Empfehlenswerter Lesestoff

Umbaukultur

Wenige Bücher zum Thema »Bauen im Bestand« haben uns so überzeugt wie dieses. Es dokumentiert nicht nur konzeptionell mutige Umbauprojekte, sondern gibt in mehreren Essays auch originelle Denkanstöße für einen anderen Umgang mit dem gebauten Erbe.

Die Auseinandersetzung mit vorhandener Bausubstanz wirft viele Fragen auf, zu denen die Initiative (Stadt-)Baukultur Nordrhein-Westfalen bereits einige lesenswerte Studien veröffentlicht hat, etwa über Kirchenumwidmungen, den Umbau von Büroimmobilien oder die Transformation leerstehender Kaufhäuser. Ihr neues Buch »Umbaukultur – Für eine Architektur des Veränderns« beschränkt sich nicht auf einen Gebäudetyp, sondern geht das Thema ganz grundsätzlich an.

Die Herausgeber Tim Rieniets und Christoph Grafe – beide Professoren mit Altbauerfahrung – beginnen den Band mit acht Essays, für die sie sich auch Verstärkung von anderen Autoren geholt haben, bekannten Vordenkern des Bauens im Bestand, etwas Muck Petzet oder Andreas Hild. Zunächst untermauern sie die ökologischen Vorteile des Umbauens mit neuen Zahlen: Allein in Deutschland werden pro Jahr mehr als 130.000 neue Bauwerke fertiggestellt, was einen Bedarf von insgesamt rund 7 t nicht erneuerbarer Rohstoffe pro Bundesbürger verursacht. Diesem Bedarf stehen über 17.000 Gebäude gegenüber, die jährlich abgerissen werden, was fast 3 t Bauschutt pro Bundesbürger entspricht. Der große Umsatz an Rohstoffen ließe sich um beachtliche 30 % senken, wenn man den Bestand intensiver nutzen und Leerstände aktivieren würde. Den Baulandverbrauch könnte man sogar um mehr als 80 % drosseln.

Um das Bauen im Bestand gegenüber dem Neubau zu forcieren, schlägt Andreas Hild beispielsweise vor, die ökonomischen Rahmenbedingungen zu ändern, sodass der momentan teurere Umbau preiswerter wird. Bei jedem Bauvorhaben entsteht CO2, dessen Risiken und Kosten von der Gesellschaft getragen werden. Während der Bauherr den Gewinn einfährt, trägt die Allgemeinheit die Verluste. Würde man eine realistische CO2-Bepreisung einführen, so würden Abriss und Neubau automatisch teurer und Umbau günstiger. Auch die Gesetzgebung könne man ändern. Ist es wirklich sinnvoll, dass beim Umbau in fast allen Aspekten die hohen Neubaustandards einzuhalten sind? Würde man hier die Bauordnung mit einer speziellen Umbauordnung ergänzen, ließe sich die Eingriffstiefe in den Bestand und damit der Rohstoffverbrauch erheblich reduzieren. Denkbar sei auch, einen Umbau mit zusätzlichem Baurecht auf dem Grundstück zu belohnen, so dass er sich im Vergleich zum Ersatzneubau eher »rechne«.

Georg Giebeler, Professor für Bauen mit Bestand, beschäftigt sich mit Gestaltungsfragen und plädiert für mehr Selbstverständlichkeit beim Umgang mit Altbauten, für ein uneitles Weiterstricken des Vorhandenen, bei dem sich das Neue nicht in den Vordergrund drängt.

Architekturhistorische Betrachtungen und Überlegungen zum Umgang mit den Großsiedlungen an der Peripherie unserer Städte schließen den Essayblock ab, der mit Bildstecken ambitionierter Umbauten der vergangenen Jahre so aufgelockert ist, dass man den Spaß am Lesen nicht verliert.

Und schon ist man bei den 25 vorgestellten Projekten aus Westeuropa, die eine große Bandbreite des Bauens im Bestand abdecken – von der Anpassung bis zur Umnutzung, vom Einfamilienhaus über Museum und Bibliothek bis zum Wolkenkratzer. Die Leser von db-Metamorphose werden einige der Umbauten kennen, aber es gibt auch Neues zu entdecken. Dass die Auswahl regional nicht ganz ausgewogen ist und einen leichten Schwerpunkt auf Projekte in Belgien und Nordrhein-Westfalen legt, ist nicht weiter schlimm, da es sich durchweg um inspirierende Arbeiten mit einem außergewöhnlichen Entwurfsansatz handelt. Das ruhige, übersichtliche Layout lädt zum Erkunden der Projekte ein und die sorgfältig aufbereiteten Pläne mit Alt-Neu-Kennzeichnung, wie man sie sonst selten findet, erleichtern das Verständnis. Für 34 Euro ist das Buch ein guter Kauf. ~cs


Umbaukultur – Für eine Architektur des Veränderns. Von Christoph Grafe und Tim Rieniets mit Baukultur Nordrhein-Westfalen. 264 Seiten, farbige Abbildungen, Softcover, 34 Euro, Verlag Kettler, Dortmund 2020