Vom Umgang mit asbesthaltigen Spachteln, Klebern und Putzen

Besser keinen Staub aufwirbeln

Obwohl Asbest bereits seit 20 Jahren nicht mehr in Gebäuden eingesetzt werden darf, sinkt die Zahl der Asbest-Erkrankungen und -Todesfälle nicht. Eine Erklärung dafür könnte (neben der langen Latenzzeit bis zum Ausbruch von Erkrankungen) sein, dass es bislang keine adäquaten Handlungsanweisungen für Sanierungen von Flächen gibt, auf die asbesthaltige Spachtel, Kleber, Mörtel oder Putze aufgebracht wurden. Diese setzen beim Bohren oder Abschleifen ungeheure Fasermengen frei. Angesichts der zahlreichen energetischen, Schimmel- oder sonstigen Sanierungen ist eine Überarbeitung der Regelwerke dringend geboten.

{Text: Nicole Richardson; Fotos: Sachverständigenbüro Richardson

Asbesthaltige Produkte aus den Jahren 1960-95, die eher fest in einer Matrix gebunden sind, setzen bei Renovierungen, Rückbau- und Instandsetzungsmaßnahmen erhebliche Asbestfaserkonzentrationen frei. Beispielsweise wurden in einem Projekt in der Schweiz [1] während der Herstellung von Bohrlöchern in Fliesen auf asbesthaltigem Kleber bis zu 36 000 Fasern/m³ gemessen. Abschleifen von asbesthaltigen Fliesenklebern ergab eine Exposition bis zu 1 Mio. Fasern/m³. Für Sanierer gilt eine Konzentration von < 10 000 Fasern/m³ als gering, als unbedenklich weniger als 500. Für Deutschland liegen bislang nicht genügend vergleichbare Arbeitsplatzmessungen vor.
Die vor 20 Jahren novellierte Asbestrichtlinie, die den Nutzer und durch die Technische Regel TRGS 519 [2] auch den Sanierer vor gesundheitlichen Gefahren schützen soll, bewertet nur sogenannte schwach gebundene Asbestprodukte (Rohdichte < 1 000 kg/m3) wie etwa Brandschutzplatten oder Asbestzement. Hier wird ein erheblicher Schutzaufwand gefordert. Diese Richtlinie hat sich zu großen Teilen bewährt, viele Einbausituationen von schwach gebundenem Asbest sind damit gut zu bewerten. Asbestanalytik und Probenahmestrategie gemäß den Normungen in der VDI und DIN ISO-Reihe sind insbesondere auf Fundstellen am Brandschutz in öffentlichen Gebäuden gut eingerichtet. Weniger gut genormt und beschrieben sind verdeckt und inhomogen eingebaute Baumaterialien mit geringen Asbestgehalten, die auch noch in einer Matrix fest gebunden sind. Diese weisen erst bei Rückbau und Modernisierungsmaßnahmen ein hohes Faserfreisetzungspotenzial auf. Geschätzt wurden diese Produkte aufgrund ihrer hohen (Zug-)Festigkeit und deshalb beispielsweise für die Herstellung von rissfreien Einspachtelungen an Türzargen, strapazierfähigeren Laibungen und Nischen, haftzugfesten Fliesenklebern oder Nivelliermassen auf schwingenden Untergründen verwendet.
Im Gegensatz zu leicht erkennbaren asbesthaltigen Materialien wie Asbestzement, Promabest, Spritzasbest, Floor-Flex-Platten usw. besteht für viele Wandbeläge generell keine Möglichkeit, asbestverdächtige von unverdächtigen Belägen zu unterscheiden. Asbesthaltige Putze und Spachtelschichten können i. d. R. nicht durch Sichtprüfung von asbestfreien Baustoffen unterschieden werden. Aus diesem Grund ist die Entnahme und Laboruntersuchung von Materialproben notwendig. Da jedoch z. B. Spachtel oft nicht gleichmäßig dick eingesetzt wird, ist die Untersuchung bzw. das Wiederfinden ein Problem. Durch Erhöhung der Probenanzahl kann dem rein statistisch gesehen begegnet werden. Um den dabei entstehenden zusätzlichen Kostenaufwand möglichst gering zu halten, kann eine sogenannte vertrauensbasierte Probenahmestrategie entwickelt werden: Durch Kenntnis der Verdachtsmaterialien (s. Tabelle), durch – soweit möglich – gezieltes Vorgehen, durch Auswerten von Informationen zum Gebäude und die Entnahme von Mischproben kann die Anzahl der Proben deutlich verringert und das Gebäude dennoch umfangreich auf asbesthaltige Produkte geprüft werden.
Werden asbesthaltige Spachtelmassen und Kleber gefunden, müssen bei der Sanierung spezielle Schutzmaßnahmen eingehalten werden, üblicherweise nach der TRGS 519. Diese erscheint aber insbesondere für kleine Arbeiten, z. B. Bohren in Fliesen oder in Spachtel, als zu aufwendig, da sie u. a. 4-Kammer-Schleusen samt Dusche für die Ausführenden fordert. Um sich jedoch nicht strafbar zu machen, ist bei jeder Asbestfundstelle noch der vollumfassende Schutz nach TRGS 519 umzusetzen.
