Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis

Als Architekt in Norwegen

Das reiche Land im Norden lockt mit hoher Lebensqualität und attraktiven Betätigungsfeldern für Architekten. Doch wer sich für eine Umsiedelung interessiert, sollte sich zunächst darüber klar werden, dass in dem modern erscheinenden skandinavischen Staat noch nicht in allen Bereichen jene Standards erreicht wurden, die wir von Mitteleuropa her gewohnt sind.

Text: Carsten Lüdemann

Gründe für das Arbeiten und Leben in Norwegen gibt es viele: die vielfältige und unberührte Natur, eine Bauwirtschaft mit guter Auftragslage, kollegiale und soziale Arbeitsbedingungen u. v. m. Doch andere Länder, andere Sitten … und andere Berufsausbildungen und Bauweisen: Es wird für jeden deutschen Architekten oder Bauingenieur eine Überraschung sein, wenn er das erste Mal auf einer norwegischen Baustelle Gipskartonplatten hinter der Fassadenbekleidung sieht. Hier werden die Platten zur Aussteifung und als Windsperre verwendet. Fragwürdig? Durchaus! Eine norwegische Architektin sagte einmal, mit Gipsplatten zu bauen, sei eine norwegische Tradition. Allerdings währt diese erst seit 20 bis 30 Jahren – ganz im Gegensatz zur wirklich alten Holzbau-Tradition, die natürlich noch immer weitergeführt wird, allerdings eher im traditionellen Holzrahmenbau, denn als moderne Massivholzbauweise oder ingenieurmäßiger Holzskelettbau. Obwohl man die meisten Bauherren hier nicht wie in Deutschland von dem Baustoff überzeugen muss, gibt es z. B. noch immer keinen einzigen, konkurrenzfähigen norwegischen Produzenten für Massivholzkonstruktionen.
Doch Bauherren und viele Architekten wollen endlich »neue«, weniger traditionelle Baustoffe verwenden, Beton, Stein, Fliesen, Kunststoff etc. Im modernen Holzbau hat Norwegen also noch keinen Anschluss an die deutschsprachigen Länder oder seinen Nachbarn Schweden gefunden, der diesbezüglich gerade kräftig aufholt. Und da das norwegische Bauwesen konservativ und stark von der heimischen Baustoffindustrie gesteuert wird, können sich neue und längst überfällige Entwicklungen nur schwer durchsetzen. Norwegische Bauingenieure klagen darüber, wie wenig Einfluss sie selbst auf die Konstruktions- und Materialwahl haben – die Bauunternehmen bestimmen oft den Kurs und verharren auf ihren eingefahrenen Strukturen, mit denen sie gutes Geld verdienen. Versucht der Planer dennoch, eine »neue« Konstruktion anzuwenden, führt das zu massiven Preisaufschlägen seitens der Baufirmen, begründet mit einem »unternehmerischen Risiko«.
Anschluss verschlafen?
Architekten in Norwegen finden sich eher in der Rolle des Designers wieder, weniger in der des verantwortlichen Generalisten, der den gesamten Bauprozess steuert. Jeder Fachingenieur stellt unabhängig von den Kollegen seine Maximalforderungen gemäß Vorschriften und Traditionen – ein ganzheitlicher Ansatz ist in der Bauplanung oft nicht vorhanden. Und entsprechend erschreckend fallen die Resultate aus …
Das ist sowohl auf die Ausbildung als auch die eingefahrenen Strukturen innerhalb der Bauwirtschaft bzw. die staatlichen Vorgaben zurückzuführen. Mit Verschärfung der Energiebestimmungen wird dieser Mangel an ganzheitlichem Planungsvermögen zunehmend sichtbar. Nun sollen U-Werte erreicht werden, die allein durch ein einfaches Mehr an »Glava« (Mineralfaserdämmung) nicht mehr zu bewältigen sind. Die Holzquerschnitte sind mittlerweile an ihre Grenzen gestoßen, gefragt sind intelligente Konstruktionen und ganzheitliche Konzepte – einige Büros befassen sich bereits verstärkt damit und beginnen, sich aus den Fesseln der Baubranche zu lösen.
