1959/60

Christ König Kirche in Wuppertal

Der erste Kirchenneubau von Joachim Schürmann zeigt bereits die wesentlichen Züge seines späteren Schaffens: das Bauen mit einfachen Mitteln, aber mit hoher Qualität – ein Konzept, das noch heute Bestand hat.

  • Architekt: Joachim Schürmann
  • Kritik: Oliver Koschmieder Fotos: Tomas Riehle, Inge von der Ropp u. a.
Als Ende der 50er Jahre in Deutschland zahlreiche neue Kirchengebäude entstanden, bekam auch Joachim Schürmann (geb. 1926) den Auftrag zur Errichtung eines katholischen Gotteshauses auf den Wuppertaler Nordhöhen. Es ist der erste Kirchenneubau des noch jungen Architekten. Schürmann folgt den Architekturtendenzen der Zeit und ihrer Vorliebe für asketische Kirchenräume mit sparsamer Ausstattung, die sich von traditionellen Bauformen radikal zu lösen versuchen. Doch anders als viele Kollegen, die damals zusätzlich mit Baustoffen wie Beton, Stahl und Glas experimentieren, wählt Schürmann ein klassisches Bruchsteinmauerwerk als bestimmendes Gestaltungsmerkmal. Dadurch verwurzelt er seine Architektur tief in der regionalen Bautradition. 1960 fertiggestellt und um zwei als Pfarrhaus und Gemeindesaal konzipierte Bungalows ergänzt, wurde die Christ König Kirche bis heute kaum verändert. Seit dem Jahr 2000 steht das Gebäudeensemble als eindrucksvolles Beispiel für den Sakralbau der 50er Jahre und bedeutendes Werk Joachim Schürmanns unter Denkmalschutz.
Atmosphäre der Ursprünglichkeit
Christ König wirkt modern und archaisch zugleich. Der einfache Baukörper auf rechteckigem Grundriss erinnert an eine Kirchenburg. Die soliden Außenmauern sind hoch geschlossen; der Innenraum wird lediglich über ein ›
› umlaufendes Lichtband unterhalb der Dachtraufe belichtet. Darüber schwebt ein Flachdach, dessen filigrane Holzfachwerkkonstruktion immer noch ausgesprochen modern wirkt. Eine repräsentative Hauptfassade gibt es nicht. Statt eines zentral angeordneten Portals führen zwei niedrige, seitlich an der Stirnfront angeordnete Eingänge über einen Windfang ins Innere. Mittig dazwischen sitzt das einzige Fenster des Gebäudes – klein, quadratisch und merkwürdig niedrig auf Geländeniveau angeordnet. Es gehört zur Taufkapelle. Ein Kirchturm existiert nicht, was jedoch keine architektonischen Gründe hat: Schlicht aus Kostengründen ist der von Schürmann geplante frei stehende Turm nie in Auftrag gegeben worden.
Die Kirche macht dem flüchtigen Besucher das Verständnis nicht leicht. Doch wer sich auf das Gebäude einlässt, den erwartet eine Atmosphäre der Ursprünglichkeit und Geborgenheit, die v. a. durch den Bruchstein der Außenmauern bestimmt wird.
Deren Errichtung ging Schürmann betont traditionell an: Er richtete eine Bauhütte ein. Aus drei Steinbrüchen der Umgebung bezog er bergische Grauwacke; für die Erstellung der zweischaligen Außenwände engagierte er erfahrene Maurer aus dem Sauerland und der Eifel. Alle 70 cm, nach jedem Tagwerk, wird eine umlaufende Lagerfuge angeordnet. Sie sorgt für die Gleichmäßigkeit des Mauerwerks und verortet das Gebäude durch die regelmäßige Rasterung dezent in der Moderne.
Neue Zeichen im bildlosen Raum
Im Innenraum achtete Schürmann darauf, dass die einfache Kirchenhalle nicht »verschmückt« wird. Die Leute sollen »spüren, dass einfach spannend sein kann«, schreibt der Architekt im »Werkblick« seiner Internetseite. Er vertritt damit jene noch heute gängige Architekturauffassung, der zufolge ein bildloser, strenger Raum die geistige Dimension und Stille des Sakralen am besten zu verdeutlichen vermag. Doch im Gegensatz zu anderen Kirchenbauern jener Zeit, die diese Wirkung durch das Ideal eines weißen Raums zu erreichen ›
