Verbundfenster – noch kein Fall für die Rote Liste

Doppelt verglast wärmt besser

Knapp 40 Millionen noch erhaltene Verbundfenster in Deutschland: Bis zur Marktreife des Isolierglasfensters in den Siebzigerjahren waren sie die energieeffizienteste, nutzerfreundlichste und kostengünstigste Fensterart. Woran erkennt man eine korrekte Ausführung? Wie lassen sie sich heute instandsetzen? Und ist es sinnvoll, alte Einfachverglasungen zu Verbundfenstern aufzurüsten?

Das Verbundfenster ist die einzige Fensterkonstruktion, bei der beide Flügel dicht und direkt aufeinanderliegen und mit eigens dafür entwickelten Beschlägen verbunden sind. Das wichtigste Konstruktionsmerkmal ist der gemeinsame Drehpunkt beider Flügel am Rahmen. Vom Konstruktionsprinzip her handelt es sich um ein aufgedoppeltes Einfachfenster. Man könnte es auch als zusammengeschobenes Kastenfenster oder als in der Mitte aufgetrenntes Panzerfenster bezeichnen. Letzteres ist ein in der aktuellen Bauforschung nahezu unbekanntes Bauteil, das auch als Sonderanfertigung im Rahmen historischer Fensterkonstruktionen kaum erfasst oder dokumentiert wurde. Historisch betrachtet versteht man darunter Sonderverglasungen, bei denen einfach verglaste Fenster raumseitig mit einer zweiten Scheibe zur Doppelverglasung mit weitgehend dichtem Scheibenzwischenraum erweitert wurden.
Verbundfenster wurden in der Fachliteratur zur Bauschreinerei zum ersten Mal in den frühen Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts erwähnt. 1877 gab es die erste zeichnerische Darstellung von echten Doppelverglasungen. Das damals zeittypische, einfach verglaste Fenster erhielt raumseitig weitere verglaste Flügel, die mit Vorreibern fest eingestellt beziehungsweise mit kleinen Sonderbeschlägen auch zu öffnen waren. In den nächsten beiden Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende wurden aus diesem Detail Verbundfenster entwickelt und einzeln oder als Kleinserien gefertigt.
Es handelte sich um Vorstufen zu späteren, genormten Konstruktionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg für zwei bis drei Jahrzehnte marktbeherrschend waren. Die Anfang des 20. Jahrhunderts noch gängigen Kasten- beziehungsweise Winterfensterkonstruktionen sollten durch Modelle verbessert werden, die den Lichtdurchgang optimierten, den Materialverbrauch reduzierten und die Benutzerfreundlichkeit erhöhten.

Marktführer

In den Aufbaujahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die Achtzigerjahre waren das „Braunfenster“, das „Wagnerfenster“ und das „Rekordfenster“ die marktgängigsten Verbundfenster. Die Konstruktionen sind bei allen drei Bauarten ähnlich. Beim Abstand zwischen den Fensterflügeln unterscheiden sie sich jedoch deutlich.
Das Braunfenster wurde von der Augsburger Firma Karl Braun in den Dreißigerjahren entwickelt und bis in die Fünfziger gefertigt. Dieses Fenster durfte auch von Schreinerwerkstätten hergestellt werden, wenn sie die gesamten Beschläge von der Firma Braun bezogen. Der Abstand zwischen den Flügeln beträgt 22 Millimeter. Der äußere Flügel war mit Sonderbeschlägen wie Mitnehmer- und Bremskupplungen ausgestattet und mit dem inneren Flügel verbunden. Da beide Flügel mit eigenen Beschlägen angeschlagen sind und einen deutlichen Abstand zueinander aufweisen, gehört das Braunfenster eigentlich zur Kategorie der Flachkastenfenster.
Wagnerfenster und Rekordfenster hingegen sind „echte“ Verbundfensterkonstruktionen. Der markante Unterschied zwischen Wagnerfenster und Rekordfenster liegt im Abstand zwischen den beiden Flügeln. Das Wagnerfenster geht auf einen Entwurf des Stuttgarter Architekten Ernst Wagner zurück. Bei seinem Verbundfenster beträgt der Flügelabstand zwei bis fünf Millimeter, während das Rekordfenster eine möglichst dichte Presspassung mit Überfälzung besitzt. Das Rekordfenster wurde 1913 von der alteingesessenen Stuttgarter Fensterwerkstatt Neuffer entwickelt, die bereits zuvor mit ihrem patentierten Reformfenster, dem „Neuffer-Doppelfenster“, große Erfolge erzielt hatte.
Einerseits vermieden Verbundfensterkonstruktionen den großen Nachteil von Panzerverglasungen, deren Scheibenzwischenraum nicht zu reinigen ist. Andererseits war ihre Akzeptanz bei den Nutzern immer wegen der Tauwasserbildung im Scheibenzwischenraum beeinträchtigt, die nicht nur die Durchsicht stört, sondern auch Konstruktion, Anstrich und Verglasung strapaziert. Diese Probleme begünstigten letztlich die Entwicklung des Isolierglases. Mit der Marktreife deutscher Isolierglasscheiben ab 1959 (neues Fertigungsverfahren von Alfred Arnold) ging die Herstellung des Verbundfensters dann kontinuierlich zurück.

