: Taller de Construccion TMR, Madrid, www.tallertmr.com Stahlbleche: Arcelor Mittal, Navarra, www.tallertmr.com Polycarbonat-Platten: dott. Gallina, La Loggia, www.tallertmr.com Acryl-Platten: PT Polimer Tecnic SLU, Girona, www.tallertmr.com

  • Cartagena (E) (S. 36)
    amann canovas maruri
    Atxu Amann
    1961 in Madrid geboren. Studium der Architektur und Promotion an der ETSAM, Studium der Stadttechnik. Mitarbeit an der Zeitschrift Arquitectos. 1987 Bürogründung und Beginn der Lehrtätigkeit an der ETSAM.
    Andrés Cánovas
    1958 in Cartagena geboren. Architekturstudium an der ETSAM. 1987 Bürogründung und Beginn der Lehrtätigkeit an der ETSAM. 1987-2006 Mitarbeit und Leitung der Zeitschrift Arquitectos.
    Nicolás Maruri
    1961 in Madrid geboren. Architekturstudium und Promotion an der ETSAM. 1987 Bürogründung und Beginn der Lehrtätigkeit an der ETSAM. 2007 Masterabschluss an der Columbia University, New York.
    Roland Pawlitschko
    s. Cehegín