Spitzböden

Erfahrungsgemäß werden Spitzböden im konventionellen Wohnungsbau bei der Planung und Ausführung notorisch vernachlässigt. Angesichts gestiegener Anforderungen an den lückenlosen Wärmeschutz und an eine hohe Luftdichtheit sowie der wesentlich schärferen Bewertung von Schimmel muss man diesem Gebäudebereich aber mehr Aufmerksamkeit schenken. Typische Schwachstellen sollen im Folgenden angesprochen werden.

Text und Fotos: Rainer Oswald

Beheizte Spitzböden
Als Aufenthaltsträume genutzte Spitzböden in Holzdachstühlen erhalten in der Regel an den Dachschrägen eine die Sparrenzwischenräume ausfüllende Wärmedämmung (»Vollsparrendämmung«). Sie wird außenseitig unter der Dacheindeckung auf Lattung und Konterlattung durch eine lose überlappt verlegte, diffusionsoffene Unterspannbahn, innenseitig durch eine Luftdichtheits- und Dampfsperrschicht abgedeckt. Den inneren Abschluss bildet dann eine Schalung oder Plattenbekleidung auf Ausgleichslattung.
Seitdem an die Luftdichtheit von Gebäuden quantitativ definierte Anforderungen, zum Beispiel in Teil 7 der Wärmeschutznorm, gestellt werden und das fertige Ergebnis am Bau durch Differenzdruckmessungen überprüfbar ist, erweisen sich die Kehlbalkenlagen als wesentliche Schwachstelle von beheizten Spitzböden. Die Kehlbalken durchdringen nämlich dutzendfach die in der Dachschrägen fortlaufende Luftdichtheitsschicht und haben am schwer zugänglichen Deckenrand nur kompliziert lückenlos herstellbare Anschlüsse zur Folge.
Im Falle einer zweigeschossigen Eigentumswohnung unter dem Dachfirst eines mehrgeschossigen Neubaus in einer süddeutschen Großstadt waren daher auch sämtliche Anschlüsse der Luftdichtheitsschicht an die Kehlbalkenlage und die einbindenden Innenwände grob fehlerhaft realisiert. Die Folie war an den Hölzern nur sporadisch angetackert und an den Wänden nur lose an Dichtbänder herangeführt (Bilder 2 bis 4). Hier hätte entsprechend der Detailvorschläge in DIN 4108 Teil 7 sorgfältigst mit Klebebändern und Anpressleisten gearbeitet werden müssen. Die Mängel waren offensichtlich und wurden auch von den Verantwortlichen nicht bestritten.
Es wurde nun aber diskutiert, ob es nicht ausreicht, die mangelhafte Luftdichtheit durch Überarbeitung sämtlicher Anschlüsse der Gipskarton- innenschale (einschließlich des Einbaus luftdichter Hohlwandinstallationsdosen) zu beseitigen.
Grundsätzlich kann auch die innere Verkleidung als Luftdichtheitsschicht dienen. DIN 4108 schließt im Teil 7 solche Ausführungsvarianten nicht völlig aus – wenn auch angemerkt wird, dass die raumseitige Bekleidung für diesen Zweck »wegen häufiger Durchdringungen in der Regel nicht geeignet ist«. Man darf ergänzen, dass nicht nur die Durchdringungen, sondern dann auch die Fußbodenanschlüsse der inneren Schale dicht sein müssen. Die Anschlüsse der Innenverkleidungen an die massiven Wände dürfen nicht aufreißen, sondern müssen dehnfähig luftdicht verschlossen bleiben.