Moment der Entscheidung: Beispiel Schulumbau
Für eine ehemalige Schule ist eine Umnutzung zur Kindertagesstätte mit Familienzentrum und Schulberatungsstelle geplant. Dafür sind umfangreiche Umbaumaßnahmen vorgesehen, bei denen in die vorhandene Bausubstanz eingegriffen wird. Im Vorfeld sollen durch eine Bestandsaufnahme vorhandene Gefahrstoffe ermittelt werden, um abzuschätzen, ob die Räume weiter genutzt werden können, welche belasteten Materialien bei den Umbauarbeiten ggf. zu entfernen und welche Schutzmaßnahmen dabei vorzusehen sind.
Der viergeschossige Bau wurde 1910 in massiver Bauweise errichtet. Die Wände bestehen aus Ziegelmauerwerk, die Decken aus Stahlbeton. Insgesamt befindet er sich noch weitgehend im Originalzustand. Spätere Veränderungen betreffen insbesondere die Heizungsanlage, die Sanitärinstallationen, Brand- und Rauchschutztüren, abgehängte Decken und Bodenbeläge. ›
› Nachfolgend aufgeführt sind ausschließlich die Asbest-Verdachtsmomente. Im EG sowie im 1. und 2. OG besteht der Verdacht, dass die dort verlegten PVC-Bodenplatten und/oder der Kleber Asbest enthalten. Daher wurden Proben des Plattenmaterials mit anhaftendem Kleber zur Untersuchung auf Asbest entnommen.
Ein weiterer Asbestverdacht besteht bei Fliesenklebern, Putz- und Spachtelmassen, die sehr geringe Anteile (meist < 1 Massen-%) an Asbestfasern enthalten, bei einem Eingriff dann aber hohe Faserkonzentrationen freisetzen können. Zur Eingrenzung wurden Mischproben von Putz- und Spachtelmassen aus dem gesamten Gebäude genommen. Alle gefliesten Wandbereiche wurden auf die Verwendung von unverdächtigem Dickbett-Mörtel oder potenziell asbesthaltigem Kleber überprüft und Mischproben des Klebers aus dem gesamten Gebäude genommen. Bei positivem Laborbefund wurden die Mischproben anschließend weiter nach Teilproben aufgeschlüsselt.
Ergebnis: In keiner der fünf ausgewerteten Proben der PVC-Fußbodenplatten ist Asbest im Plattenmaterial oder im Kleber nachweisbar. Da die Bodenplatten in allen Geschossen bis auf die Färbung augenscheinlich gleiche Eigenschaften aufweisen, ist das Ergebnis der Untersuchung als repräsentativ anzusehen.
Bereits bei der Begehung wurde festgestellt, dass die weitaus meisten Wandfliesen wie auch die Bodenfliesen im Dickbettmörtel verlegt sind, hier besteht kein Asbestverdacht. Asbesthaltige Fliesenkleber wurden an zwei von acht Fliesen festgestellt, die alle nachträglich verlegt worden waren.
Die Bewertung der Putz- und Spachtelmassen der Wände ist weniger eindeutig. Alle Bereiche, in denen nach der Ersteinrichtung Putz- oder Spachtelarbeiten vorgenommen wurden, sind zunächst als potenziell asbesthaltig zu betrachten. Eine lückenlose Beprobung und Analyse ist praktisch kaum möglich und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht durchführbar. Daher wurden in einem ersten Schritt Stichproben aus allen Stockwerken und dem Treppenhaus genommen. Im UG, im EG, im Treppenhaus und im DG wurde in den Proben kein Asbest nachgewiesen. Hier ist davon auszugehen, dass die Wände weitgehend asbestfrei sind; eventuelle Asbestanteile, z. B. an ausgebesserten Stellen, können aber nicht ausgeschlossen werden.
Im 1. OG wurden in einer von fünf Proben Asbestanteile nachgewiesen, im 2. OG in zwei von fünf Proben. In den betroffenen Wandbereichen enthält der Putz bzw. Spachtel Asbest. Auch in den übrigen Räumen der beiden OGs ist vorsorglich davon auszugehen, dass die Putzflächen asbesthaltig sein können. Um weitere Bereiche mit höherer Wahrscheinlichkeit ausschließen zu können, ist eine deutlich größere Zahl an Untersuchungen erforderlich. Auf Drängen des Sicherheits- und Gesundheitskoordinators wurde das Asbestbeprobungsraster enger gelegt, um zu prüfen, ob die Arbeitsschutzmaßnahmen nach TRGS 519 im kompletten 1. und 2. OG einzuhalten sind. Im zweiten Schritt wurden 17 Mischproben à fünf Einzelproben entnommen. Wenn in der Mischprobe Asbest nachzuweisen war, wurden die Einzelproben analysiert.
