Effizienzhaus Plus im Altbau in Neu-Ulm

Wohnzeile als Kraftwerk

Erstmals in Deutschland wurde ein bestehendes Mehrfamilienhaus so umgebaut, dass es mehr Energie erzeugt als verbraucht. Mit marktgängigen Systemen und ohne gewagte Technik-Experimente haben o5 Architekten alltagstaugliche Wohnungen geschaffen.

Text: Christian Schönwetter

Seit Jahren zeigt die städtische Wohnungsgesellschaft von Neu-Ulm (NUWOG) architektonischen Pioniergeist. Immer wieder beteiligte sie sich am Europan-Wettbewerb, 2007 verwirklichte sie eines der ersten Niedrigenergiehäuser im Bestand und nun also Deutschlands erstes Mehrfamiliengebäude als Plusenergiehaus im Altbau. Das Projekt entstand im Rahmen eines Wettbewerbs, offizieller Auslober war das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Als Ziel galt es, ein »Effizienzhaus Plus« zu wirtschaftlichen Bedingungen zu realisieren. Konkret: Sanierung und Umbau einer Wohnzeile aus dem Jahr 1938 im Norden von Neu-Ulm sollten nicht teurer werden als Abriss und Neubau nach EnEV-Standard.

Strategie
Gemeinsam mit der TU Darmstadt und dem Energieplanungsbüro ina entwickelten o5 Architekten das Konzept. Im Unterschied zum Passivhausstandard setzten sie nicht auf ein Maximum an Dämmung und Luftdichtigkeit, sondern lediglich auf ein Optimum, das guten Wärmeschutz bei vertretbarem konstruktivem Aufwand im Altbau ermöglicht. Der Energiebedarf nach EnEV wird »nur« um 60 % unterschritten. Das Gebäude benötigt also zunächst mehr Energie als ein Passivhaus, erzeugt diese aber selbst – und zwar so viel, dass in der Gesamtjahresbilanz ein kleiner Energieüberschuss von 3,8 % verbleibt, der ins öffentliche Stromnetz eingespeist wird. Dabei ist das Haus kein gebautes Technik-Manifest, sondern bietet neun normale Mietwohnungen, die sich ohne Sonderkenntnisse nutzen lassen.

Bessere Grundrisse
Den tiefgreifenden Umbau nutzten die Architekten, um auch den Wohnwert zu steigern. In jeder Einheit wurden zwei kleine Zimmer durch Abriss der Trennwand zu einem großen Wohn-, Ess- und Kochraum zusammengelegt, der jetzt ein »Durchwohnen« ermöglicht. Auf diese Weise kommt man auch in Teilen der nördlichen Gebäudehälfte in den Genuss von Südlicht. Ein Anbau an der Nordseite vergrößert die Wohnfläche ebenso wie der Ausbau des bislang ungenutzten Dachraums. Dadurch konnte auch mehr Vielfalt bei den Wohnungsgrößen geschaffen werden: Gab es ursprünglich nur Drei-Zimmer-Einheiten von je ca. 55m², so reicht das Angebot jetzt von der Zwei- bis zur Vierzimmerwohnung mit ca. 55 bis 95 m². Hinter dem Haupteingang wurde die Treppe im engen Hausflur entfernt und stattdessen eine Außentreppe geschaffen, die vom Straßenniveau zum Hochparterre führt. Sie ist breit genug, dass sich bei Bedarf ein Treppenlift nachrüsten lässt, der die barrierearmen Wohnungen im Hochparterre erschließt.

