Shigeru Bans »Papierpavillon«

Bewusste Zweck- entfremdung

Um einen in seiner Materialität völlig neuartigen Pavillon zu bauen, bedurfte es Dreierlei: Eines aufgeschlossenen Auftraggebers, eines Abfallprodukts aus der Industrie und eines für seine Experimentierfreude bekannten Architekten. Für Ersteres ist das von Alvar Aalto gegründete finnische Möbelunternehmen Artek ver- antwortlich, für das Zweite die zu Papierkantenschutz recycelten L-Profile des Papierherstellers UPM und den dritten Part übernahm der Japaner Shigeru Ban.

Text: Christiane Sauer

Der Pavillon als materialisiertes Statement innovativer Architektur hat eine lange Tradition in der Geschichte der Moderne. Bereits in den dreißiger Jahren gestaltete Alvar Aalto für seine Heimat Finnland Pavillons auf den Weltausstellungen in Paris und New York. Aalto, nicht nur für seine Architektur, sondern auch für seine Möbelentwürfe bekannt, gründete 1935 gemeinsam mit einer Gruppe junger finnischer Architekten das Unternehmen Artek. Ziel war es, »Möbel herzustellen und moderne Wohnkultur durch Ausstellungen und andere Mittel zu verbreiten«. Innovativer Umgang mit Material stand somit also bereits bei der Firmengründung im Vordergrund: Hier entwickelte Aalto seine Technologien, Holz zu biegen und aus dem zuvor starren Naturprodukt organische und dynamische Entwürfe zu formen. Bis heute produziert Artek die Möbel Alvar Aaltos und ist auch mit den neueren Produkten ganz dem innovativen Einsatz natürlicher Materialien verpflichtet.
So initiierte das Unternehmen 2005 ein Forschungsprojekt, um neue Verarbeitungsprozesse von Kompositen aus Naturrohstoffen zu testen. Nach intensiver Recherche stießen die Mitarbeiter auf ein viel versprechendes Produkt – hergestellt von UPM, einem der weltweit größten Hersteller für Druckpapiere und Holzprodukte mit Sitz in Lahti, Finnland. Bei der Herstellung von laminiertem Papier fallen dort täglich große Mengen Restmaterial an. Fast der gesamte Abfall der Produktion wird firmenintern zu neuen Produkten recycelt. Eine Extrusionsmaschine formt aus dem hochwertigen Papier-Kunststoff-Gemisch L-Profile, die als Kantenschutz beim Transport von Papierstapeln verwendet werden. Diese L-Profile bestehen zu 60 % aus feinsten Zellulosefasern und zu 40 % aus teilweise bereits recyceltem Kunststoff. Sie sind sehr widerstandsfähig, beständig gegen Feuchtigkeit und benötigen keinerlei Oberflächenbehandlung. So können sie nach ihrer Verwendung erneut zerkleinert und recycelt oder auch durch Verbrennung entsorgt werden. Arteks Interesse lag ursprünglich darin, den Werkstoff für ein neues Möbel- oder Produktdesign zu verwenden, doch das Projekt bekam fast zufällig eine neue Richtung:
Zeitgleich zu der Materialrecherche wurde innerhalb der Firma über den Beitrag zur Mailänder Möbelmesse 2007 diskutiert und im Rahmen einer Kollaboration für die Londoner Ausstellung »Alvar Aalto through the eyes of Shigeru Ban« besuchte Shigeru Ban Arteks Büro in Helsinki. Hier entstand die Idee, die L-Profile von UPM, den japanischen Architekten und das Konzept für einen Mailänder Pavillon in einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen.
Tragfähigkeit
Shigeru Ban ließ das Material in Japan von Ingenieuren auf seine strukturellen Eigenschaften testen. Es stellte sich als relativ weicher Verbundwerkstoff mit kurzer Faserstruktur heraus – also kein wirklich konstruktiv festes Material. Doch gerade das reizte Ban: »Man benötigt kein starres Material, um zu einer tragfähigen, stabilen Struktur zu gelangen«, beschreibt er seinen Entwurfsansatz. Schon von den ersten Skizzen des Projektes an gab es eine enge Zusammenarbeit der Architekten mit dem französischen Ingenieurbüro Terrell, das die Berechnungen lieferte.