Entwicklung und Verbreitung

Das Verbundfenster war bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts nur wenig verbreitet. In kleinen Werkstätten tüftelten Glaser und Tischler an seiner Entwicklung. Bis zum Zweiten Weltkrieg blieben Verbundfensterkonstruktionen individuelle Anfertigungen. Die ganze Bandbreite technischer Möglichkeiten wurde dabei erprobt.
In großem Umfang kam das Verbundfenster jedoch erst in den Wiederaufbaujahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. An die Stelle individueller Lösungen traten dann aber standardisierte und genormte Konstruktionen. Einen nochmaligen Produktionsschub verursachte die Ölkrise im Jahr 1973, in deren Folge viele einfach verglaste Fenster durch energieeffizientere Verbundfenster ersetzt wurden. Nahezu durchgängig zum Einsatz kamen diese Fenster in öffentlichen Gebäuden. Auf den Konstruktionsprinzipien des Wagnerfensters oder Rekordfensters aufbauend entstand eine große, gebäudespezifische Vielfalt.

Verbesserte Dichtung

Die Bildung von Kondensat im Scheibenzwischenraum von Verbundfenstern ist eine unerwünschte, bauphysikalische Erscheinung, die vor allem in der kalten Jahreszeit auftritt, wenn warme, feuchte Raumluft in den Scheibenzwischenraum eindringt. Da Verbundfenster noch bis weit in die Sechzigerjahre ohne Dichtungen gefertigt wurden, waren alle Konstruktionen durch Kondensation beeinträchtigt. Selbst die Rekordfenster, bei denen versucht wurde, den Scheibenzwischenraum durch eine komplizierte Überfälzung weitgehend dicht zu bekommen, zeigten diesen Mangel als unvermeid- bare Folge von Verformungen des Holzes, beispielsweise unter Wärmeeinwirkung oder durch Schwinden und Quellen.
Schon früh wurden bei Verbundfenstern Dichtungsversuche unternommen, die im Laufe der Zeit zur Erkenntnis führten: Verbundfenster dürfen nur eine raumseitige Dichtungsebene erhalten. Die wiederholten Ölkrisen und ein wachsendes ökologisches Bewusstsein forderten weitere wärmetechnische Verbesserungen. Mit den überarbeiteten Fensterkonstruktionen seit den Achtzigerjahren wurde endlich auch das Kondensatproblem gelöst; entsprechende Vorgaben und Empfehlungen formulierte das Institut für Fenstertechnik in Rosenheim: Verbundfenster sollten nur noch mit Dichtlippen gefertigt werden, die das Eindringen warmer und feuchter Luft aus Innenräumen in den Scheibenzwischenraum unterbinden. Darüber hinaus wurde für Verbundfensterkonstruktionen vorgeschrieben, dass zwischen den Flügeln ein geringer Abstand von 1,0 bis 1,5 mm einzuhalten ist. Diese „Dauerlüftung“ hat nach Berechnung des Instituts keine wärmetechnischen Nachteile. Sie verhindert jedoch die Kondensatbildung, da der Scheibenzwischenraum jetzt nur noch von kalter Außenluft erreicht werden kann.
Leider war vielen Betrieben die Anschaffung der dazu notwendigen Maschinenausstattung zu aufwändig. Sie arbeiteten – zum Teil bis heute – weiter mit den alten Werkzeugen und bekamen die genannten Probleme bei ihren Verbundfenstern nicht in den Griff. Ungeachtet dessen kamen die technischen Verbesserungen zu spät, um die Verdrängung des Verbundfensters durch das Isolierglas noch aufhalten zu können. Heute werden Verbundfenster vorrangig nur noch unter zwei Gesichtspunkten neu gefertigt und am Bau verwendet: Zum einen erfüllen sie die Anforderungen der Denkmalpflege und zum anderen besitzen sie hohe bautechnische Standards. Für die Baudenkmalpflege war das Verbundfenster über Jahrzehnte stets „erste Wahl“.

