Co-working-Büros »Second Home« in London (GB)

Am Anfang war ein kreativer Raum

»Second Home« ist derzeit sicher Londons reizvollstes neues Arbeitsumfeld für kleine, technikaffine Start-ups. SelgasCano haben hier eine atmosphärische Architektur jenseits trivialer Trends geschaffen: eine elaborierte räumliche und ästhetische Komposition, einen charmanten Ort zum Arbeiten, der ressourcenschonend mit Materialien und mit dem knappen Gut Raum umgeht.

    • Architekten: SelgasCano Tragwerksplanung: Tibbalds

  • Kritik: Jay Merrick Fotos: Iwan Baan
Hanbury Street, im schick-schmuddligen Viertel Spitalfields im Osten Londons gelegen, ist eine Petrischale unterschiedlicher kultureller und kreativer urbaner Aktivitäten. Die Straße in der Nähe der Brick Lane wurde im 17. Jahrhundert angelegt, als hier erstmals Häuser errichtet wurden. Ein idyllisches Gefühl stellt sich allerdings schon längst nicht mehr ein, das Gebiet prägen v. a. niedrige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, überlagert von einer lebhaften Mischung aus Restaurants, Firmen von Einwanderern, Hipster-Outlets und Gourmet-Kaffeeröstereien.
Auf halber Länge der Straße stößt man auf das Projekt »Second Home«, das momentan architektonisch innovativste Technologie-Bürogebäude der Stadt. Seine Fertigstellung passt zeitlich genau: Seit 2010 ist die Anzahl neuer digitaler und technologisch orientierter Firmen in dieser Gegend von 200 auf 2 500 gestiegen.
In funktionaler Hinsicht bietet Second Home einen Ort, an dem Start-ups Projekte in ihren Anfängen entwickeln können, bevor sie schließlich dauerhaft in größere Büros umziehen. Die Mitgliedsbeiträge für die Arbeitsräume bringen Second Home rund 100 000 Pfund im Monat ein. Dessen gerade einmal 34-jähriger Gründer und Geschäftsführer, Rohan Silva, entwickelte auch das ähnliche Projekt »Tech City« in der nahen Old Street und war zuvor Berater der britischen Regierung, wobei ihm die Financial Times »unkonventionelle« Ideen attestierte.
Das spanische Büro SelgasCano (das den diesjährigen Sommerpavillon der Serpentine Gallery entwickelt; s. db 5/2014, S. 7) verwandelte das EG und 1. OG einer unspektakulären ehemaligen Teppichfabrik in Betonskelettbauweise in eine Folge transparenter Arbeitsräume, die, wie glänzende Amöben, über die großen Bodenplatten fließen; im EG wölbt sich das Café in einer Art halbkreisförmigem Wintergarten über den Bürgersteig. Dieser Gemeinschaftsbereich steht auch Besuchern aus der Nachbarschaft zur Verfügung und erinnert mit seinem lebhaft orangefarbenen Interieur sehr an das Swinging London der 60er Jahre. ›
› Im Innern dienen die architektonischen Eingriffe kleinen Unternehmen – von Technik-Start-ups über Risikokapital-Spezialisten bis hin zu einer Organisation, die Aus- und Weiterbildung in digitalen Technologien anbietet. Entstanden ist eine Arbeitswelt für die Hipster der »shared economy«, die es gewohnt sind, über einen gemieteten Bereich hinaus Raum und Infrastruktur gemeinschaftlich zu nutzen. Diese Existenzgründer arbeiten in ganz unterschiedlich geformten, von Acrylglas umhüllten Büros für vier bis 30 Personen. Gegenwärtig gibt es hier 20 Mitarbeiter von Second Home und rund 300 »vagabundierende« (Second Home nennt sie »roaming«) Mitglieder, die jeweils freie Arbeitsplätze nutzen.
Auf den ersten Blick wirkt die Gestaltung gewollt dramatisch bzw. cool – wenn nicht gar übertrieben. Schnell wird jedoch klar, dass der Entwurf außerordentlich gekonnt Raum, Ambiente und visuelle Stimulation moduliert.
Mehrfachbelegung
Die metallbekleidete Insel der Café-Bar liegt auf der Seite der Hanbury Street, während sich die transparenten Studios die Nord- und Südseite des Geschosses entlangschlängeln; die Küche ist hinter einer leuchtenden Wand mit gewellter Oberfläche auf der östlichen Seite angeordnet.
Das OG ist vom Empfangsbereich aus über eine einfache Betontreppe zugänglich. An der westlichen Außenwand und auf dem südlichen Teil der Geschossfläche reihen sich die meisten Studios und weitere geschlossene Räume auf. Die ausgeschnittene Öffnung in der Decke schafft eine Verbindung in doppelter Geschosshöhe mit dem EG. Radfahrer können ihre Gefährte in einem Schiffscontainer sicher verstauen, im EG gibt es außerdem einen Duschraum. Als einziger offensichtlicher funktionaler Fehler wäre zu nennen, dass die Schließfächer für die »vagabundierenden« Roamers viel zu klein ausgefallen sind.
Die Ausstattung ist gleichermaßen sinnlich wie pragmatisch und unterscheidet sich eklatant von den sonst üblichen Büros für Technologie-Start-ups.