Um die Konstruktion leicht auf- und abbauen zu können, wurden alle Verbindungen geschraubt. Die strukturell schwachen L -Formen wurden zu tragfähigeren T- Querschnitten verschraubt und zu 21 Fachwerk-Rahmenmodulen zusammengefügt. Diese bilden die tragende Primärstruktur des Pavillons. Die Verbindung der Portalrahmen untereinander erfolgt durch einen durchlaufenden Firstträger sowie insgesamt sechs horizontale Fachwerkträger – auch diese sind aus den T-Profilen hergestellt. Um bei der Montage eine exakte geometrische Positionierung der einzelnen Elemente zueinander zu gewährleisten, wurden kleine Flachstahlplatten in die Schraubverbindungen mit eingelegt. Die Aussteifung der gesamten Struktur wird über Stahlzugseile gewährleistet, die in jedem zweiten Dach- beziehungsweise Wandfeld montiert sind. In den knickgefährdeten vertikalen Abschnitten der Fachwerkrahmen wurden die T-Profile nochmals verdoppelt und zu Kreuzquerschnitten verstärkt. Die innen liegenden Gurte wurden im untersten Drittel, die außen liegenden Gurte über die ganze Wandhöhe verstärkt.
Die Außenhülle des Pavillons besteht aus einer weiteren geometrischen Variante des Ausgangsmaterials. Hier wurden die Ls ineinandergestellt und verklebt, so dass großformatige, wasserdichte Paneele mit Zick-Zack-Querschnitt entstanden, die bereits im Werk vorgefertigt werden konnten (vgl. Bild 5). Da das Grundprofil je nach Einsatzzweck neu kombiniert wurde, war es möglich, mit nur einem Element sowohl die Konstruktion als auch Fassade und Dach herzustellen.
Der mittlere Teil der 40 m langen und 5 m breiten Pavillons ist mit lichtdurchlässigen Polycarbonat-Stegplatten verkleidet. Selbst auf diese große Länge wird so auch im Inneren eine angenehme Lichtsituation geschaffen. Durch den Einsatz der transluzenten Kunststoffpaneele ist darüber hinaus die innen liegende Tragstruktur von außen sichtbar. An den Eingängen des Pavillons erhält die Konstruktion eine zusätzliche Funktion und wird als Ausstellungsregal genutzt. ›
› Da das Verpackungsmaterial zweckentfremdet als Baustoff eingesetzt wurde, gibt es keine allgemein gültige bauaufsichtliche Zulassung bezüglich seiner Tragfähigkeit oder Brennbarkeit. Eine brandhemmende Imprägnierung konnte aufgrund der Resistenz gegen Feuchtigkeit nicht eingesetzt werden. Die Entwickler mischten daraufhin bei der Extrusion der Profile ein brandhemmendes Pulver als Zusatzstoff bei. Das so verbesserte Material brennt sogar langsamer als herkömmliches Holz.
Der Bodenbelag des Gebäudes ist ebenfalls aus UPM Recycling-Profilen, den sogenannten ProFi-Dielen (Bild 2), die auch aus den Resten der selbstklebenden Etiketten im Werk stranggepresst werden. Dieses Produkt wurde von dem Papierhersteller 2007 entwickelt und kann inzwischen international über ein Händlernetz bezogen werden. Gerade für den Außenbereich ist das feuchtebeständige und wetterfeste Material besonders geeignet. Durch Pigmentzugabe lassen sich unterschiedliche Töne erzielen. Auf eine Einfärbung wurde im Falle des Pavillons allerdings sowohl für die Bodendielen als auch für die L-Profile komplett verzichtet. So bleibt die Farbe und Textur des Ausgangsstoffes sichtbar und gibt den Oberflächen einen hellen und lebendigen Charakter.
auf wanderschaft
Pünktlich zur Möbelmesse wurde der Pavillon im April 2007 in Mailand präsentiert. Im Inneren war die Ausstellung »2nd cycle« zu sehen, bestehend aus hundert gebrauchten Aalto Stühlen, deren Patina von ihrer Geschichte erzählen. Jedes dieser Möbel ist mit einem RFID-Chip ausgestattet, der die gesamte Geschichte des Stückes samt Daten über seine Echtheit und Herkunft speichert. Im Anschluss an Mailand wanderte der Pavillon im September nach Helsinki und wurde dort im Museumsquartier mit einer Ausstellung über die innovative Anwendung von Holz in Design und Architektur gezeigt. Sein Amerika-Debüt feierte das mobile Gebäude im Dezember auf der Design Miami.
Dies wird sicher nicht der letzte Auftritt des Papierpavillons bleiben – gut verpackt wartet er derzeit auf seinen nächsten Einsatz. Auch für Artek wird dies kein Schlusspunkt in der Entwicklung mit einem solchen Recylingmaterial sein. Gerade die Wetterfestigkeit macht das UPM-Material interessant für weitere Produktentwicklungen im Außenbereich. Das Projekt für den Pavillon ist eines der seltenen Beispiele für eine gelungene Kooperation von Großindustrie und Design, die Recycling nicht als notwendiges Übel, sondern als Potenzial für neue Wege im Entwurf betrachten. •