Bestandserhaltung

„Historische Fenster sind zu erhalten, jüngere Verbund- und Isolierglasfenster können ersetzt werden.“ Dieser Ansatz war lange Zeit gängige Praxis bei Baudenkmalen. Seit etwa zehn Jahren wird aber auch „Nachkriegsware“ erhalten und gepflegt. Ältere und bauzeitliche Bestände wie am Corpshaus Rhenania auf dem Tübinger Österberg von 1912 oder am Verwaltungsgebäude des Brauhauses Ravensburg von 1926 haben hinreichend bewiesen, dass solide und robust gebaute Verbundfenster in und mit ihren Gebäuden sehr gut altern können.
Funktionstechnische Verbesserungen aufgrund aktueller technischer Vorgaben sind bei diesen Fenstern problemlos möglich. Dies zeigen auch Beispiele aus der Zeit des Neuen Bauens, etwa das DULA-Schulhaus in Luzern, 1932/33 von Architekt Albert Zeyer errichtet. Bei seiner umfassenden Sanierung 2005/2006 wurde angestrebt, die gesamte Bausubstanz einschließlich der bauzeitlichen Fenster zu bewahren. Die über siebzig Jahre alten, zeittypischen Verbundfenster besaßen solide und handwerklich reparierbare Beschläge, einen hohen Anteil an feinjährigem Holz und ihre originalen Ziehgläser waren weitgehend erhalten.
Mittlerweile ist die Erkenntnis gewachsen, dass die Qualität jüngerer Fenster mit dem Standard älterer Fensterkonstruktionen nicht mithalten kann und heute bereits die Sanierung nur zwanzigjähriger Fenster aus handwerklicher Sicht keinen Sinn mehr macht. Auch dies trug wesentlich dazu bei, den Fensterbestand der Schule zu erhalten und energetisch durch das Einbauen von Dichtungen und Sonderisolierverglasungen zu optimieren.

Aus Einfachfenstern können Verbundfenster werden

Historische Einfachfenster sind dauerhaft und können energetisch verbessert werden. Da viele Nutzer den Umgang mit Kasten- oder Winterfenstern nicht akzeptieren, lassen sich Einfachfenster auch durch aufgesetzte Flügel zu Verbundfenstern ergänzen. Bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren wurden in einzelnen Städten die Fenster ganzer Straßenzüge nach dieser Methode wärmetechnisch aufgewertet.
Es gibt viele Bauwerke, bei denen der Erhalt der historischen Fenster ausschließlich diesen Maßnahmen zu verdanken ist. Bei der Grusenvilla in Schwenningen etwa, einer der bedeutendsten Jugendstilvillen in Südwestdeutschland, erschien der Umbau zum Kastenfenster im Hinblick auf die geplante Vermietung des Gebäudes nicht praxistauglich. Letztlich wurde der Erhalt der Fenster durch ein Konzept möglich, bei dem die bauzeitlichen Fenster durch raumseitige Aufsatzflügel ergänzt wurden, die wie bei Verbundfenstern mit Spezialbändern als Lüftungsflügel angeschlagen sind. So konnte der Wärmedämmwert (U-Wert) der einfach verglasten Fenster von 5,6 auf 2,6 verbessert werden.
Je nach Einbausituation, formalen und optischen Gesichtspunkten werden die Zusatzflügel innen oder außen aufgesetzt und in Holz, gelegentlich mit Metallprofilen, gefertigt. Auch die Möglichkeiten der verwendbaren Verglasungen sind vielfältig. Die Varianten reichen von Einfachscheiben über pyrolytisch beschichtete, in ihrem Wärmedämmwert deutlich verbesserte Gläser bis zu Isoliergläsern mit oder ohne Sonderfunktionen wie Sonnenschutz oder Sicherheitstechnik. Hier spielt Sonderisolierglas eine wichtige Rolle, das in seiner Gesamtstärke reduziert ist (bis 9 mm Gesamtdicke möglich) und einen schmalen Randverbund (bis 9 mm Breite) aufweist. Es wird hergestellt für den Einsatz in der Baudenkmalpflege – vor allem im Bereich der Fensterneuanfertigung, aber eben auch im Bereich der Reparatur und funktionstechnischen Verbesserung von historischen Fenstern.

