Villa im Kanton Solothurn (CH)

Behutsam weiterentwickelt

Die Enkelgeneration entdeckt die Architektur der 60er Jahre: Bei Solothurn hat ein Bauherr das Haus der Großeltern für sich anpassen lassen, mit einer Doppelstrategie aus Bewahren des Vorgefundenen einerseits und sichtbaren Eingriffen andererseits.

Architekten: Hauswirth Architekten

Text: Hubertus Adam
Fotos: Alexander Gempeler

Aldo Prina gehörte zum weiteren Umfeld der Jurasüdfuß-Architektur in der Schweiz, die mit ihren Protagonisten Alfons Barth, Fritz Haller, Max Schlup und Hans Zaugg besser unter dem Begriff »Solothurner Schule« bekannt ist. Viel ist über das Schaffen des in Starrkirch tätigen Architekten nicht bekannt. 1964 hatte er ein zweigeschossiges Einfamilienhaus an einem der Südhänge des Jura errichtet, die für den Kanton Solothurn typisch sind. Sicherlich kein wirkliches Meisterwerk der Spätmoderne, aber doch ein solides Stück Architektur, das aus seiner Umgebung heraussticht, die von belanglosen Bauten späterer und jüngster Dekaden geprägt wird. 50 Jahre nach Fertigstellung war das Haus sanierungsbedürftig, der Garten verwildert; Pläne wurden erwogen, das nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäude abzureißen und das Grundstück ökonomischer auszunutzen. Doch der Enkel des einstigen Bauherrn besann sich eines Besseren und entschied sich für die Sanierung. Den Auftrag erhielt das in Zürich ansässige Büro Hauswirth Architekten, das schon einmal für die Familie tätig gewesen war.

Leitmotiv Aussicht

Der Blick nach Süden über das Tal des Mittellandes bis hin zur Kette der Alpen, die bei klarem Wetter in der Ferne majestätisch in Erscheinung tritt, war für Prima das zentrale Entwurfsthema gewesen. Das Haus ist einfach organisiert: Die untere Ebene mit dem separaten Baukörper der Garage und dem Gartengeschoss, das rückseitig in den Hang gegraben ist, erstreckt sich in West-Ost-Richtung. Rechtwinklig dazu, also in Nord-Süd-Richtung, ist die Box des oberen Geschosses organisiert, die weit Richtung Tal auskragt und von zwei Reihen mit je vier schmalen Betonpfeilern getragen wird. Man betritt das Haus auf der oberen Etage straßenseitig von Norden und gelangt anschließend in das Foyer zur Treppe, die in das Gartengeschoss hinabführt. Ein Raumteiler trennt die privateren Bereiche von der großen Wohnzone, die sich über die ganze Tiefe des Volumens erstreckt und in einem großen Panoramafenster kulminiert. Dadurch, dass das Haus mit einwärts geneigten Pultdächern überdeckt ist, steigt die holzverkleidete Dachuntersicht nach Süden hin an, was die Ausrichtung des Hauses auf die Aussicht über das weite Tal noch verstärkt. Beeindruckt im Wohnbereich die große Geste, so zeigten sich die übrigen Zonen eher kleinteilig gekammert und waren überdies durch diverse Einbauten verstellt. Für Schweizer Villen der Zeit ist diese etwas biedere Atmosphäre nicht untypisch: Die Spätmoderne brachte ein anderes Lebensgefühl als jenes des kalifornischen Mid Century Modernism.