Die Eingriffe von SelgasCano erinnern an die gewundenen transparenten Baukörper von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa, doch ohne deren ultrafeine Detaillierung. In der Tat ist ein raffiniertes Design genau das, was bei Second Home weggelassen wurde: Das entblätterte Betonskelett (mit Stützen im Raster von 6,5 m) blieb roh, die Decken sind mit offenen »Sauerkrautplatten« bekleidet, die über den Verkehrsflächen matt weiß und über den Arbeitsbereichen leuchtend gelb gestrichen sind; das Zusammentreffen der verschiedenen Materialien ist gewollt simpel. Als einzige offensichtlich stylische Implantate ›
› sind die Dutzenden von gebrauchten »Designklassiker«-Stühlen und anderen Sitzgelegenheiten auszumachen. Höhepunkt der Einrichtung ist aber der »Fliegende Tisch«: eine eigens angefertigte ovale Konstruktion, die mittels einer Mechanik bis unter die Decke gezogen werden kann, sodass, was gerade noch als Besprechungsraum diente, zum Yoga-Studio wird.
Räumliche Kniffe
Die Entscheidung für transparente Räume lag nahe. Die Geschosse sind 45 m tief und laufen von 30 m hinten auf 24 m vorne zu. Fensterbänder auf drei Seiten des Gebäudes sorgen dennoch für ausreichend natürliche Belichtung.
Der schönste Effekt, der sich durch die verschiedenen transparenten Ebenen ergibt, ist die sinnliche Komplexität der Blicke durch die Etagen. Wobei sich nicht der Eindruck eines visuellen Durcheinanders einstellt; stattdessen entsteht durch die Mischung von Acrylglas-Umhüllungen und offenen Flächen der Eindruck einer feinen und sehr sorgfältig ausgearbeiteten Komposition. Diese Wahrnehmung verstärkt sich durch den vom deutsch-amerikanischen Sozialpsychologen Erich Fromm (1900-80) eingeführten sogenannten biophilen Effekt, nach dem Menschen gerne von anderen Lebewesen umgeben sind. Mehr als 1 000 Topfpflanzen sind auf Regalen in Büros, in Besprechungskojen, Konferenzräumen und dem Chill-out-Modul mit »Technikverbot« im EG arrangiert.
Der vielleicht bemerkenswerteste Einzel-Effekt des Entwurfs ist, dass trotz der hohen Personendichte an den insgesamt 250 Tischen kein Gefühl der ›
› Überfüllung oder Enge aufkommt. Dank eines ungewöhnlich dicken und weichen Teppichs, der Faserplatten an den Decken und des 1,5 cm dicken Acrylglases, werden Geräusche kaum übertragen.
Gibt es trotz allem einen Haken an Second Home? Ja – aber nicht im Hinblick auf Räume oder Ausstattung. Das Problem ist die steigende Nachfrage nach einer Mitgliedschaft. Wie können »vagabundierende« Mitglieder ohne Wartezeit Räume belegen und wie wird sichergestellt, dass wachsende Gruppen in größere Räume umziehen können? Ohne die Option von Auflösungsverträgen und Kündigungsmöglichkeiten alle drei Monate ist die »organische« Einbindung neuer Unternehmen potenziell gefährdet.
Doch wie es scheint, werden diese Unzulänglichkeiten wohl nur eine vorübergehende Erscheinung sein. Die beiden Geschosse über Second Home werden in Kürze durch die Architekten umgebaut, die das Gebäude ohnehin regelmäßig besuchen, um zu begutachten, wie es funktioniert und sich entwickelt, – und persönlich die Sitzgelegenheiten in den Gemeinschaftsbereichen neu zu ordnen. •
Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau
  • Standort: 68-80 Hanbury Street, London E1 5JL Bauherr: Second Home, London Architekten: SelgasCano, Madrid (José Selgas, Lucia Cano) Mitarbeiter: Víctor Jiménez, Paolo Tringali, Bárbara Bardín, María Levene, Inés Olavarrieta Tragwerksplanung: Tibbalds, London Bauleitung: OD Group, London Kostenmanagement: Jackson Coles, London BGF: 2 400 m² Baukosten (inkl. Möblierung+Beleuchtung): £ 1 200/m² (ca. 1 660 Euro/m²) Bauzeit: Januar bis November 2014
  • Beteiligte Firmen: Kunststoffelemente: Plexiglas/Altuglas, Arkema Group, www.arkema.com Teppichböden: Westex Carpets, Cleckheaton, www.westexcarpets.co.uk Sanitärausstattung: Duravit, Hornberg, www.duravit.de
1 Eingang und Empfang 2 Café 3 »Fliegender Tisch« 4 Studio

London (GB) (S. 40)

SelgasCano
José Selgas
1965 in Madrid (E) geboren. Architekturstudium an der ETSA Madrid, 1992 Diplom. 1994-95 Mitarbeit bei Francesco Venecia, 1997-98 Stipendiat der Spanischen Kunstakademie in Rom. Seit 1998 Büro mit Lucía Cano.
Lucía Cano
1965 in Madrid (E) geboren. Architekturstudium an der ETSA Madrid, 1992 Diplom. Anschließend Zusammenarbeit mit Julio Cano Lasso, 1997-2003 Mitarbeit im Studio Cano Lasso. Seit 1998 Büro mit José Selgas.
Jay Merrick
s. db 5/2015, S. 88