Dem Verbundfenster eine Zukunft geben

Noch immer ist es bei Sanierungsmaßnahmen keine Selbstverständlichkeit, dass auch jüngere Verbundfenster als „historisch wertvoll“ betrachtet, erhalten und instand gesetzt werden. Denkmalpflegerisch ist es jedoch zunächst unerheblich, ob ein bauzeitliches Fenster von 1964 oder von 1694 stammt. Beide zählen zum überlieferten Bestand und sind, soweit bautechnisch möglich und finanziell zumutbar, zu erhalten. Selbst wenn sie nicht zur bauzeitlichen Ausstattung gehören, können Fenster und ähnliche Bauteile wertvolle Zeugnisse der Bau- und Nutzungsgeschichte sein und sollten nicht ohne Not ersetzt werden. Häufig verfügen sie über qualitätvolle materielle, konstruktive und formale Details. Jeder unnötige Eingriff erzeugt unwiederbringliche Verluste, bringt aber keine wirkliche Verbesserung.
Heute ist bereits eine gute Basis für den Erhalt von Verbundfenstern entwickelt. Dieser Fenstertyp hat gezeigt, dass er viele Jahrzehnte erfolgreich genutzt wurde und über so gute Fähigkeiten zu funktionstechnischer Verbesserung verfügt, dass er heutigen Anforderungen mehr als gerecht werden kann. Hinzu kommt, dass die Erwartungen bei neuen Fenstern häufig enttäuscht werden, da materiell und konstruktiv minderwertigeres Material verwendet wird. Selbst die hohen Erwartungen an eine energetische Verbesserung werden beim Fensteraustausch oft überschätzt, da die Wärmeverluste durch die Fenster sich meist weniger auf den Energiehaushalt eines Gebäudes auswirken als die Verluste durch die notwendige Lüftung.
„Ist die Moderne konservierbar?“ Eine noch offene Frage, die für die bis in die Achtziger- und Neunzigerjahre gefertigten Verbundfenster zweifellos bejaht werden kann. Spannend wird es jedoch für die Zeit danach mit ihren Massenprodukten wie Isolier- und Kunststofffenstern, denn auch diese sind Zeitzeugen. Erste „erlesene Modelle“ werden derzeit ertüchtigt, zum Beispiel in der Villa Wagner in Friedrichshafen und weiteren Villen der Sechzigerjahre.


Autor: Hermann Klos. Er ist gemeinsam mit Günther Seitz Geschäftsführer der Holzmanufaktur Rottweil GmbH (www.homa-rw.de), die seit 1988 in der Baudenkmalpflege tätig ist. Die Ursprungsversion seines Beitrags erschien in der Zeitschrift „Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege“, Ausgabe 2|2009 (S.106 ff.), die kostenlos über das Landesamt für Denkmalpflege bezogen werden kann (nachrichtenblatt-lad@rps.bwl.de).


Literaturhinweise:
1 Schneck, Adolf G.: Fenster aus Holz und Metall. Konstruktion und Fensteranschlag. Stuttgart 1963.
2 Reitmayer, Ulrich: Holzfenster in handwerk- licher Konstruktion. Stuttgart 1940.
3 Fink, F.: Der Bautischler oder Bauschreiner und der Feinzimmermann. Praktisches Hand- und Hülfsbuch für Bautischler, Zimmerleute, Architekten, Fabrikanten und Bauhandwerker, sowie für Bau- und Gewer- beschulen. Leipzig 1877.
4 Graef, August: Der praktische Fensterbauer. Werkzeichnungen aller vorkommenden Tischlerarbeiten theilweise in Verbindung mit Glaserarbeiten. Hannover 1992, Nachdruck der Ausgabe Weimar 1874.


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