… in die Jahre gekommen

Baulücken-schliessung in Darmstadt

Aus einer 38 m² messenden Baulücke in Darmstadt generierte der Architekt Nicolas Fritz 145 m² Wohnfläche. Heute, nach 25 Jahren, weckt das Projekt noch immer Interesse mit einer zwar auffälligen, aber dennoch zeitlosen Fassade, einem kompakten Grundriss und einer Haus-im-Haus-Wohnung. Es reizt die beengten Verhältnisse ins Extreme aus und schafft viel Wohnfläche und Raumqualität. Damit ist es noch immer zukunftsweisend für Architektur in Städten, die sich weiter verdichten und verteuern.

  • Architekt: Nicolas Fritz
  • Kritik: Rosa Grewe Fotos: Nicolas Fritz, Friedrich Busam
Nicolas Fritz erinnert sich noch genau an jenen Moment, als das Projekt Stadthaus begann. Nur ein paar Minuten brauchte die Bauherrin, seine Ehefrau, um sich für den Kauf des Gründerzeithauses im Darmstädter Norden zu entscheiden. Fritz erzählt: »Wir hatten es nicht besichtigt und keine Ahnung, welchen Zustand es hatte, aber die Lage war einfach unschlagbar und das zählte.« Auch damals schon. Seitdem haben sich die Hauspreise mindestens verfünffacht. Das Wohnungsangebot ist knapp. Es gibt nur wenige Baulücken und kaum Bewegung auf dem Immobilienmarkt. Wer dort heute ein Haus besitzt, behält es, saniert, baut an oder stockt auf. Jeder Quadratmeter ist kostbar und wird genutzt. Die Entwicklung konnte Fritz damals nicht erahnen. Auch nicht, dass sein Bauprojekt ein Thema vorweg nahm, das heute aktueller ist denn je: Bauen auf kleinster Fläche. Dabei hatte das Ehepaar zunächst nur eine Sanierung geplant; das eigentliche Bauvolumen und damit die ungewöhnliche Lückenlösung ergaben sich erst im Planungsprozess, wie Fritz erklärt: »Das Architekturkonzept ist eine Folge der Umstände, eine Lösung auf Probleme, die sich immer wieder neu stellten.«
Als die Bauherrin das Stadthaus kaufte, waren dessen vier Etagen jeweils separat vermietet. Das Paar plante daher den Einzug zunächst nur auf einer Etage im 1. OG. Das Gründerzeithaus hatte zwar eine schmucke Fassade, aber im Innern weder eine erhaltenswerte Bausubstanz noch eine zeitgemäße Ausstattung: Es gab keine Bäder, keine Balkone, keine Heizung. Die Erweiterung in den Garten hinein scheiterte an den Baugrenzen. Der geringe Spielraum reichte gerade für Balkone, die auf einer vorgestellten Stahlkonstruktion entstanden. Ein Freund aus dem Hochbauamt gab den entscheidenden Rat, die Einfahrt zu überbauen und damit die Baulücke zum Nachbarhaus zu schließen. Aus Sicht des Denkmalschutzes kein Problem, denn die ungebrochene Aneinanderreihung der Stadthäuser, z. T. mit ›
› überbautem Bauwich, ist charakteristisch für das Quartier. Ohnehin bildete die Einfahrt mit 13 m Länge, 2,90 m Breite und vier Geschosshöhen nur eine dunkle Schlucht ohne jede Aufenthaltsqualität.
Gegen die zunächst geplante Erweiterung jeder Wohnetage von 95 m² auf ca. 133 m² – mit jeweils einem Individualraum und einem Bad im Anbau – sprach sich einer der Mieter aus und erzwang dadurch eine Umplanung. Fritz erweiterte daher die eigene Wohnung im 1. OG um die beiden unteren Geschosse im Anbau. Darüber sollte eine separate Wohneinheit entstehen, die auf drei Etagen gestapelt ein Haus im Haus bildet. Auf nur 38 m² Grundfläche mussten nun nicht nur jeweils zwei zusätzliche Räume, sondern auch Treppen und Flure Platz finden. So wurde aus der einfachen Sanierung eine neue Bauaufgabe, wie Fritz sagt: »Plötzlich war das Thema der Extremraum.«
Um im Innern des Anbaus mehr Platz zu schaffen, reduzierte er alle Funktionen und Bauelemente: Gemäß der Bauauflagen setzte er zum Nachbargebäude hin eine Brandwand, auf der gegenüberliegenden Seite, der eigenen Giebelfassade, brachte er nur Nocken an, die biegesteif die Deckenplatten der Erweiterung tragen. Auf diese Weise sparte er eine weitere Tragkonstruktion samt deren Raumbedarf. Die Funktionszonen bündelte er in der Mitte der Schlucht und versuchte auch hier, Platz zu sparen: Treppen und Trennwände dienen auch als Schrank oder Regal. Er reduzierte das Maß der Treppe und die Durchgangsmaße des Flurs auf ein Minimum. Wo es ging, ließ er Türen oder Trennwände gleich ganz weg. Dies nicht nur, um Fläche zu sparen, sondern auch, um Licht und Luft in die Tiefe zu leiten und im Innern Enge und Weite in einen erlebbaren Bezug zueinander zu setzen. Wer die Erweiterung vom Altbau her betritt, sieht dicht vor sich bereits die Sichtbetonwand, die das Gebäude vom Nachbarhaus trennt. Es ist eng. Aber der Blick schweift sofort nach rechts oder links entlang des Flurs durch die Räume, die sich jeweils einer zu jeder Seite anschließen, bis auf die Straße und in den Garten. Auch in der Vertikalen sollte der Blick über die 2,70 m Geschosshöhe hinausreichen. Fritz fügte daher im Flur der unteren Wohnung anstelle der Betondecke einen Gitterrost ein und bildete in der oberen Wohnung Galerien statt abgeschlossener Zimmer aus. So entstanden v. a. in der oberen Wohneinheit lichte Räume, unterschiedliche Blickbezüge und Perspektiven, die den Raum vielschichtiger machen, als es Grundriss und Quadratmeterzahl vermuten lassen.