Unmöglich ist die Verwendung der raumseitigen Bekleidung als Luftdichtheitsschicht aber prinzipiell nicht. Differenzdrucktests hätten daher auch im vorliegenden Fall nach entsprechend sorgfältiger Instandsetzung keine unzulässige Leckrate mehr ergeben. ›
› Trotzdem ist vor solchen Arbeiten zu prüfen, ob nicht die konstruktive Situation befürchten lässt, dass die Dämmung mit Kaltluft hinterströmt werden kann. Allein die in der Regel nicht winddichten Überlappungen der Unterspannbahn haben nicht bereits zwingend einen Konvektionsstrom bis unter die Dämmung zur Folge, denn dazu bedarf es eines Druckausgleichs über Hohlräume, die eine Strömung zulassen. Doch davon muss man ganz besonders bei Spitzböden ausgehen, da dort über den Deckenhohlraum in der Ebene der Kehlbalkenlage bei Wind wie in einem Strömungskanal ein Druckausgleich zwischen den beiden gegenüberliegenden Dachschrägen stattfinden kann (Abb. 5). Der Wärmeschutz wird dann aber erheblich abgemindert, ohne dass dies beim Differenzdrucktest zu bemerken wäre. Erst thermografische Untersuchungen bei kaltem, windigen Wetter oder Schimmel an der Innenoberfläche würden den Abkühlungsvorgang sichtbar machen. Auch angesichts grober Lücken in der Wärmedämmung war es im dargestellten Fall daher nicht diskutabel, lediglich innenseitig die Luftdichtheit zu verbessern.
Es war notwendig, mit großem Aufwand unter Demontage der Gipskartonplatten sowohl die Wärmedämmung als auch die Luftdichtheitsschicht so zu ergänzen, dass beide zusammen eine lückenlose Hülle ergeben. Es wurde empfohlen, vor der Wiedermontage der Gipskartonplatten die Qualität der ausgeführten Arbeiten durch Differenzdrucktests zu überprüfen.
Der Aufwand der jeweils manschettenförmig rund um die Kehlbalken greifenden Luftdichtheitsschicht-Anschlussstreifen (Abb. 6) kann vermieden werden, wenn man das gesamte Dach mit Aufsparrendämmung konzipiert. Dann enden die Kehlbalken nämlich vor der Luftdichtheitsschicht. Die Sparren sind dann aber im Raum sichtbar – und wer wird schon allein zur Vermeidung komplizierterer Luftdichtheitsanschlüsse das innere Erscheinungsbild eines ausgebauten Dachgeschosses so einschneidend von großzügig glatten Oberflächen in rustikal gegliederte ändern wollen?
Wo dieser formale Aspekt keine Rolle spielt, sind Aufsparrendämmungen auch hinsichtlich der nicht durch Sparren unterbrochenen Dämmstoffführung bei beheizten Spitzböden vorteilhafter; aufgrund der notwendig höheren Druckfestigkeit der Dämmschicht und der aufwendigen Verankerung der Konterlatten allerdings auch teurer.
Unbeheizte Spitzböden
Bei unbeheizten Spitzböden besteht das beschriebene Problem nicht, da die Dampfsperr- und Luftdichtheitsschicht ohne Durchdringungen aus der Dachschrägen unter den Kehlbalken in der Decke weitergeführt werden kann (Bild 7). Komplizierter wird die Ausführung der Luftdichtheitsschicht nur, wenn der ununterbrochenen Verlegung Mittelpfetten im Weg liegen. DIN 4108 Teil 7 stellt einen solchen, mit Anpressleisten ausgeführten Mittelpfettenanschluss der Luftdichtheitsschicht dar (Abb. 8).
Die meisten Schwierigkeiten bei unbeheizten Spitzböden ergeben sich aus den häufig nicht genau definierten Klimabedingungen im Spitzbodenraum.
So endet bei überlüfteten Zwischensparrendämmungen der an der Traufe mit Zuluftöffnungen versehene Luftspalt oft im Spitzboden, ohne dass an ausreichende Abluftöffnungen im First gedacht wurde. Ist dann auch noch die Luftdichtheits- und Dampfsperrschicht nicht absolut fehlstellenfrei verlegt und auch die Einschubtreppenklappe oder Luke in den Dachboden für Innenraumluft durchlässig, ist Schimmel an Hölzern und gelagertem Hausrat vorprogrammiert (Bild 9). Die konsequente Einbindung des Spitzbodenraums in das Belüftungskonzept ist daher wichtig.
