Das »Michelberger Hotel« in Berlin

Baustellen-Boogie

Das »Michelberger«, gelegen im östlichen Berliner Stadtteil Friedrichshain, versteht sich weniger als klassisches Hotel denn als Treffpunkt für die Berliner Subkultur, aus der heraus es entstand. Und wenn überhaupt, dann lässt es sich als ein Individualhotel für die kreative bis alternative Szene einordnen. Für die Umsetzung hat man einen bekannten Designer und Innenarchitekten gewonnen. Der Auftrag an ihn: das Hotel bewusst »undesignt« und improvisiert erscheinen zu lassen. Das Konzept ging auf und scheint eine der höchsten, wenn nicht sogar die höchste Hotelauslastung Berlins nach sich zu ziehen.

  • Innenarchitekten: studio aisslinger
  • Kritik: Christine Fritzenwallner Fotos: Christine Fritzenwallner, James Pfaff, Michelberger Hotel
Es war einmal, vor fünf Jahren, da beschloss Tom, sich nicht mehr zu beschweren, sondern es besser zu machen. Er hatte die Idee, eine große Wohnung für sich und seine Freunde zu finden, oder warum nicht gleich ein ganzes Haus, in dem alle Freunde wohnen können und in das man auch fremde Leute einladen kann. Sobald sie den Schlüssel zu dem Haus hatten, versammelten sie weitere ihrer fantastischen, kreativen und charismatischen Freunde um sich und alle halfen dabei, das Haus umzubauen: zu einer Welt im Kleinen, wie man sie gerne hätte. Sie feierten Baustellenpartys, zu denen, als das Hotel fast fertig war, über 1 000 Leute aus aller Welt kamen, um mit ihnen den Baustellen-Boogie zu tanzen.
»Warum warten«
So lautet, reichlich verkürzt, die Entstehungsgeschichte des Michelberger Hotels in Berlin, die bereits viel über den Charakter des Hotels aussagt und auf der entsprechenden Webseite nachzulesen ist. Und nicht nur dort muten Entstehungsgeschichte und Gestaltung wie im Märchen oder einer Fantasiewelt an: »Why wait«, heißt es bereits groß neben dem Hof- und Hoteleingang, links darunter »Looking for the entrance? Welcome to the Jungle«. Im großen Innenhof angekommen, der von einer sechsstöckigen Bebauung umschlossen ist, fühlt man sich tatsächlich wie in einer anderen Welt. Pippi Langstrumpf, mein erster Gedanke. Eine große Gartenparty, mein zweiter. Es ist bunt, allerdings nicht zu bunt, ein bisschen verspielt, freundlich, gemütlich. Auf manche mag es auch ›
› naiv wirken. An einer Seite, etwas erhöht, ein überdimensioniertes Vogelnest mit Ei, darunter eine Bühne aus Holz, daneben sitzen zwei Freundinnen in einer der beiden Hollywoodschaukeln. An der Pingpongplatte vor ihnen liefern sich zwei Gäste gerade ein Match. Auf der anderen Seite ein gläserner Anbau, der zur Rezeption weist. In der Mitte des Hofs eine schraddelige Laube, ringsum Tische mit rot-weiß-karierten Decken, Detlev Buck läuft vorbei.
Ein Anti-Hotel
Dass man hier den ein oder anderen Schauspieler oder Künstler trifft, verwundert nicht. Tom Michelberger, Gründer des Hotels, ist ein »Szenetyp aus Berlin«, erklärt Innenarchitekt und Designer Werner Aisslinger, in seinem Umfeld tummeln sich Kreative, »er ist kein Hotelier«. Und genau das ist wohl auch der Grund dafür, dass das Hotel eine gigantische Auslastung von 95 % erreicht. »Andere Hotels in Berlin sind froh, 70 % zu haben«, so Aisslinger. Schon während der Bauphase gab es immer wieder Partys, Life-Performances, gute und viel Pressearbeit – die Location sprach sich herum. Weltweit. »Ein wildes Szenekonstrukt kann man überall promoten«, erläutert Aisslinger.
