Verwaltungsgebäude in Hamburg

Der sanfte Riese

Wieder einmal beweist ein Gebäude, dass Energieeffizienz, das Erreichen eines Goldzertifikats – in dem Fall das HafenCity-Umweltabzeichen – und anspruchsvolle Architektur durchaus in Einklang zu bringen sind. Die neue Firmenzentrale von Unilever, u. a. komplett mit LED ausgestattet, zeigt, wie.

  • Architekten: Behnisch Architekten Energiekonzept: Transsolar
  • Kritik: Claas Gefroi Fotos: Adam Mørk
An der Elbe in Hamburg zu bauen, heißt, den Elementen trotzen. An den Ufern des Stroms sind die Häuser feste Burgen aus rotem Stein, mit trutzigen Sockeln und stählernen Schotten. Das hat Sinn, denn Sturmfluten und Orkanwinde rütteln manches Mal heftig an den Gebäuden, die sich in dieses raue Umfeld vorwagen. Doch am Strandkai, direkt an der Norderelbe, liegt seit kurzem ein weißer Riese, der so gar nicht in dieses vertraute Bild passt. Nicht irden und schwer wirkt er, sondern sanft und zugleich majestätisch, fast wie eines der Kreuzfahrtschiffe, die gleich nebenan anlegen. Es ist die neue Deutschland-Zentrale des Konsumgüterkonzerns Unilever, der aus seinem wunderschönen, aber in die Jahre gekommenen Hochhaus nun in die HafenCity zog. Die ungewöhnliche gefaltete, transparente Hülle ist nicht als Verstoß gegen die lokale Bautradition gedacht, sondern Ausdruck eines von innen nach außen entwickelten Raumkonzepts, das auf größtmöglicher Offenheit beruht. Nicht ein weiteres wichtigtuerisches und abweisendes Firmenhauptquartier wollten Unilever und Behnisch Architekten errichten, sondern ein jedermann offen stehendes, soziales Haus.
Transparentes Segelkleid
Das erste Staunen setzt ein, wenn man erkennt, dass die vermeintliche Glasfassade eine transparente Kunststoffhaut ist, die wie ein gespanntes Segel im beständig wehenden Wind sacht vibriert. Diese vertikale Membranhülle ist der eigentlichen Fassade aus waagerechten Brüstungs- und Fensterbändern vorgelagert. Dafür wurden in eine Rahmenkonstruktion einlagige, farbneutrale EFTE-Folien eingespannt, die eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren besitzen und dank sogenanntem Lotuseffekt leicht mit einem Wasserstrahl zu reinigen sein sollen. Um große Spannweiten trotz hoher Windlasten zu erreichen, mussten die Folien mittels eines Stahlseilnetzsystems und stählernen Druckstempeln sattelförmig gekrümmt werden. Viel Aufwand also für eine vergleichsweise kleine Aufgabe, denn die EFTE-Haut dient lediglich als Windschutz für den außen angebrachten Sonnenschutz. Immerhin können dadurch die Sonnenschutzlamellen noch bei Windstärke 7 unten bleiben und so Kühlenergie und Geld sparen helfen. Zudem ist die Funktion hier nur ein zweitrangiger Aspekt; wichtiger war, dass die Außenhaut dem Gebäude auch eine vollkommen andere, »weichere« Anmutung als eine konventionelle Doppelglasfassade verleiht.
Im »Schlund«
Der mehrfach geknickte, skulpturale Baukörper harmonisiert bestens mit dem gleich nebenan aufragenden luxuriösen Marco-Polo-Wohnturm (ebenfalls Behnisch Architekten) und den beschwingten Außenanlagen von EMBT Miralles Tagliabue. Von den Marco-Polo-Terrassen am Ende des Grasbrookhafens wird man in den »Schlund« des Unilever-Haupteingangs geradezu hineingesogen. Man sollte seiner Neugier nachgeben und diesem Weg folgen, denn er führt direkt ins Zentrum des Großbaus: ein immenses, mit gläsernen Sheds überdachtes Atrium, eingefasst von Galerien und Büroetagen. Die spektakuläre Halle ist von keinem Standort aus gänzlich zu erfassen; mehrfach gefaltet und von Brücken, Rampen und Treppen durchzogen, bieten sich immer wieder neue überraschende Ein- und Ausblicke in Büros, in den Himmel, auf die Elbe. Die fast schon überbordende Komplexität der Halle ist auch auf die Vielzahl der Elemente zurückzuführen, die hier zusammenkommen: Treppen, Brücken, Pfeiler, ein gläserner Aufzug, ein verspiegelter Raucherpavillon, ringförmige Beleuchtungskörper, Metall-roste vor knallgrünen Akustikplatten an der Innenfassade. Ein ordnendes, ausgleichendes Prinzip gibt es nicht, stattdessen: Durchdringungen, Überschneidungen, Kontraste.