Gleichzeitig wird versucht, die Architektenschar mit Seminaren auf den erforderlichen Wissensstand zu bringen, um die zukünftigen Herausforderungen auch nur ansatzweise meistern zu können. Auch die Universitäten reagieren mittlerweile und nehmen Themen wie Nachhaltigkeit und Energieeinsparung in ihre Lehrpläne auf. Bisher werden die Anforderungen an die Architektenausbildung von den drei einzigen Hochschulen selbst definiert, an denen ein Architekturstudium möglich ist – NTNU Trondheim, AHO Oslo, BAS Bergen.
Das auf Seiten der Architekten und Bauingenieure noch nicht vorhandene bauphysikalische und energetische Wissen hat die VVS-Branche – Vann (= Wasser), Ventilasjon, Sanitær – für sich entdeckt. Die VVS-Fachingenieure haben seit jeher die »Macht« über Geschosshöhen und enorme Flächen für Belüftungssysteme und tragen damit zu einem überdurchschnittlichen Teil zu den Baukosten bei, nun graben sie den Nachbardisziplinen das Wasser auf dem Gebiet der Energieberechnungen und des nachhaltigen Bauens ab. Der norwegische Architektenverband NAL (Norske Arkitekters Landsforbund) hat es verschlafen, diese wichtige Schlüsselfunktion für sich zu beanspruchen.
Tricky – Die berufliche Anerkennung des Abschlusses
In Norwegen gibt es kein offizielles Kammersystem wie in Deutschland. Jeder kann im Prinzip als »Arkitekt« arbeiten, nur der Titel des »Sivilarkitekt« ist eine geschützte, akademische Bezeichnung. Für deutsche FH-Absolventen, die sich in Norwegen selbstständig machen wollen, gleicht die Anerkennung ihrer Ausbildung einer Odyssee durch Instanzen und Behörden. Der Abschluss, der in Deutschland als gleichwertig zur universitären Ausbildung gilt, wird hier nicht anerkannt. Auch die Mitgliedschaft im norwegischen Architektenverband NAL bleibt einem jungen FH-Absolventen zunächst verwehrt. Für die öffentliche Wahrnehmung ist der NAL allerdings von größter Bedeutung, da er das Sprachrohr der Architektur (weniger der Architekten) in Norwegen ist. Sein Hauptsitz ist in Oslo. Er ist streng zentralistisch aufgebaut, auch wenn jedes »fylke« (entspricht dem deutschen Bundesland) seine »lokalforeninger« (Regionalverbände) hat. Die Mitgliedschaft beim NAL gilt als (ungeschriebene) Voraussetzung für eine selbstständige Tätigkeit in Norwegen.
Paradoxerweise gelten Architekten und Bauingenieure aus dem deutschsprachigen Raum, egal ob von der Uni oder FH, in Norwegen aufgrund ihrer soliden Ausbildung in Bezug auf Baukonstruktion, Bauablaufplanung und Praxisnähe bereits als Absolventen als kompetente Kollegen.
Der Weg führt somit zurück über die deutsche Architektenkammer: Ist man dort (nach zweijähriger Praxis, die man wiederum gerne im Ausland und folglich in einem norwegischen Architekturbüro erworben haben kann) eingetragen, ist alles nur noch Formsache – mühelos bewilligt der NAL den Antrag auf Mitgliedschaft, auch wenn es offiziell heißt, man müsse nach Trondheim zur NTNU, sie sei für die Anerkennung ausländischer Architekturdiplome zuständig.
Hat man es aber dann irgendwann geschafft, in Norwegen Fuß zu fassen, bietet das rohstoffbedingt immer noch reiche Land gute Arbeitsmöglichkeiten und v. a. die Chance, an einer baulichen Wende in Bezug auf Nachhaltigkeit mitzuwirken. Lykke til! •