Schulkindergarten in Buchen/Odenwald

Das grosse vier mal eins

Bauzeit und Baukosten sind für die Auftraggeber von Kindergärten oft wesentliche Vergabekriterien – so auch bei dem Schulkindergarten »Pusteblume« für fünf Kleingruppen körper- und sprachbehinderter Kinder im Neckar-Odenwald-Kreis. Ein klug geplanter Holzsystembau setzte sich hier gegen eine schnöde Container- Lösung durch: Für lediglich 223 Euro/m³ in acht Monaten errichtet, bietet der Bau den Kindern nachvollziehbar gefügte Architektur und behagliche Räume.

  • Architekten: Ecker Architekten Tragwerksplanung: Färber + Hollerbach
  • Kritik: Christoph Gunßer Fotos: Constantin Meyer
Der Kindergarten ist für die meisten jungen Menschen das erste Gebäude außerhalb des Elternhauses, das sie selbständig erleben und entdecken dürfen. Ob die gebaute Welt als anregend oder bedrückend, als spannend oder als langweilig empfunden wird, entscheidet sich oft schon in dieser frühen Lebensphase. Nach dem »Pisa-Schock« rückt die frühkindliche Förderung deshalb auch bei Architekten und ihren notorisch klammen öffentlichen Auftraggebern zu Recht ins Zentrum des Interesses.
So zeigte sich der Landrat des Neckar-Odenwald-Kreises denn auch einsichtig, als die Architektin Dea Ecker gegen seinen Plan protestierte, den dringend benötigten Schulkindergarten in Containern unterzubringen. Doch mehr kosten dürfe die Alternative freilich nicht. Buchstäblich über Nacht entwickelte das junge Büro den Gegenvorschlag – und überzeugte den zuständigen Ausschuss.
Vier identische Einheiten
Auf einem ehemaligen Sportgelände im Süden der Stadt, umgeben von banalen Schul- und Gewerbebauten, planten die Architekten den Kindergarten-Neubau. Die Pädagogen der bereits bestehenden Einrichtung, die bis dahin ›
› völlig unzureichend im dritten Stock eines Altbaus untergebracht war, unterstützten sie dabei. – Die Lehrkräfte fördern ungefähr 40 körperlich, geistig oder sehbehinderte Kinder im Alter von drei bis acht Jahren in fünf Gruppen. Vormittags schulen die speziell ausgebildeten Lehrer vorwiegend die Wahrnehmung der Kinder, nachmittags gehen sie meist ins Freie, um die motorischen Fähigkeiten zu entwickeln oder einfach die Möglichkeit zum »Luft ablassen« zu bieten. Ziel der Einrichtung ist es, die zum Teil auch nur entwicklungsverzögerten Kinder auf den Schulalltag vorzubereiten, sie »schulreif« zu machen.
Der Name »Pusteblume«, auf den der Schulkindergarten getauft wurde, soll diese »Hilfe zur Selbsthilfe« zum Ausdruck bringen. Barrierefreiheit, einfache Orientierung, Bezug zum Freiraum waren daher wichtige Aspekte des Entwurfs. Die Architekten fügten den eingeschossigen Baukörper aus vier identischen, im Werk weitgehend vorgefertigten, annähernd quaderförmigen Holzrahmenbau-Modulen zusammen (die Dachneigung beträgt drei Grad), die sich um einen quadratischen Innenhof gruppieren. Dieser überdachte Hof übernimmt die Funktion als Verteiler der Erschließung, als Treffpunkt, Turnraum und Aula. In der Form von Windmühlenflügeln führen von diesem »Marktplatz« die Flure respektive »Gassen« zu den einzelnen Gruppenräumen.
Die drei nach Osten, Westen und Süden orientierten Module enthalten jeweils zwei etwa quadratische Gruppenräume (zwei Achsen der Konstruktion) und einen kleineren Therapieraum (eine Achse); der nördliche, zum Eingang gewandte Baustein dient als Lehrerzimmer und Sekretariat; hier sind auch die Küche, die Toiletten und ein Wickelraum untergebracht. Um die Orientierung zu erleichtern, sind die Linoleum-Fußböden und die Einbaumöbel jedes Moduls in einer eigenen Leitfarbe gehalten.