Mit Augenmaß erneuert

Das Konzept im Umgang mit dem Bestand sah vor, neben der energetischen und klimatechnischen Ertüchtigung des Gebäudes dessen gestalterische Qualitäten zu betonen – also die Raumfolge aus Treppenhaus, Küche und Wohnzone mit ihrem 60er-Jahre-Charakter –, während sich stärkere Interventionen auf die übrigen Bereiche konzentrieren. Die bestehenden Holzeinbauten in den zentralen Räumen wurden aufgefrischt, im Wohnbereich verzichtete man auf die Dämmung des Daches, um die Holzdecke nicht antasten zu müssen, und in der Küche gelang es, die neuen Haushaltsgeräte weitgehend in die vorhandenen Möbel zu integrieren. Neu in den eher öffentlicheren Bereichen ist der dunkle fugenlose Bodenbelag, während in den Privaträumen Parkett zum Einsatz kam; durch das Entfernen von Trennwänden und Einbauten wurde dort der Kleinteiligkeit entgegengewirkt. Um die innere Raumstruktur und die Leitungsführungen nicht vollständig zu verändern, fiel die Entscheidung, die ebenfalls zeittypisch bescheiden dimensionierten drei Nassräume nicht zu vergrößern. Der heutige Eigentümer wünschte sich insgesamt mehr Farbe, und so erhielten die Badezimmer transparente Waschbecken – das eine leuchtet in Gelb-, das andere in Rot-, das dritte in Blaunuancen – mit dazu passend abgetönten verspachtelten Wänden.

Präsenz verstärkt

Farbe bestimmt nun auch das Äußere der ringsum erneuerten Fassade. Die Platten des Dachabschlusses setzten schon vor der Sanierung einen roten Akzent, während die Wände ein unscheinbares Weißgrau zeigten. Ausgehend von einem Standard-Rotviolett der Eternitplatten des Dachabschlusses wählten die Architekten unterschiedliche, aufeinander abgestimmte Rot- und Orangetöne für Fassadenflächen, Fensterrahmen und Storen, die dem Gebäude eine unübersehbare Präsenz am Hang verleihen.

Bedenkt man, dass die Haustechnik nicht völlig erneuert wurde und auch ansonsten die Interventionstiefe nicht an allen Stellen gleich war, so mag die Summe von gut 1,5 Millionen Franken für die Sanierung der Villa mit ihren acht Zimmern erstaunen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil davon ist aber in die Neugestaltung des großen Gartens geflossen, v. a. in die erweiterte Neutrassierung der unteren Ebene zu einem durchgängigen Plateau. Dieses bildet gleichsam die optische Fortsetzung des Raums unter der Auskragung des OGs, der weiterhin unbeheizt ist, aber mit Glas geschlossen wurde. Das gleiche gilt für die Loggiaterrasse im Geschoss darüber. Beide Außenräume waren wegen der starken Winde im Tal zuvor kaum nutzbar.


Standort: Kanton Solothurn (CH)
Bauherr: privat
Architekten: Hauswirth Architekten, Zürich
Projekt- und Bauleitung: Philipp Neves, Zürich
BGF: 404 m²
BRI: 1 220 m³
Baukosten: 1,55 Mio. CHF

Beteiligte Firmen:
Wände: Vollkernplatten, FunderMax Max Compact Exterior 8 mm, FunderMax, St. Veit/Glan (A), www.fundermax.at
Holzboden-Beläge: Landhausdielen 1900x190x14, MO54a Eiche Old Fashioned gebürstet, Balteschwiler, Laufenburg (CH), www.balteschwiler.ch
Fugenlose Bodenbeläge: Aeberhard Colorstream, 3-4 mm, AEBERHARD, Münsingen (CH), www.aeberhard.ch
Fugenlose Nasszellen-Wandbeläge, Aeberhard Palum 3 mm, durchgefärbt, AEBERHARD, Münsingen (CH), www.aeberhard.ch
Badezimmer-Radiatoren: Zehnder Metropolitan, Zehnder, Lahr, www.zehnder-systems.de
Ganzglas Schiebewände: GS-110, Ernst Schweizer, Hedingen (CH), www.ernstschweizer.ch
Küchenarbeitsplatten: Keramik Nero Zimbabwe matt gebürstet; Carlo Bernasconi, Bern (CH), www.carloag.ch


Hauswirth Architekten

Stefan Hauswirth

1994-2000 Architekturstudium an der ETH Zürich. Mitarbeit bei Herzog & de Meuron und Kuhn Fischer Architekten. Seit 2003 eigenes Büro in unterschiedlichen Konstellationen, seit 2013 Hauswirth Architekten.