Teatro Romano de Tarraco in Tarragona (ES)

Gerüst der Erinnerung

Mit einer filigranen Stahlkonstruktion hat Toni Gironès die spärlichen Reste eines antiken Theaters so ergänzt, dass die ursprünglichen Dimensionen wieder sichtbar werden. Das verlorene Bauwerk nimmt Gestalt an und doch bleibt die Ruine erhalten.

Die katalanische Hafenstadt Tarragona war in der römischen Kaiserzeit eines der wichtigsten Zentren auf der iberischen Halbinsel. Noch heute zählen ihr Amphitheater und der Circus als Teil des Weltkulturerbes zu den meist besuchten touristischen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Die 1885 entdeckten Überreste eines römischen Theaters aus dem 1. Jhd. v. Chr. führten in diesem Ensemble eher ein Schattendasein. In einem Wohngebiet nahe des Industriehafens in unmittelbarer Nachbarschaft zweier ehemaliger Ölfabriken aus dem 20. Jahrhundert gelegen, waren die fünf noch erhaltenen Sitzreihen jahrzehntelang vernachlässigt worden. In den 1970er Jahren drohte wegen eines Wohnbauprojekts die gänzliche Zerstörung. Seine Fertigstellung wurde jedoch auf Anwohnerinitiative hin gestoppt.

Das Projekt »Parc Arqueològic del Port de Tarragona« will das vergessene antike Erbe nun für das Publikum aufbereiten und ein 6000 Quadratmeter großes Areal als städtischen Raum erschließen; es liegt an einem Geländesprung, den die Römer seinerzeit für die ansteigenden Zuschauerreihen genutzt hatten. In einer ersten Phase sollte die archäologische Stätte zunächst als solche erkennbar gemacht werden. Das ortsansässige Studio Toni Gironès setzte dabei auf einen symbolischen Wiederaufbau, der historisierende Mimikry geschickt vermeidet.

Bei der Intervention wurden die fünf erhaltenen Sitzstufen des Zuschauerhalbrunds zunächst gereinigt und stabilisiert, der Boden begradigt und planiert. Um die Überreste herum setzten die Architekten dann ein Gerüst aus Bewehrungsstahl. Es ahmt die Formen und Umrisse der oberen Sitzreihen nach und lässt sich über eine Treppe und einen zentralen Steg aus Stahlgeflecht auf halber Höhe begehen. Erschlossen wird die fragil wirkende Konstruktion über einen schlichten Sandweg, dessen Umrandung aus Holzplanken die Bodenumrisse des römischen Theaters nachzeichnet. Mit minimalem Materialaufwand werden für den Besucher so die Größenverhältnisse des antiken Theaters erfahrbar. Für Bewehrungsstahl haben sich die Architekten nicht nur aus Kostengründen entschieden. Durch die Verwendung dieses zeitgenössischen Materials schaffen sie auch Bezüge zu den noch erhaltenen Stahlbetonstützen des gestoppten Wohnbauprojekts. Ruinen aus unterschiedlichen Jahrtausenden stehen so gleichberechtigt nebeneinander.

Den Praxistest hat das Projekt jedoch nicht in allen Punkten bestanden. Der korrodierte Stahl hat bereits Rostflecken auf den Ruinen verursacht und Tarragonas Stadttauben nutzen das Geflecht als Rastplatz – ein kleiner Wermutstropfen in einem sonst konzeptionell durchdachten Projekt.

~Julia Macher


Jüngere Theaterbauten finden Sie in db-Metamorphose 6/2017 mit dem Titel »Vorhang auf!«