Orientierung via Sonnenstand
Vor allem aber soll die Gestaltung des zentralen Raums Orientierung bieten. Mächtige, 60 cm hohe Unterzüge überspannen den quadratischen Zentralraum und teilen die Decke in vier kleinere Quadrate. Über jedem dieser Quadrate erhebt sich ein 45 Grad spitzer, fünf Meter hoher Pultdachkörper mit großen Fenstern, »Zipfelmützen« genannt. Jede der senkrechten Fensteröffnungen weist in eine andere Himmelsrichtung, und jeder Dachraum ist in einer anderen Farbe gehalten: Hellgrün gen Osten, Pink gen Süden, Rot gen Westen und Dunkelgrün gen Norden. Je nach Tageszeit taucht diese Konstruktion den Raum also in unterschiedliches Licht – der Morgen leuchtet hellgrün, der Mittag pink, später dominiert das Abend-Rot. Reicht das Sonnenlicht nicht aus, hilft elektrisches Flutlicht nach. Ähnliche »Lichtduschen« baute Le Corbusier im Kloster La Tourette ein (Architektin Dea Ecker, die selbst eine Tochter im Kindergartenalter hat, nennt ihre Konstruktion »Lichtampel«). Die Nuancen der Farbgebung, die Kombination ähnlicher und komplementärer Farben, verweist auf Josef Albers‘ Farb- studien, die zeigten, wie benachbarte Farbtöne die Wirkung von Farb- flächen beeinflussen.
Gleichwohl »zerfällt« der symmetrisch angelegte Zentralraum durch die Farbgebung etwas, er scheint aus der Balance zu geraten. Auch wirkt er konstruktionsbedingt mit rund drei Metern etwas zu niedrig in Relation zu seiner großen Fläche, jedenfalls für Erwachsene.
Kamineffekt ersetzt Lüftungsanlage
Die »Zipfelmützen«, die das Flachdach um rund fünf Meter überragen, dienen indes nicht nur als Lichtquelle, sie sind auch das Markenzeichen des Schulkindergartens im Stadtraum. Schon von Weitem sieht man die in golden eloxiertes Aluminiumblech gekleideten Dächer aus der Bebauung aufragen, und im Dunkeln verstrahlen die Farbflächen ein intensives Leuchten, das sicher auch den Kindern ein Gefühl von »zweiter Heimat« ›
› vermittelt, wenn sie in der Frühe mit Bussen aus dem ganzen Landkreis herbeikutschiert werden. Unbeteiligte mögen bei dem Anblick sogar sakrale Assoziationen hegen.
Im Low Budget-Projekt erfüllen die spitzen Mützen noch einen anderen Zweck: Sie ersetzen die Lüftungsanlage. Dank Kamin-Effekt steigt die warme Luft im Zentralraum auf und entweicht über regelbare Lüftungsklappen an der Spitze der Pultdächer. Über Lüftungsöffnungen an den Fassaden strömt Außenluft nach und sorgt auch im Hochsommer für eine angenehme Temperierung der Räume. Man kennt ähnliche Konstruktionen als Windturm aus heißen Ländern. Die ursprünglich eingeplante und auch in der Konstruktion vorbereitete Lüftungsanlage konnte auf diese Weise eingespart werden.
Die 2,50 m breiten Dachkrempen der Module über den Pfosten-Riegel-Fassaden bieten nicht nur den Kindern geschützte zusätzliche Spielräume, sie verhindern auch den direkten Sonnenlichteinfall im Sommer (ein zusätzlicher Sonnenschutz aus dunkler Gewebeplane wurde allerdings nachgerüstet); winters erlaubt die Konstruktion aber passiven Zugewinn an Energie. Der Heizwärmebedarf, der von einer Gastherme über Fußbodenheizung und zusätzliche Radiatoren gedeckt wird, liegt bei etwa 60 kWh/(m²a).