Meeting-Points und Lümmelbretter
Das EG ist als öffentliche Passage mit Geschäften, Café, Spa und Versuchs- küche für die Konzernprodukte gestaltet und endet in einer Aussichtsterrasse direkt an der Wasserkante. Was auffällt: Nicht nur die öffentliche Ebene, das ganze Haus ist erfüllt mit Leben. Jemand lugt neugierig aus seinem geöffneten Bürofenster hinunter, ein anderer sitzt in einer Lounge bei einem Kaffee, andere unterhalten sich zwischen Galerie und Treppe. ›
› Die Architekten haben eine Menge unternommen, um diese Lebendigkeit zu erreichen: Rund ums Atrium reihen sich offene »Meeting Points« mit Kopierer, Postfächern, Kaffeemaschine, vor allem aber Sofas und Sesseln zum zwanglosen Plausch. Die Geländer sind als breite »Lümmelbretter« gestaltet, deren Name schon die Funktion verrät.
Auch die Bürobereiche für die 1 200 Mitarbeiter unterscheiden sich wohltuend von hierarchisch strukturierten Konzernzentralen: Statt Einzelzimmern, nobler Ausstattung und Hightech-Details gibt es speziell gefertigte, aber einfache, bunte Möbel aus einem Baukastenprogramm, unbekleidete Sprinklerrohre an der Decke, individuell gestaltbare, aber egalitäre Gruppenarbeitsräume. Und die gewünschte Wirkung stellt sich tatsächlich ein: Im Alltag geht es hier so leger und zwanglos zu wie in einem Startup-Unternehmen.
Stromsparer
Wegweisend ist nicht nur die Gestaltung, sondern auch das Nachhaltigkeitskonzept der Firmenzentrale. Ein wichtiger Baustein für eine hohe Energieeffizienz ist das räumliche Konzept eines kompakten Baukörpers mit einem innen liegenden Atrium als Klimapuffer – ein probates Mittel, um die Aufheizung am Tage und die Abkühlung in der Nacht abzumildern. Wirklich außergewöhnlich ist jedoch die Energieeinsparung durch ein innovatives Beleuchtungskonzept. Atrium und Büros sind so gestaltet, dass sie viel Tageslicht erhalten, was den Gebrauch künstlicher Beleuchtung minimiert. Wird es dunkler, werden nicht nur die Arbeitsplätze, sondern das gesamte Gebäude ausschließlich mit LED-Leuchten erhellt, was die Stromkosten für die Beleuchtung um eindrucksvolle 70 % senkt. Auch die gegenüber konventionellen Leuchten geringen Betriebs- und Wartungskosten tragen dazu bei, dass sich die um 30 % höheren Anschaffungskosten schon nach wenigen Monaten amortisieren. Ein positiver Nebeneffekt von LEDs ist, dass sie kaum Abwärme produzieren, weshalb auf Zwischendecken für Deckenleuchten verzichtet werden konnte – die zusätzlichen 30 cm Raumhöhe machen sich angenehm bemerkbar. Die Leuchtenfirma entwickelte zusammen mit den Architekten eine Vielzahl spezieller LED-Leuchten, von denen einige inzwischen in die Serienproduktion aufgenommen wurden.
Bemerkenswert sind die 1 400 Stehleuchten an den Arbeitsplätzen, die sowohl direktes, blendfreies Licht als auch indirektes Raumlicht spenden. Für die indirekte Beleuchtung ist keine Reflektion über eine Decke notwendig, weshalb die Leuchte auch in hohen Räumen nutzbar ist. Im Direktlichtbetrieb benötigt sie nur 70 W (gegenüber einer konventionellen Büroleuchte mit 240 W), um die geforderte Beleuchtungsstärke von 500 Lux zu erreichen. Eine milde erzieherische Maßnahme ist die kleine grüne Kontrollleuchte, die bei stromsparendem Gebrauch der Lampe aufleuchtet.
Die Büroräume werden durch bauteilaktivierte Stahlbetondecken gekühlt und geheizt. Damit die Speicherfähigkeit der Decken nicht durch Bekleidungen eingeschränkt wird, wurde eine perforierte Doppelbodenkonstruktion ersonnen, die sowohl der Lüftung als auch dem Schallschutz dient. Um zu vermeiden, dass sich im Sommer das Atrium zu sehr aufheizt, sind zumeist nur die Nordseiten der Sheds verglast worden. Auf dem Dach befinden sich zudem auch Wärmetauscher, die die Wärme der Abluft nutzen. Die ursprünglich geplante Warmwassererzeugung mittels Geothermie ließ sich aufgrund ungünstiger Bodenverhältnisse nicht realisieren. Weitere Elemente des Nachhaltigkeitskonzepts sind Grauwassernutzung, wasserlose Urinale, ökologisch optimierte Baustoffe und Gründächer. Selbst an den Einbau von »CO-Wächtern« in der Tiefgarage hat man gedacht, damit die dortige Lüftungsanlage nur bei Bedarf aktiviert wird.