Die Architektur des von ihm geplanten Hotel Daniel in Graz hatte Tom Michelberger gefallen, so kam die Zusammenarbeit vor Ort in Berlin zustande. Von Anfang an war allerdings klar, dass in den drei gefundenen und leer stehenden Büroetagen eines ehemaligen Fabrikgebäudes im Berliner Osten bloß kein klassisches Hotel entstehen sollte, »mehr ein Hostel, ein Anti-Hotel. Er wollte etwas Improvisiertes, Undesigntes, etwas, was typisch Berlin ist«, so Aisslinger weiter über seinen damals 30-jährigen Auftraggeber.
Ein ursprünglich geplantes 36-Betten-Zimmer kam dann zwar nicht zustande, es hätte doch zu jugendherbergsartig gewirkt, dafür gibt es immerhin kleinere Gruppenzimmer. Wenn eben mal eine Band aus Tokio kommt und zusammenbleiben möchte, oder Künstlergruppen, »DJs mit Anhang«… – Der damalige Wunsch Michelbergers entspricht der heutigen Realität.
119 Zimmer, von gemütlich bis Luxus
Zusätzlich zu dem »Band-Zimmer« mit bis zu fünf Einzelbetten entstand das »Big One« für bis zu neun Personen und mit zwei Bädern, daneben gibt es die »Michelberger WG«, ein »Loft« und ein »Loft Triple« (Zwei- bis Dreier-Belegung), vier »Luxus«-Zimmer (»Das Chalet«, das »Zimmer mit View«, das »Golden One« und das »Clever One«), einige rollstuhlgerechte »Comfort«-Zimmer sowie zahlreiche »Cosy«: Zimmer, deren »Gemütlichkeit« v. a. durch Minimalismus entsteht. Das 1,40 m große Bett ist dort genau in die Lücke zwischen Fenster und Dusche eingepasst – von der sich durch die Verglasung über das Bett nach draußen blicken lässt. Dass eine solche Offenheit nicht jedermanns Sache ist, kann man seit Jahren in Hotelbewertungsportalen lesen. ›
› Andererseits: Wer in diesem kleinen Zimmer überhaupt zu zweit übernachtet – gedacht ist es mit seiner »Live-Dusche« laut Michelberger ohnehin nur »für Singles oder verliebte Paare« –, wird sich daran wohl kaum stören. Ebenso wenig, dass es in diesem Hotel im Zimmer kein Telefon gibt. Warum auch, hat doch jeder – oder zumindest jeder Michelberger-Hotelgast – ein Handy. Und der Preis für ein »Cosy«, der zwar gegenüber dem Preis zum Eröffnungsjahr leicht anstieg, ist mit einer Spanne zwischen 60 und 80 Euro, je nach Buchungszeit, immer noch günstig.
In allen anderen Zimmern, die bis maximal rund 200 Euro die Nacht kosten, konnte Aisslinger die Betten unter der Decke anordnen oder Stockbetten planen – und sich so die günstige, 3,70 m umfassende Raumhöhe des früheren Fabrikgebäudes zunutze machen. In Abstimmung mit und dank finanzieller Beteiligung der vermietenden Wohnungsbaugesellschaft konnten in die rückwärtige Westfassade große Fensteröffnungen geschnitten werden. So war es möglich, diesen Gebäudeteil, wie auch das Vorderhaus zur Warschauer Straße hin, als Zweispänner zu konzipieren, der Nord- und Südflügel hingegen nur als Einspänner. Bis auf eine zusätzliche Trittschalldämmung wurde im Innern konstruktiv wenig verändert, sogar rund 30 % aller Trockenbauwände der ehemaligen Büros ließen sich als Trennungswände für die Hotelzimmer nutzen, was dem Low-Budget-Projekt zugutekam.
Unkonventionell und improvisiert
Die Details in allen Hotelzimmern sind sich, bis auf die individuell gestalteten »Luxus«-Zimmer, sehr ähnlich: Seile als Aufhängung für Spiegel oder Handtücher, Netze als Geländer, hölzerne Einbaumöbel, weiße Waschbecken auf dunkelbraunen, beschichteten Sperrholzplatten, Bücherregal-Kästchen und mit Holz umfasste TV-Kästen, unaufdringlich gemusterte Tapeten, Laminatböden, rohe und beschichtete MDF-Platten, große, hohe Sprossen-Fenster mit dicken, senffarbenen Stoffgardinen davor. Eine stilsichere Mischung aus Schlichtheit, Improvisation und der Eleganz vergangener Jahre, die ein kompositorisch ausgewogenes Bild ergeben.
