Unibibliothek Graz (A)

Fliegender Leseteppich

Nicht gerade bescheiden thront der neue Lesesaal auf der alten Unibibliothek in Graz. Doch dafür bietet er einen Blick über den Campus, überdacht einen großzügigen öffentlichen Platz und überrascht dazu noch mit einem Kunstwerk auf seiner Unterseite.

Die Geschichte der Unbibliothek Graz reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Damals wurde nach dem Wunsch des Landesfürsten Erzherzog Karl II. zur Rekatholisierung des mehrheitlich protestantischen Graz ein Jesuitenkollegium gegründet. Dessen angeschlossene Schule verfügte auch über eine eigene Bibliothek, die wenig später den Status einer Universitätsbibliothek erlangte. Ende des 19. Jahrhunderts zog sie von der Innenstadt in einen Universitätsneubau am damaligen Stadtrand. Das Gebäude dort erhielt seitdem einige seitliche Erweiterungen, die prägendste im Jahr 1970, die sich jedoch wenig charmant ins historistische Ensemble einfügte.

Unter dem Motto »UB wird neu« wurde im Frühjahr 2017 damit begonnen, die Bibliothek umzubauen. Das Ziel des Grazer Ateliers Thomas Pucher war, das Gebäude und die stadträumliche Situation zu bereinigen und zu reorganisieren. Die erwähnten, simplen Anbauten aus den 70er Jahren wurden in diesem Zuge wieder entfernt und damit die Nordseite des ursprünglichen Bauwerks freigelegt. Durch seine leicht zurückversetzte Lage im Ensemble entsteht jetzt eine Platzsituation, ein Ort mit hoher städtebaulicher Qualität, in dem sich verschiedene Campusachsen treffen. Eine gläserne Fuge zum benachbarten Hauptgebäude der Universität definiert einen neuen Eingang und schafft als Atrium gleichzeitig eine räumlich gelungene Verbindung.

Der formal stärkste Eingriff im Konzept ist der neue Lesesaal, der wie ein fliegender Leseteppich über der gesamten Fläche des Bestandsbaus (f)liegt und sich als überdimensionales Vordach statisch kühn über den neu entstandenen Campusplatz schiebt. Konstruktiv besteht der Lesesaal aus Stahlfachwerkträgern mit Glasfassade. Die Kräfte daraus werden über Stahlbetonstützen abgetragen, die hinter der historischen Fassade des Bestandsbaus versteckt sind. Um den optischen Effekt des Fliegens zu verstärken, haben die Architekten zwischen Bestand und neuem Baukörper eine leicht zurückgesetzte gläserne Fuge angeordnet. Künftig wird die Unterseite des Lesesaals mit einem Werk der Künstlerin Anna Artaker gestaltet, die die »Perspectiva Practica« von Jean Du Breuil interpretiert und somit ein dreidimensionales Spiel entstehen lässt. Thomas Pucher und sein Team haben ein Bauwerk geschaffen, das Identität stiftend für den Ort wirkt und mit großer Geste einen neuen Treffpunkt in Graz schafft.

~Thomas Geuder


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