Energiekonzept im Detail
Zunächst einmal erhielt das Gebäude einen Wärmeschutz aus recycelfähigen Baustoffen. Die Fassaden tragen ein mineralisches WDVS aus 20 cm dickem Leichtbeton. Beim Abbruch des Gebäudes lässt es sich zusammen mit dem Mauerwerk schreddern, ohne eine Materialverunreinigung zu verursachen. Beim Dach wurden die Sparren aufgedoppelt und der Zwischenraum mit einer 24cm-Schicht aus Zelluloseflocken gefüllt plus 4 cm Aufsparrendämmung  aus Holzwerkstoffplatten – auch hier herrscht also Materialeinheit, in diesem Fall aus Holz.
Durch Herausbrechen der Fensterbrüstungen kommt mehr Tageslicht in die Wohnungen und über die Öffnungen an der Südfassade lässt sich mehr passive Solarenergie nutzen. Den geringen verbleibenden Heizbedarf deckt eine Sole-Wasser-Wärmepumpe. Die dafür nötige Umweltwärme bezieht sie über Helixsonden aus dem Erdreich, die den Vorteil haben, dass sie nicht besonders tief eingebracht werden müssen – es wurde nur 5 bis 6 m nach unten gebohrt. Den Strom für den Betrieb der Wärmepumpe erzeugt die Photovoltaikanlage auf dem Satteldach. Sie bedeckt dessen gesamte Südseite, versorgt auch alle anderen Geräte im Haus mit Elektrizität und liefert jenen kleinen Überschuss, der das Gebäude zum Plusenergiehaus macht – trotz der  langen Nebelphasen, für die das lokale Klima von Neu-Ulm berüchtigt ist. Ein baugleiches Haus würde an vielen anderen Standorten sogar einen höheren Energieüberschuss produzieren.
Die Wärmeerzeugung für Heizung und für Warmwasser erfolgt in komplett getrennten Systemen. Für die Warmwasserbereitung gibt es eine eigene Wärmepumpe, die als Quelle die Umgebungsluft nutzt. Im Winter bedient sie sich der Abluft, die in Küche und Bad abgesaugt wird. Im Sommer nutzt sie den Vorteil höherer Temperaturen und bedient sich der wärmeren Außenluft, um weniger „nachheizen“ zu müssen. Ab 23 bis 25 °C schaltet sie um.
Auch die Lüftung unterscheidet zwischen Winter- und Sommerbetrieb. In der kalten Jahreszeit strömt Frischluft regelmäßig über dezentrale klappenregulierte Fassadenöffnungen ein, die sich hinter den Heizkörpern befinden. Auf diese Weise vortemperiert, verteilt sie sich im Raum, bevor sie wie beschrieben wieder abgesaugt wird. An Sommertagen wäre dieses Prinzip unkomfortabel, da man sich so die Außenhitze ins Haus holen würde. Daher bleiben die Klappen dann geschlossen; stattdessen können die Bewohner mit nächtlicher Fensterlüftung das Raumklima steuern.

Sparen ist gut, Kontrolle ist besser
Insgesamt setzt das Gebäude auf robuste Technik, die sich einfach bedienen lässt, die Heizkörper beispielsweise werden ganz klassisch mit einem Thermostatventil geregelt. Komplexe Steuerungen per Tablet o.ä. gibt es nicht. Das Projekt wird einem zweijährigen Monitoring unterzogen, um zu prüfen, ob sich im normalen Mieteralltag die prognostizierten Werte einstellen. Wer will, kann seinen Energieverbrauch über eine Website verfolgen, die auch darüber informiert, ob man im Vergleich mit dem Durchschnitt der Nachbarwohnungen besser oder schlechter abschneidet. Ob auf diese Weise der sportliche Ehrgeiz der Bewohner geweckt wird, muss sich jetzt zeigen…


Standort: Pfuhler Straße 10-14, Neu-Ulm

Bauherr: NUWOG-Wohnungsgesellschaft der Stadt Neu-Ulm

Architektur: o5 Architekten BDA – Raab Hafke Lang, Frankfurt am Main

Tragwerksplanung: B+G Ingenieure Bollinger und Grohmann, Frankfurt am Main

Energieplanung: ina Planungsgesellschaft, Darmstadt

Technische Gebäudeausrüstung: EGS-plan, Stuttgart

Bauleitung: Freie Architekten G. Linder + Partner, Günzburg

Wohnflächen gemäß WoFlV: 730 m²

BGF (Bereich a) gemäß DIN 277/ 2005 (ohne Keller): 850 m²

BRI (Bereich a) gemäß DIN 277/ 2005 (inkl. Keller): 3.835 m³

o5 Architekten haben die Häuser mit den Nummern 10-14 umgestaltet (Bild: Eibe Sönnecken, Darmstadt)


Nachtrag (13.8.2018): Inwischen liegen erste Ergebnisse des Monitorings vor. Ob die Realität hält, was die Berechnungen versprachen, erfahren Sie hier.