Die Unterspannung muss am Lüfterfirst oder an den Lüfterziegeln unter dem First unterbrochen werden und der Übergang zwischen dem Luftspalt in der Dachschrägen und dem Spitzbodenraum offen bleiben (s. Abb. 10). Die im Dachraum häufig über wenig zuverlässige, flexible Schläuche verzogenen Abluftleitungen der Fallrohre, Trockner und Küchen- und WC-Züge dürfen keine Luftlecks unter dem Dach aufweisen. Bei Dächern mit Vollsparrendämmung ist theoretisch bei sachgerechter Abstimmung der Wasserdampfdurchlässigkeit der Unterspannbahn und der Dampfsperrschicht (Regeln dazu finden sich in DIN 4108 Teil 3) eine Unterlüftung der Unterspannbahn nicht erforderlich. Sie wird daher in der Regel am First auch durchgelegt. Angesichts der zu erwartenden Konvektionsströmungen in der »stehenden« Luft im Dachspitzraum und der doch nicht völlig sicheren Luftdichtheit der inneren Schale halte ich es für empfehlenswert, diesen Dachspitzraum grundsätzlich ebenfalls – etwa über einen Lüfterfirst oder Öffnungen in den Giebeldreiecken – zu belüften.
Besonders bei den heute üblichen, extrem großen Dämmschichtdicken in der Kehlbalkenebene erfährt der Dachraum keinerlei Erwärmung mehr durch das beheizte Gebäude. Bereits leichte Luftlecks der Innenschichten können dann im unbelüfteten Hohlraum zu so hohen Luftfeuchtigkeiten führen, dass Schimmelpilze entstehen.
Nachträgliche Spitzbodendämmung
Seit Jahren ist bekannt, dass eine wesentliche Reduzierung des Heizenergieverbrauchs in Deutschland nur durch die nachträgliche Dämmung des großen Bestandes an schlecht wärmegedämmten Altbauten erreicht werden kann. Wegen der leichten Erreichbarkeit und der häufig einfachen Ausführbarkeit eines oberseitigen Wärmeschutzes ist die nachträgliche Dämmung von zugänglichen Spitzböden eine naheliegende Chance für Energieein-sparungen.
Da bei dieser Maßnahme meist von einer deutlichen Wirtschaftlichkeit für Hauseigentümer ausgegangen werden kann, haben die bisherigen Energiesparverordnungen den zusätzlichen Wärmeschutz oberer Geschossdecken von Altbauten nicht in das Belieben der Eigentümer gestellt, sondern unter bestimmten Randbedingungen auch unabhängig von ohnehin geplanten Instandsetzungsarbeiten verpflichtend gefordert. Ich habe allerdings den Eindruck, dass diese Verpflichtung von einem Großteil der betroffenen Hauseigentümer bisher nicht zur Kenntnis genommen wurde.
Eine solche Verpflichtung besteht nach der EnEV 2007 jetzt allerdings nur noch für Eigentümer von Wohngebäuden mit nicht mehr als zwei Wohnungen, die das Gebäude nach dem 1.2.2002 von einem Voreigentümer gekauft haben, der wiederum mindestens eine der Wohnungen des Gebäudes selbst genutzt hat. Weiterhin ist für eine verpflichtende Nachdämmung Voraussetzung, dass die bisher nicht gedämmte oberste Geschossdecke zugänglich, aber nicht begehbar ist, da sonst der konstruktive Aufwand deutlich zunimmt. Aufgrund der vielen Einschränkungen wird diese staatliche Regelung voraussichtlich kaum wirksam sein. Man sollte allerdings unabhängig von staatlichen Vorschriften die nachträgliche ›
› Dämmung von Dachgeschossdecken in allen Altbauten erwägen, da sie meist sehr sinnvoll und wirtschaftlich ist.
Da diese Arbeiten in Altbauten ausgeführt werden, die in der Regel keine sorgfältig verlegten Luftdichtheitsschichten an den angrenzenden Bauteilen aufweisen, sind aber die zu Beginn dieses Berichts beschriebenen Probleme umso sorgfältiger zu beachten. Man sollte bedenken, dass nach dem Auflegen dicker Dämmschichten im Kehlbalkenbereich der Spitzbodenraum, wie bereits beschrieben weitgehend vom Innenraumklima abgekoppelt, stark auskühlen kann und daher bei fehlender sorgfältiger Belüftung hohe Schimmelgefahr besteht (Abb. 11). Bei Altdächern ohne zusätzliche wasserableitende Maßnahme unter der Eindeckung ist das allerdings nicht zu befürchten, da übliche Dachziegel- oder Dachsteineindeckungen sehr luftdurchlässig sind.
