1961–63

Art & Architecture Building, Yale

Die Kommentare müssen Paul Rudolph überrascht haben: Inmitten des überwältigenden Medieninteresses zur Eröffnung des Art & Architecture Building der Universität Yale im Herbst 1963 bescheinigten ihm Kritiker, dass sich das neue Gebäude harmonisch in das Universitätsgelände einfüge, das größtenteils im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts in Stilen des europäischen Mittelalters überbaut worden war. Dabei hatte Rudolph ganz anderes im Sinn gehabt. Das Gebäude der Schulen für Kunst und Architektur sollte ein Aufbruch sein, einen klaren, modernen Gegenpol zu den historisierenden Referenzen an alte englische Universitäten bilden. Zusammen mit der 1953 nach Entwürfen von Louis Kahn fertiggestellten Kunstgalerie auf der anderen Seite der Chapel Street war es als neuer, dezidiert zeitgenössischer Auftakt des Campus‘ an dessen westlichem Hauptzugang geplant.

  • Achitekt: Paul Rudolph (1918–97)
  • Text: Rüdiger Krisch Fotos: Ezra Stoller, Rüdiger Krisch
Gleich nach seiner Berufung zum Leiter der renommierten Architekturabteilung in Yale hatte Rudolph, selbst ein Absolvent der Meisterklasse von Walter Gropius in Harvard, zunächst die Absicht gehabt, den Auftrag zum Neubau des Schulgebäudes an Le Corbusier zu vergeben. Erst als dies nicht gelang, übernahm er selbst die Aufgabe. Der Einfluss des Schweizers blieb im Projekt trotzdem präsent, denn Rudolphs erste Entwürfe für Yale entstanden kurz nach seiner Rückkehr aus Chandigarh, wo er das von Corbusier seit 1951 geplante Regierungszentrum kurz vor Fertigstellung besichtigt hatte. So weisen einige Vorstudien auch jene expressiven Sonnensegel aus Beton auf, die für Corbusiers indische Projekte so charakteristisch sind. Das letztlich realisierte Projekt setzt hingegen auf die skulpturale Wirkung der Tragkonstruktion im Kontrast zu horizontal gegliederten, großflächig verglasten Raumabschlüssen.
Die vertikale Erscheinung der massiven Eckpfeiler wird verstärkt durch die Behandlung ihrer Sichtbetonflächen. Deren feine senkrechte Rippen, die auch in den Innenräumen des Hauses an vielen Stellen auftauchen, sind das Ergebnis eines aufwändigen Verfahrens: So wurden konische Leisten in die Schalung des Ortbetons eingelegt und nach dem Ausschalen und Entfernen der Leisten sämtliche Kanten steinmetzmäßig bearbeitet. Die daraus entstandene Oberflächentextur, für die amerikanische Kommentatoren den Namen Corduroy Concrete (Cord-Beton) prägten, findet sich in fast allen Projekten von Paul Rudolph aus den sechziger Jahren und gilt als eine Art Markenzeichen des Architekten.
Rudolph selbst verwies in einem Aufsatz auf das Eigenleben der Architekturdarstellung und führte als Beispiel an, dass sich seine Vorliebe für stark strukturierte Betonoberflächen aus einer grafischen Technik ›
› zur Repräsentationvon Licht und Schatten entwickelt habe, die auch in den Zeichnungen für Yale deutlich erkennbar ist [1]. Auch die Innenräume leben vom gelenkten Gegensatz zwischen hellen und dunklen, weiten und engen Raumzonen.
So stehen die lichtdurchfluteten studentischen Arbeitsbereiche in den oberen Geschossen sowie die darunter angeordneten, durch ihre Zweigeschossigkeit auch mit weniger natürlichem Licht noch großzügigen Räume für Bibliothek und Ausstellungen in scharfem Kontrast zur knapp geschnittenen, dunklen Vertikalerschließung, insbesondere den fast schon klaustrophobisch engen Treppenhäusern. Diesen Effekt hat Rudolph offenbar gezielt herbeigeführt, da er das Gebäude nicht als öffentliche Einrichtung verstanden wissen wollte, sondern als Lernraum für einige wenige Nutzer, die das absichtlich geheime Wegesystem erst nach und nach verstehen sollten [2].
Dieses Konzept war schon in den sechziger Jahren heftig umstritten. Rudolphs Nachfolger als Leiter der Architekturabteilung, der kalifornische Architekt Charles Moore, hätte am liebsten die Schule verlagert und das Art & Architecture Building ganz der Fakultät für Bildende Kunst überlassen, die von Anfang an zwei Geschosse genutzt hatte. Kaum sechs Jahre nach Fertigstellung fügte ein – vermutlich gezielt gelegter – Brand dem Gebäude erhebliche Schäden zu, die eine erste grundlegende Sanierung erforderlich machten. Dabei verschwanden nicht nur die abgehängten Decken und machten Platz für eine neue Sprinkleranlage, deren Leitungsführung keine Rücksicht auf die Betonoberflächen der tragenden Bauteile nimmt. Zusätzlich wurden die charakteristischen Sichtbetonbrücken zwischen den Galerien der Zeichensäle abgebrochen und an ihrer Stelle erheblich größere Deckenplatten eingezogen, die den Raumeindruck der Zeichensaal-Geschosse nachhaltig veränderten. So überrascht es auch nicht, dass Paul Rudolph in seinen letzten Lebensjahren zu Protokoll gab, das Gebäude existiere für ihn nicht mehr [3]. ›
