Wohnhaus in Berlin

Schlafen statt drucken

Erst Druckerei, dann Botschaft, jetzt Wohnhaus: In Zehlendorf hat das Büro SEHW einen Bau mit bewegter Vergangenheit transformiert. Er zeigt, dass sich nicht nur Gebäude der Gründerzeit, sondern auch der Moderne sehr vielseitig nutzen lassen.

Gewerbebauten der 70er Jahre, in Zeiten des Bauwirtschaftsfunktionalismus errichtet, mögen spröde und unattraktiv sein – aber eines sind sie nicht: unflexibel. Ein gutes Beispiel ist ein Druckereigebäude in Berlin-Zehlendorf. Mit seinen großen stützenfreien Räumen dank starker Unterzüge ließen sich immer wieder unterschiedliche Grundrisse darin verwirklichen. Ursprünglich beherbergte das weitläufige EG die Anlieferung und die Maschinenhalle, das kleinere OG Büros und das Souterrain den Personalbereich, der über das abgegrabene Gelände fast genauso gut belichtet war wie die oberen Stockwerke. Als die Druckerei mehr Platz benötigte, zog sie aus und der Bau diente Verwaltungszwecken, genauer gesagt als Botschaft der Mongolei. Nach jahrelangem Leerstand mit entsprechenden Folgen – Graffiti, Wasserschäden, eingeschlagene Scheiben – nimmt er nun bereits die dritte Nutzung auf: Wohnen. Warum das heruntergekommene Gebäude nicht abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wurde? Eine vergleichbare Ausnutzung des Grundstücks wäre heute nicht mehr genehmigungsfähig.

Das Berliner Büro SEHW führte den Bestand auf den Rohbau zurück und richtete zwei Wohneinheiten darin ein, eine kleinere im Souterrain und eine sehr großzügige in den beiden oberen Geschossen. Die ruppigen Betondecken – seinerzeit ohne besonderen Anspruch erstellt – blieben ebenso sichtbar erhalten wie die schweren Unterzüge und lassen die alte Maschinenhalle erahnen. Auch die Werksteintreppe kündet von vergangenen Zeiten. Ansonsten aber ist alles neu. Ein Patio im EG gliedert die Wohnbereiche und holt mehr Licht in die Gebäudemitte. Durch Abbrechen eines Deckenfeldes entstand an anderer Stelle ein Luftraum, der zusätzliche Sichtbeziehungen schafft. Einige der nun eingezogenen Wände sind aus Holz ausgebildet und mit einer Fuge von der Decke abgesetzt, sodass die Zimmer beinahe wie eingestellte Möbel wirken. Ein sichtbarer Estrich am Boden korrespondiert mit den Betondecken.

Außen erhielt das Gebäude eine mineralische Wärmedämmung und anschließend eine hinterlüftete Holzschalung, sägerau belassen und schwarz lasiert. Wirkt sie aus der Ferne noch ganz schlicht, so zeigt sie aus der Nähe eine abwechslungsreiche Gliederung: Die senkrechten Bretter sind unterschiedlich breit und im wilden Verband angeordnet. Da die Nachbarschaft sehr eng bebaut ist, planten die Architekten vor einigen Fenstern Holzlamellen als Sichtschutz ein. Die übrigen Fenster sitzen entweder außenbündig in der Fassade oder ganz innen, was die Dicke der Wand betont. Dieser plastische Effekt wird im Innenraum durch Einbaumöbel unter den Fenstern, etwa ein langes schwarzes Sideboard im Wohnraum, noch zusätzlich unterstrichen.

Als Wohnhaus für gehobene Ansprüche funktioniert das alte Druckereigebäude jetzt erst einmal bestens. Doch wer weiß, ob die Zukunft nicht noch eine weitere Umnutzung bringen wird? ~cs