Nach der EnEV darf der Wärmedurchgangskoeffizient der obersten Geschossdecke 0,3 W/(m²·K) nicht überschreiten. Dieser Wert wird mit 120 mm Dämmstoff des Bemessungswerts der Wärmeleitfähigkeit von 0,04 W/(m²·K) erreicht. Wird die Dämmung in den Zwischenraum der Kehlbalken verlegt, verschlechtert sich durch den Flächenanteil des Holzes der Wärmedämmwert bei Zwischenbalkendämmung um etwa 20 %, so dass zum Erreichen des oben genannten Wärmedurchgangskoeffizienten eine Dämmschichtdicke von 150 mm erforderlich wird.
Bis zu welcher Dicke eine zusätzliche Dämmung vernünftig ist, kann nicht generell beziffert werden. Theoretische Berechnungsansätze haben ergeben, dass Dämmschichtdicken bis 400 mm sinnvoll seien. Manche Veröffentlichungen suggerieren, dass es geradezu unmoralisch ist, heute noch dünnere Dämmungen einzubauen. Folgendes ist sicher: Mit zunehmender Dicke sinkt die Effektivität von Dämmschichten dramatisch. Die Abnahme folgt einer Exponentialfunktion: Eine Verdopplung der Schichtdicke hat jeweils nur eine Halbierung des Energiedurchgangs zur Folge. Es ist daher wesentlich besser, mit dem gleichen Kostenaufwand zwei Bauteile mit jeweils 150 mm Dämmung zu versehen, als ein Bauteil mit 400 mm Dämmschichten vollzupacken. Zudem sollte man bedenken, dass in Altbauten eine vollkommen kontinuierliche Dämmschichtverlegung meist nicht realisiert werden kann. Dann sind bei großen Dämmschichtdicken die Wärmeverluste über nicht vermeidbare Durchdringungen und durch Wärmebrücken an den Rändern der Dachgeschossdecke (z. B. den Auflagerbereichen) so hoch, dass auch erhebliche Dämmschichterhöhungen keine deutliche Verbesserung mehr bringen.
Neuere Gesamtwirtschaftlichkeitsanalysen bei Wiener Mehrfamilienhaus-Altbauten zeigen, dass die Wirtschaftlichkeitsgrenze bei Dachgeschossdeckendämmungen meist bei rund 200 mm Dämmstoffdicke erreicht ist.
Der Beitrag sollte für einen wenig beachteten Gebäudebereich sensibilisieren. Der Teufel steckt auch dort im Detail und Nachlässigkeit kann Anlass zu langwierigen und bei massiven Schimmelschäden auch kostspieligen Streitigkeiten geben. •
Literaturhinweise:
Anforderungen und Details zur Luftdichtheit von Gebäuden sind in Teil 7 der DIN 4108: 2001-08 Wärmeschutz und Energieeinsparung in Gebäuden, beschrieben.
Praktische Details sind in folgenden Broschüren nachzulesen: Otto, Frank, und Michael Ringeler, Funktionsschichten und Anschlüsse für den Holzhausbau, Holzbau Handbuch, Reihe 1, Teil 1, Folge 8, Informationsdienst Holz, Oktober 2004 Biasin, Karl, und Joachim Zeller, Luftdichtheit von Wohngebäuden, VWEW Energieverlag, Frankfurt/M, August 2002 Pohl,Wolf-Hagen, Stefan Horschler und Renate Pohl, Gebäudedichtheit. Luftdichtheit, Winddichtheit; Lösungsvorschläge, Details, Marketing + Wirtschaft Verlagsges. m.b.H., München, 1999
Abel, Ruth, und Silke Sous (AIBau, Aachen): Nachträgliche Wärmedämmungen von Dachgeschossdecken, 2. Auflage, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, 2008 (Dieser Broschüre wurden die Abbildungen 10 und 11 entnommen.)