Erinnerungsstätte in Frankfurt

Spuren des Grauens

Die Frankfurter Großmarkthalle war ab 1941 auch Sammelplatz für die Deportation jüdischer Mitbürger. Nach dem Umbau zur EZB ist dort nun eine Gedenkstätte eröffnet worden. Die Architekten KATZKAISER haben Spuren gesichert und feinfühlig ergänzt.

Viel war nicht mehr erhalten, was auf die dunkle Vergangenheit der Frankfurter Großmarkthalle hinweist. Dass im Keller der Halle mehr als 10000 Juden aus Frankfurt und Umgebung festgehalten und anschließend in den Tod getrieben wurden, ist dem Bauwerk kaum anzusehen. Wie also lässt sich an einem solchen Ort die Erinnerung an das geschehene Verbrechen wach halten? Vor dieser Frage stand das Büro KATZKAISER, als es 2009 am Internationalen Wettbewerb für die Planung eines Mahnmals teilnahm.

Die Architekten haben die wenigen noch vorhandenen baulichen Spuren aus der Zeit der Deportation gesichert und mit baulichen Ergänzungen so inszeniert, dass sie jetzt deutlicher lesbar sind. Ein Teil dieser Spuren befindet sich auf frei zugänglichem Gelände, ein anderer Teil innerhalb des Hochsicherheitstrakts der Europäischen Zentralbank, die seit Anfang des Jahres in der umgebauten Großmarkthalle residiert (s. db 3/2015). Dieser Teil der Erinnerungsstätte ist nur nach Voranmeldung im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Beide Bereiche zusammen erleichtern es dem Besucher, vor dem inneren Auge die logistischen Abläufe der Jahre 1941-45 nachzuvollziehen.

Im Keller der Halle wurden die jüdischen Menschen zusammengetrieben und auf würdelose Weise bis zum Abtransport ins Konzentrationslager festgehalten. Während oben der normale Marktbetrieb stattfand, waren unten bis zu 1000 Personen auf lediglich 400 m² zusammengepfercht. Tobias Katz und Marcus Kaiser haben die Kellerräume im letzten Zustand konserviert und mit einer »erklärenden Schicht« überlagert: Einige Öffnungen und Durchgänge sind nun mit Beton verschlossen, in den Zitate von Augenzeugen eingeschrieben sind. Auf erschütternd direkte Weise schildern diese Äußerungen das Geschehen vor Ort, die Angst und den Schrecken der dort gefangenen Menschen. Die Zitate wurden mit Unterstützung des Jüdischen Museums zusammengestellt und geben den Opfern eine Stimme.

Vom Keller führt eine Rampe hinauf auf das Gelände vor der Halle und zu den Gleisen, auf denen die Züge zu den Vernichtungslagern abfuhren. Von der Rampe war nur noch ein kleines Fragment erhalten, den Rest haben die Architekten ergänzt. Eingefasst von zwei hohen Wandscheiben tritt dieses 60 m lange Element nun deutlich in Erscheinung und zeichnet den Weg der Deportierten nach. An der Stelle, an der die Rampe den Zaun zwischen dem EZB-Terrain und dem öffentlichen Raum durchschneidet, bildet eine Glasscheibe unauffällig die heutige Grenze.

Auch von den Gleisen waren lediglich noch einzelne Abschnitte vorhanden. Die Schienenreste sind jetzt Teil eines öffentlichen Platzes vor dem Hallenbauwerk. Ihren einstigen weiteren Verlauf deuten Einfräsungen im Betonboden an, die die Fragmente in ihren ursprünglichen räumlichen Zusammenhang stellen, ohne diesen wörtlich zu rekonstruieren. Das Stellwerk, das zum Gleisfeld gehörte, ist ähnlich wie der Keller behandelt: Die Öffnungen sind mit Beton verschlossen und zeigen Zitate von Überlebenden, von Beobachtern oder aus Briefen der Verschleppten. So erhalten auch zufällig vorbeikommende Passanten eine Ahnung davon, was an diesem Ort einst passierte.

Im weiteren Verlauf fuhren die Züge unter einer Brücke und einem Fußgängersteg hindurch. Weil der so baufällig war, dass er abgerissen werden musste, haben KATZKAISER ihn in abstrahierter Gestalt aus Beton wiederaufgebaut. Durch seine Materialanmutung, die mit den Rampenwänden korrespondiert, gibt er sich als Teil der Gedenkstätte zu erkennen. Während der Deportationen standen dort Angehörige, um Abschied zu nehmen, aber auch Claqueure, die die Opfer verspotteten.

Für die gesamte Erinnerungsstätte hatten die Architekten einen Kostenrahmen von 8,4 Mio. Euro zur Verfügung. Davon trug die EZB eine Mio. Euro, den Rest die Stadt Frankfurt. Die Eröffnung fand am 22. November statt.

~Christian Schönwetter

Eine der wenigen Personen, die die Verschleppung von der Frankfurter Großmarkthalle überlebt haben, wurde vom Hessischen Rundfunk zur Besichtigung der Gedenkstätte begleitet. Das dreiminütige Video sehen Sie hier.


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