Stromfresser
Großen Wert wurde darauf gelegt, dass die Nutzer nicht durch die Gebäudetechnik zu sehr eingeschränkt werden: Jedermann kann zusätzlich zur Bauteilaktivierung installierte Heizkörper, den Sonnenschutz und die künstliche Beleuchtung individuell regeln, wobei im Zweifel die Behaglichkeit über der Ressourcenschonung steht. Auch die Frischluftzufuhr bleibt in der Hand der Mitarbeiter, denn sowohl Außen- als auch Atriumfenster können geöffnet werden. Doch es gibt Ausnahmen. Immer wenn ein ›
› Kreuzfahrtschiff beim benachbarten Terminal anlegt, heißt es: Schotten dicht! Damit die Schiffe auch während ihrer Liegezeit mit Strom versorgt werden, müssen die Schiffsdiesel weiterlaufen – und diese verbrennen besonders schadstoffbelastetes Schweröl. Konzepte zur Versorgung der schwimmenden Städte mit Landstrom werden entwickelt, doch bis es dazu kommt, schließt man bei Unilever alle paar Tage die Außenfenster und leitet die Luft, zentral angesaugt und gefiltert, über den Druckluftboden in die Büros. Das kostet Strom und drückt die Energiebilanz, dennoch soll der Primärenergiebedarf des Hauses bei unter 100 KWh/m2a liegen – ein wirklich beachtlicher Wert.
Vergoldet
Mit der Fülle ökologischer Maßnahmen erreicht der Neubau das Hafen- City-Umweltabzeichen in Gold. Die HafenCity hat bereits Jahre vor der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) ein eigenes Zertifizierungssystem entwickelt, das dem weltweit immer noch dominierenden amerikanischen LEED-System weit überlegen ist, weil es ein weites Spektrum von Faktoren erfasst, aber bei der Erreichung der Nachhaltigkeits- ziele viele Spielräume lässt. Gerade diese Flexibilität macht es für Bauherren und Architekten attraktiv: Um beispielsweise den Goldstandard zu erreichen, müssen in drei von fünf Kategorien außergewöhnliche Leistungen (Gold-Standard) erreicht werden. Das Unilever-Gebäude konnte besonders beim nachhaltigen Umgang mit energetischen Ressourcen (geringer Primärenergiebedarf), dem nachhaltigen Gebäudebetrieb (u. a. durch Erstellung eines detaillierten Betriebshandbuchs) und dem nachhaltigen Umgang mit öffentlichen Gütern (geringer Flächenverbrauch durch kompakte Bauweise und öffentliches EG, Grauwassernutzung, wasserlose Urinale etc.) punkten. Weitere Kategorien, in denen das Gebäude »nur« Silber erreichte, sind die Verwendung umwelt- und ressourcenschonender Baustoffe und die besondere Berücksichtigung von Gesundheit und Behaglichkeit.
Die Unilever-Zentrale zeigt: Nachhaltigkeit ist mehr als Energie- und CO2-Einsparung, es geht um eine ganzheitliche Betrachtung von Bauwerken während ihres gesamten Lebenszyklus. Der sanfte, grüne Riese am Elbufer ist nachhaltig in diesem allumfassenden Sinn und beweist, dass ökologisches Bauen, außergewöhnliche Architektur und Nutzerfreundlichkeit kein Widerspruch sein müssen. •
  • Bauherr: Strandkai 1 Projekt GmbH c/o HOCHTIEF Projektentwicklung, Hamburg Nutzer: Unilever Deutschland GmbH, Hamburg Architekten: Behnisch Architekten, Stuttgart Projektleitung: Peter Schlaier, Projektarchitekt: Stephan Zemmerich Mitarbeiter: Andreas Leupold, Irina Martaler, Eckart Schwerdtfeger, Dennis Wirth, Andreas Peyker, Mandana Alimardani, Jens Berghaus Tragwerksplanung: Weber Poll, Ingenieure für Bauwesen, Hamburg Entwurf Tragwerk: Pfefferkorn Ingenieure, Stuttgart-Botnang Haustechnik HLS: HKP Ingenieure, Hamburg Energiekonzept Wettbewerb: TRANSSOLAR Energietechnik, Stuttgart BGF: 38 000 m2 Nutzfläche: 24 000 m2 BRI: 165 000 m3 Baukosten: keine Angaben Bauzeit: 2007 bis September 2009 Auszeichnungen: BEX Award 2009, Umweltzertifikat der HafenCity in Gold 2009, Barcelona World Architecture Festival Award 2009 (Offices)
  • Beteiligte Firmen: Holzwolle-Akustikplatten: Heraklith, www.heraklith.com / www.heraklith.com, Iphofen Leuchten: Runde Modul R-Pendelleuchte mit Acryl-Diffusorscheibe, Arbeitsplatzstehleuchten Typ Office Air LED, Nimbus Group, Stuttgart, www.heraklith.com