Nachvollziehbare Fügung der Bauteile
Das Gebäude verleugnet nirgends seine rationelle Entstehung. Die vier Module sind von außen deutlich ablesbar. Eine weiße Stülpschalung überzieht die Schmalseiten, während die schwarze Pfosten-Riegel-Fassade aus Aluminium die gesamte äußere Breitseite überzieht. Zum Zentralraum hin bringen Oberlichtbänder etwas zusätzliches Licht in die Gruppenräume.
Die im Achsabstand von 3 m verlaufenden Dachbinder aus Brettschichtholz bestimmen die Raumgrößen und -höhen in den Modulen: Es gibt nur ein- oder zweiachsige Räume, die kleinen Therapie- und die Nebenräume wirken in der Proportion zu hoch.
Die Stützen wie die Untersicht der Binder bleiben im Innenraum sichtbar; dazwischen sind Holzwerkstoffplatten als Akustikpaneele eingebaut. Die über gut sieben Meter spannenden Träger sind 36 cm hoch, was zu einer sehr breiten Ortgang- bzw. Attika-Ansicht der Dachkonstruktion führt. Auf den Breitseiten mit dem großen Dachüberstand wirkt die optische Schwere des Dachs auch nicht elegant, durch die zweiteilige Randblende aber immerhin erträglich. Wo die Module aneinanderstoßen, liegen die Entwässerungsrinnen, die sichtbar vor der Fassade in Fallrohre münden.
Auch die Kinder können auf diese Weise wohl schon nachvollziehen, wie ihr Haus zusammengefügt ist und funktioniert. Zur großen, aber haptisch begreifbaren Konstruktion gesellen sich Einbauten in ihrem Maßstab, etwa die Bänke vor der Fensterwand der Gruppenräume. Höhlen und Spielhäuser passen locker in die Ecken, das ganze Haus zeugt nach zweieinhalb Jahren von intensiver Benutzung, was sowohl die Konstruktion als auch die maßgeschneiderten Einbauten gut ausgehalten haben.
Große und kleine Nutzer schätzen insbesondere den einprägsamen, vielseitig nutzbaren Zentralraum. Als zum Sommerfest in diesem Jahr schlechtes Wetter angekündigt war, blieben alle ganz entspannt: Dann würde man eben nicht im Freien, sondern hier drinnen feiern!
Der Erfolg ihrer Anlage lässt die Architekten dann auch über eine Weiterentwicklung nachdenken. Das Konzept wie die robuste Konstruktion würden sich durchaus auch für Schulbauten eignen. Um den in immer mehr Kommunen verlangten Passivhausstandard zu erfüllen, sind allerdings einige Änderungen notwendig. Im badischen Rheinstetten planen die Architekten derzeit im Rahmen einer Mehrfachbeauftragung einen Kindergarten dieser Art. •
  • Bauherr: Neckar-Odenwald-Kreis, Mosbach Generalplaner: Ecker Architekten, Buchen Mitarbeiter: Dea Ecker, Robert Piotrowski, Bernd Gress, Astrid Thoma, Elena Bleyer Tragwerksplanung: Färber + Hollerbach, Walldürn HLS-Planung: Ingenieurbüro Willhaug, Mosbach Elektroplanung, Blitzschutz: Ingenieurbüro Burckhardt, Gelnhausen Lichtplanung: Anselm von Held, Berlin Überbaute Fläche: 630 m² BRI: 2720 m³ Baukosten netto (KG 300+400): 1013 Euro/m² Nutzfläche Bauzeit: April bis Dezember 2006 Einweihung: Januar 2007
  • Beteiligte Firmen: Zimmerarbeiten: Erwin Bechtold GmbH & Co, Roigheim, www.bechtold-holzbau.de Dacheindeckung Blech: Gramlich Blechnerei + Sanitär GmbH, Limbach Dacheindeckung Folie: Strabag AG, Stuttgart, www.bechtold-holzbau.de Pfosten-Riegel-Fassade: Hestermann GmbH, Mosbach, www.bechtold-holzbau.de Innenausbau: Schäble GmbH, Goldburghausen, www.bechtold-holzbau.de Beschläge: FSB, Brakel, www.bechtold-holzbau.de Leuchten: SLI, Selux, Bega Außenspielgeräte: eibe Produktion+Vertrieb GmbH & Co. KG, Röttingen, www.bechtold-holzbau.de