Bis heute ist es bei dieser Zweier-Einteilung geblieben. Die eigenständige Wohnung im Anbau war bisher stets an Architekten vermietet, die 2,70 m Wohnungstiefe und steile Treppen in Kauf nahmen und dafür mit einer besonderen Raumqualität belohnt wurden, mit viel Tageslicht und einer Dachterrasse, die den einen neiderregenden Blick über das Viertel ermöglicht.
Seine eigene Wohnung hat das Ehepaar Fritz zwischenzeitlich um das gesamte EG erweitert. Und auch die Räume im Anbau erfuhren temporär eine Umnutzung: Die Kinder zogen ein, wurden größer, wechselten aus dem Anbau ins EG. Mit ihnen kam und ging eine Trennwand im oberen der beiden Geschosse. ›
Zeitloses Kind seiner Zeit
Nicolas Fritz sagt von sich selbst: »Ich denke in Bildern und Ausbrüchen, die überraschen sollen.« Und so finden sich im Gebäude sichtbar Achsen, Linien und Geometrien, die den Grundriss und die Fassade organisieren, darüber hinaus aber auch Blicklenker und Gestaltungsmerkmal sind. Die Hauptachse verläuft auf allen Geschossen längs durch den gesamten Anbau und trennt einen Streifen ab, der die Flurzonen und mitunter auch Funktionsbereiche wie Möbel oder Sanitäreinrichtungen aufnimmt. An den Stirnseiten ist dieser Streifen als Holzfuge ablesbar und bildet die gestalterische Trennung vom Altbau. Die Fenster in diesem Holzband sichern den Ausblick, die Querlüftung und den Rettungsweg im Brandfall. Das gibt den Glasflächen, die den Hauptteil der beiden Fassaden bilden, Gestaltungsfreiraum, weil sie einzig der Atmosphäre, Belichtung und Außenwirkung dienen müssen. Die Glasbausteine der Straßenfassade erzeugen mit ihrer Lichtstreuung im Innern Intimität und grafische Ordnung und außen einen Laterneneffekt. Die konventionell verglaste Gartenfassade rahmt den Ausblick auf die alten Bäume im Innenhof. Es sind v. a. diese Glasflächen, die der Enge im Innern Wohnqualität verleihen, eine besondere Atmosphäre, auch heute noch.
Zur Außenwirkung merkt der Architekt an: »Bis heute bleiben die Passanten vor der Wand aus Glasbausteinen stehen. Sie ist ja eine sehr große Geste.« Nicht immer erntet der Anblick Verständnis; vielleicht wegen des Materials, da Glasbausteine spätestens seit Ende der 70er Jahre nicht mehr beliebt sind und so an ein vergangenes Architekturideal erinnern, vielleicht aber auch wegen des Verzichts auf die von den klassizistischen Nachbarbauten her gewohnte horizontale Einteilung, die die Geschosse ablesbar macht. Aber mit der durchlaufenden Glasfront erreichte Fritz, dass die enge Erweiterung sich nicht in Kleinteiligkeit verliert. Sie wirkt als Einheit eigenständig wie ein schmales Stadthaus, das sich zwischen die Altbauten schmiegt. Ihr Maßstab entspricht der Körnung der Umgebungsbebauung und unterwirft sich so dem städtischen Gesamtbild. Städtebaulich also eine gelungene Erweiterung.
Die Geometrie im Entwurf, die Glasbausteine, ist das Gebäude ein Kind seiner Zeit? Fritz widerspricht: »Das Gebäude hat nur insofern Zeitgeist, als es mit den technischen Möglichkeiten von einst realisiert wurde. Heute würde man vielleicht statt der Glasbausteine eine große Glasscheibe einsetzen.« Die Atmosphäre in den Räumen hinter den Glasbausteinen jedoch wäre dann eine andere. Er ergänzt: »Denkt man sich die Details mit heutigem Standard, passt die Architektur in unsere Zeit und ist von daher zeitlos.« •
Standort: Liebigstraße 10, 64293 Darmstadt

… in die Jahre gekommen (S. 60)
Rosa Grewe
Architekturstudium, 2005 Diplom an der TU Darmstadt. Zuvor Auslandsaufenthalte in den USA und in Mexiko. Mitarbeit in verschiedenen Architekturbüros, u. a. 2004-05 bei Albert Speer & Partner, Frankfurt a. M. 2006-07 Volontariat bei der DBZ. 2008 Diplom an der Freien Journalistenschule in Berlin. Seitdem Publikationen für verschiedene Verlage.