› versuchten, setzt Schürmann auf die unendliche Formen- und Farbenvielfalt des Natursteins, in der sich der Blick verliert. Wie wichtig dem Architekten dieser Effekt ist, zeigen Ausstattungsgegenstände wie der aus Acrylglas gefertigte Ambo. Nichts sollte das Mauerwerk verdecken. Diese Kargheit stößt nicht immer auf Akzeptanz. Immer wieder geschieht, was der Architekt zu verhindern versucht hatte: Die vermeintlich nackten Wände werden mit Plakaten und Bildern zugehängt.
Mit Wohlwollen vernahm Joachim Schürmann daher die Pläne, die der Wuppertaler Bildhauer Krzysztof Juretko zur Ausgestaltung des Kirchenraums vorbrachte. So konnte der Künstler in den Jahren 2001 bis 2004 ein ungewöhnliches Werk schaffen, das die archaische Wirkung des Mauerwerks zusätzlich unterstreicht. Juretko schnitt die Stationen eines Kreuzwegs in den Stein und berücksichtigte dabei die individuelle Form der einzelnen Blöcke. So kann der Betrachter den Kreuzweg nicht einfach abgehen, sondern muss die Spuren aus dem Stein herauslesen. Der Kreuzweg wird zu einer Art urzeitlicher Höhlenkunst, die gleichzeitig der ungewünschten »Verschmückung« entgegenwirkt.
Inszenierung mit krönendem Abschluss
Ein Gestaltungsmittel bleibt dem flüchtigen Besucher zumeist verborgen: die Dramaturgie der Grundrissgestaltung sowie der städtebaulichen Anlage. Der Bau ist Christus in seiner Eigenschaft als König und Weltenherrscher gewidmet und folgt diesem Motiv auf assoziative Weise. Wer von der Straße aus die Anhöhe zur Kirche hinaufsteigt, pilgert sozusagen zur Grabhöhle Christi. Nach einem leichten Knick des breiten Plattenwegs erhebt sich das Kirchengebäude direkt vor den Augen des Gläubigen. An der rechten Seite des Vorplatzes liegt ein Findling, der auf den Stein verweist, den die Jünger vor das Grab rollten. Durch einen der niedrigen Eingänge gelangt der Besucher ins Innere und muss nochmals einige Stufen erklimmen, um in den eigentlichen Kirchenraum zu gelangen. Jetzt endlich rückt der Höhepunkt der Inszenierung ins Blickfeld: der Altar samt goldenem Tabernakel, dem Aufbewahrungsort für die geweihte Hostie, die nach katholischem Glauben der Leib Christi ist.
Die Architektur hält der Zeit stand
Wenig hat sich seit dem Bau der Kirche geändert. In den Jahren 2007 bis 2008 wurden ausgewitterte Fugen zwischen den Mauerwerkschalen saniert. Die einfache Bitumenpappe der Dachabdichtung, im Laufe der Zeit immer wieder geflickt, wurde 2013 schließlich komplett erneuert. Zudem gerät das in die Jahre gekommene Flachdach an die Grenzen der heute geforderten Sicherheiten bei Schneelasten und muss gelegentlich von der weißen Last befreit werden. Das Pfarrhaus wurde zu einem reinen Wohnhaus umgebaut. Der Gemeindesaal dient inzwischen als Jugendraum. Seine ursprüngliche Funktion hat seit 1999 ein architektonisch wenig ambitionierter Neubau übernommen, der etwas abseits des denkmalgeschützten Geländes errichtet wurde.
Die wohl größten Eingriffe erfuhr die liturgische Ausstattung des Kirchenraums. So wurde der karge Blockaltar nach vorne gezogen und zusätzlich verziert. Der Tabernakel, ursprünglich zentraler Fixpunkt des Gotteshauses, wurde weiter links neu angebracht. Seine Stelle nimmt nun ein silberbeschlagenes Kreuz ein, das deutlicher konventioneller wirkt und vielleicht eher den Erwartungen der Gläubigen an einen Kirchenaltar entspricht. Zudem wurde der transparente Ambo durch ein dezentes Exemplar aus Ebenholz ersetzt. Doch diese Veränderungen verwässern die Architektur nur marginal. Über 50 Jahre nach der Errichtung wirkt die Kirche Christ König geradezu zeitlos. Das liegt v. a. an der Einfachheit des Konzepts sowie an den bodenständigen Materialien, die Joachim Schürmann mit Bedacht und großer Präzision eingesetzt hat. •
Standort: Westfalenweg 20, 42111 Wuppertal

… in die Jahre gekommen (S. 58)
Oliver Koschmieder
1978 geboren. 2001-06 Architekturstudium in Koblenz. 2007-08 Studium Architektur Media Management in Bochum. 2006-11 Architekt in zwei Architekturbüros. Seit 2011 Bau- und Architektenkommunikation.