Wer hingegen den Hotelflur passiert, wird nicht nur aufgrund der in den Ecken installierten Fernseher (mit einem Kultfilm in Endlosschleife), sondern v. a. wegen der im Gegensatz zu den Zimmern eher lieblosen Gestaltung überrascht sein. Ging hier das Geld aus? Wird noch weitergebaut? Dass hier überhaupt baulich etwas verändert und gestaltet wurde, erkennt man erst auf den zweiten Blick. Aber auch das ist, so Aisslinger, gewollt: Die Gipskartonplatten sind nur im Bereich bis 1,80 m angestrichen, darüber findet sich noch die eine oder andere, bewusst sichtbar belassene Kritzelei aus der zwölfmonatigen Bauphase, der eine eineinhalbjährige Planungsphase vorausging – eine lange Dauer, die bei so vielen Beteiligten nicht überrascht. In dieser Zeit wurden immer wieder, in Abstimmung mit Aisslinger, auf Flohmärkten Stücke für die Inneneinrichtung gesammelt. So gut wie kein Möbelstück wurde beim Hersteller bestellt (und folglich neu produziert); und wenn, dann als Sonderanfertigung wie etwa ein mit FSB entwickelter Türdrücker für Badezimmertüren und Fenster. Der zweite Zugang zur Rezeption, den man direkt von der Straße aus über die »Honolulu«-Bar erreicht, sieht so auch eher wie ein Wohnzimmer aus, etwas unordentlich, mit eigens kreierten Leuchten, zig Büchern und Zeitschriften ringsum. Dazu passt, dass der (selbst im Michelberger wohnende) Hotelgründer auch gerne mal den Abend hier verbringt. ›
Unzerrüttbar
Ein umgemodeltes Fabrikgebäude, eine hohe Auslastung und intensive Nutzung der Gemeinschaftsbereiche aufgrund eines guten, in sich stimmigen und neuartigen Hotelkonzepts, das sicher über viele Jahre und Jahrzehnte funktionieren wird, Mobiliar vom Flohmarkt, der Verzicht auf längst überflüssige, klassische Hotelzimmer-Details wie etwa ein Telefon, die Stadtbahn und somit öffentliche Verkehrsanbindung direkt vorm Eingang: Während alle um uns herum von Nachhaltigkeit reden, kann man sie im Michelberger erleben, ohne sie direkt zu sehen oder ständig darauf hingewiesen zu werden. Auf was man aber gerne hinweist, sind speziell entwickelte Michelberger-Produkte und Imageträger wie ein zuletzt als »our new baby« angekündigtes Getränk. »Es wäre schön, wenn Ihr auch was über das neue Kokosnusswasser schreiben könntet: michelbergermonkey.com«, antwortet Tom Michelberger auf eine Mail von mir. Dies sei hiermit getan. Willkommen im Dschungel! •
  • Standort: Warschauer Straße 39/40, 10243 Berlin Bauherr: Tom Michelberger, Berlin Innenarchitektur und Lichtkonzept: studio aisslinger, Berlin Mitarbeiter: Werner Aisslinger, Till Grosch, Tina Bunyaprasit »Michelberger Design Team«: Sybille Oellerich, Anja Knauer (Innenausstattung/Styling), Azar Kazimir (Grafik) u. a. Innenausstattung Möbel und Lichtplanung: studio aisslinger, Michelberger Design Team Architektonische Beratung: Fricker Architekten & Ingenieure, Ravensburg Haustechnik: Rolf Erb Ingenieurbüro Tischlerarbeiten/Maßanpassungen: Tischlerei Matthias Klein (MKT Möbelmanufaktur), Berlin, Günter Sand & Co BGF: 3 700 m2 (3 300 m2 oberirdisch, 400 m2 unterirdisch) Fertigstellung: September 2009 Baukosten: 4,1 Mio. Euro
  • Weitere Informationen: www.michelbergerhotel.com – Schon der Besuch der Webseite lohnt sich und ist eine kleine Entdeckungsreise
  • 1 Durchgang zum Innenhof
  • 2 Eingang zum Hotel
  • 3 Rezeption
  • 4 Bar
  • 5 Frühstücksraum
  • 6 Backstage-Bereich und »Whiskey-Room«
(Die Zeichnung zeigt den nicht realisierten
Vorschlag eines großen Schlafsaals)