Die Ergebnisse der Laboranalysen bestätigten die Einschätzung, dass keine Belastungen an den originalen Wandbekleidungen aus der Erstellungszeit des Gebäudes vorliegen. Asbest wurde nur in Bereichen nachgewiesen, wo nachträgliche Veränderungen vorgenommen wurden. Beispiele sind zusätzlich verlegte Elektroleitungen, Wände mit Befestigungen neuer Heizungsrohre sowie Reparaturen verschiedener Beschädigungen an Wandflächen und Nischen.
Allerdings wird deutlich, dass auch die nachträglich eingebrachten Putz- und Spachtelmassen nur teilweise asbesthaltig sind. Es fanden sich diverse Stellen mit Reparaturspachteln und -putzen, die frei von Asbest sind. Das Bild bleibt diffus. Da eine sichere Abgrenzung asbesthaltig/nicht asbesthaltig optisch nicht möglich ist und eine weitere Verengung des Asbestrasters wirtschaftlich nicht sinnvoll erscheint, wird beschlossen, die Baustelle mit Schutzmaßnahmen nach TRGS 519 zu errichten.
Handlungsbedarf und Problembewusstsein
Die Verunsicherung für Bauherren und Architekten, aber auch für Sachverständige ist groß. Seit vergangenen Juni liegt das gemeinsame »Diskussionspapier zu Erkundung, Bewertung und Sanierung von asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenkleben in Gebäuden« des Gesamtverbands Schadstoffsanierung und der VDI vor. Die Einlassung sieht mehrere Ansatzpunkte vor: Einerseits sind Normen wie die TRGS 519 und die Asbestrichtlinie dringend anzupassen und zu aktualisieren. Andererseits müssen schnell und unbürokratisch umfassende Arbeitsplatzmessungen durchgeführt werden, um Informationen darüber zu erhalten, wie gefährlich welche Arbeiten im Detail sind. Dringend notwendig ist weiterhin, dass rechtliche Widersprüche aufgelöst werden. So müssen Bauherren gegenwärtig nicht vorab ermitteln, ob in ihrem Gebäude Asbest verbaut ist. Werden aber asbesthaltige Produkte nicht fachgerecht ausgebaut, transportiert und entsorgt, haften Bauherr und Unternehmer wegen Verstößen gegen das Gefahrstoff- und Abfallrecht.
Im Rahmen der Überarbeitung der Richtlinie 6202 Blatt 1 (Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Qualifizierung von Personal) wird intensiv darüber diskutiert, wie deutlich die Risikokommunikation von Gutachtern mit ihren Auftraggebern sein muss: Kann bzw. darf der Eindruck vermittelt werden, dass mit einer Vielzahl von Proben eine ausreichende Sicherheit erreicht wird? Oder muss davon ausgegangen werden, dass immer asbesthaltige Materialien übersehen werden können und deshalb stets ein Mindestschutz – z. B. eine Ein-Kammer-Schleuse sowie Schulungen im staubarmen Arbeiten – für die Handwerker, Sanierer und Nutzer gegeben sein muss? Diese Fragen werden die Fachwelt (und hoffentlich auch den Gesetzgeber) in nächster Zeit intensiv beschäftigen.
Immerhin wächst das Bewusstsein für das Problem. Bei ausgeschriebenen Sanierungen in öffentlichen Gebäuden wird immer häufiger eine Prüfung auf Asbest z. B. in Putzen/Spachtelmassen gefordert. Für den alltäglichen Umgang gibt es pragmatische Lösungen: In Hamburg beispielsweise werden Schulhausmeister für eine potenziell asbesthaltige Bausubstanz sensibilisiert und lernen den prophylaktischen Einsatz von Saugern beim Bohren von Löchern und anderen Tätigkeiten, bei denen Staub freigesetzt wird. Für private Hausbesitzer entwickelt die »Offensive Gutes Bauen« zurzeit einen Asbest-Check, der bis zum Herbst vorliegen soll. •
[1] Carbotech-Vortrag beim 23. Forum Asbest 2014 in Essen
[2] TRGS 519: 2015-01 Asbest: Abbruch,- Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten
Tabelle aus: Diskussionspapier zu Erkundung, Bewertung und Sanierung von asbesthaltigen Putzen, Spachtelmassen und Fliesenklebern in Gebäuden des Gesamtverbands Schadstoffsanierung und der VDI

Schwachstellen (S. 128)
Nicole Richardson
1984-92 Studium der Biologie an der Universität Oldenburg. Seit 1993 eigenes Sachverständigenbüro mit Schwerpunkt chemische und mikrobielle Innenraumschadstoffe, Fachbauleitung bei Sanierungen. Seit 1999 von der IHK Bochum ö. b. u. v. Sachverständige.