› Dementsprechend beteiligte er sich auch nicht an den Bemühungen zu Erhalt und Sanierung des Art & Architecture Building. Denn die Sanierung des Hauses ist eine Daueraufgabe. Das Klima entlang der amerikanischen Nordostküste ist geprägt von erheblichen saisonalen Temperaturschwankungen. Dass monolithische Gebäude aus einschaligem Stahlbeton nicht ideal geeignet sind, unter solchen Rahmenbedingungen für ein ausgeglichenes Raumklima zu sorgen, liegt auf der Hand. Daher überrascht es nicht, dass die Nutzer des Art & Architecture Building im Winter über Kälte und Zugerscheinungen klagen, im Sommer hingegen unter Überhitzung leiden. Beidem ist die vorhandene Gebäudetechnik nicht annähernd gewachsen. Dennoch stehen die Sichtbeton-Oberflächen bei der geplanten Renovierung weder außen noch innen zur Disposition. Man hofft, dass die Erneuerung der – ohnehin nicht mehr im Originalzustand erhaltenen – Stahl-Glas-Fassaden die Probleme so weit abmildern kann, dass die Verhältnisse erträglich werden. Doch selbst die Fassadenplanung wirft Probleme auf, die geradezu unlösbar erscheinen: Die von Rudolph verwendeten Scheibenformate sind als Isolierglasscheiben entweder gar nicht erhältlich oder nicht mit den vorhandenen Tragsystemen in den bisherigen Dimensionen zu befestigen. Der gerippte Beton selbst erscheint aufgrund seiner Tiefe von außen für sein Alter sehr gut erhalten, doch der Eindruck täuscht. Die Stützen und Wände sind in ihrem Inneren durchfeuchtet, und bei gewissen Wetterlagen dringt die Feuchtigkeit nahezu ungebremst durch die Wände.
Ähnlich schwierig gestaltet sich die typologische Planung der anstehenden Generalsanierung. Die baurechtlichen Anforderungen zum barrierefreien Bauen sind in den USA erheblich strenger als in den meisten Ländern Europas, und die Umsetzung dieser Vorschriften wird zur Zusammenfassung verschiedener Teilflächen führen müssen. Die beiden zweigeschossigen, nach dem Vorbild einer Arena in der Gebäudemitte um einige Stufen vertieften Flächen für Entwurfsprüfungen werden voraussichtlich mittels eines doppelten Bodens auf das Niveau der rundum angeordneten studentischen Arbeitsräume angehoben, um das ganze Geschoss behindertengerecht erschließen zu können. Die Aufzüge sind zu klein für die Benutzung durch Rollstuhlfahrer – sie werden in einen östlich direkt anschließenden Anbau verlegt, der nach Entwürfen des New Yorker Büros Gwathmey/Siegel derzeit im Bau ist und die Fakultät für Kunstgeschichte aufnehmen wird.
Von diesem Erweiterungsbau ist derzeit nur eine Straßenansicht veröffentlicht, die gewisse Zweifel an der Angemessenheit der Architektursprache in ihrem Verhältnis zum bestehenden Gebäude aufwirft [4]. Dessen Sanierung beginnt derzeit bei laufendem Betrieb, die Bibliothek wurde bereits vorübergehend aus dem Erdgeschoss in ein Nachbargebäude verlagert, um Platz für den ersten Bauabschnitt zu machen. Die Planung der bautechnischen Sanierung ist in vollem Gange, insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit den Stahl-Glas-Fassaden und dem Sichtbeton. Ihr Ergebnis wird erst in einigen Jahren zu beurteilen sein.
Auch dann werden sich noch die Geister an diesem Gebäude scheiden: Im Gespräch mit Studierenden und Professoren findet man bis heute entweder ungeteilte Begeisterung oder strikte Ablehnung und kaum einmal gemäßigte, differenziert-kritische Betrachtungen. Entwurfslehrer berichten, dass sich erstaunlich oft zentrale Merkmale des Gebäudes – wie zum Beispiel der Grundriss in Form von vier als Doppelkreuze um einen zentralen Raum gelegten Riegeln oder die gebaute Landschaft aus gegeneinander versetzten Ebenen – in studentischen Entwürfen wiederfinden, meist ohne dass dies den Entwerfern bewusst ist. Was dem nicht gerade bescheidenen Paul Rudolph wahrscheinlich Freude bereitet hätte.
Der für seine Neigung zur Selbstinszenierung bekannte Architekt ist in Yale sogar posthum noch physisch präsent: Einige Wochen nach seinem Tod hat der Künstler Mark Bain im Rahmen einer Performance 8 Unzen seiner Asche im Gebäude verstreut, um dort eine »symbolische« Hinterlassenschaft des Schöpfers zu verewigen. •
[1] Einleitung zum Buch »Paul Rudolph: Architectural Drawings« (Tokyo 1972 und Fribourg 1974) [2] Interview mit John Cook und Heinrich Klotz, erschienen 1973 im Buch »Conversations with Architects« [3] Antworten auf Fragen am Rande eines Vortrages am Nationalinstitut für die Architekturausbildung in New York, Dezember 1993 [4] Auf der Website der Architekten unter www.gwathmey-siegel.com, Rubrik New Projects/ Educational (Stand Dezember 2006)