20 Jahre Schwachstellen

Sisyphusarbeit?

Seit 20 Jahren berichtet die db in zweimonatigem Rhythmus über Schwachstellen des Hochbaus. Dies waren 120 Versuche, den Ursachen von Bauschäden und Baumangelstreitigkeiten nachzuspüren und daraus abzuleiten, wie die Probleme zukünftig vermeidbar sind. Das Jubiläum gibt Anlass zum Rückblick – zugleich ist es Zeit, einen Schlusspunkt zu setzen.

Text: Rainer Oswald

Bauschäden
Die Ursachen großer und kleiner, typischer Bauschäden standen stets im Mittelpunkt des Interesses dieser Artikelserie. Denn Bauschäden beruhen durchweg nicht auf einer einzigen Ursache: In der Regel ist eine komplexe Ursachenstruktur auszumachen, deren verästelter Zusammenhang als »Ursachenbaum« (s. db 1/1990) darstellbar ist (s. nächste Seite). Der sich im Riss, der Durchfeuchtung oder anderen negativen Veränderungen manifestierende Schaden wird vordergründig durch physikalische / chemische Vorgänge hervorgerufen. Die verständliche Darstellung dieser Schädigungsprozesse ist ein wichtiges Thema, werden sie doch häufig nicht berücksichtigt oder falsch eingeschätzt.
Schädigungsprozesse können nur dann ablaufen, wenn das Gebäude mangelhaft konzipiert oder ausgeführt wurde. Hier liegen die konstruktiven und ausführungstechnischen Schadensursachen. Die handwerklich machbare Detailgestaltung der Baukonstruktion und die richtige Konzeption der Schichtenfolge waren damit abzuhandeln. Hier galt es, keine eingängigen Kochrezepte zu präsentieren, sondern die Details so genau aus den prinzipiellen Zusammenhängen abzuleiten, dass die Empfehlungen unter immer wieder verschiedenen Randbedingungen richtig angewandt werden können. Mangelzustände sind durch Fehler der Planung, Ausführung oder Herstellung verursacht. Diesen »menschlichen Ursachen« wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt, da hier die wichtigsten Stellschrauben für die Schadensvermeidung sitzen.
Planer, Ausführende und Produzenten sind Akteure der Bauwirtschaft. Bauen ist ein gesellschaftlicher Prozess. Ausbildungsbedingungen, Vergabe- und Arbeitsmarktsituationen, Kostendruck und Zeitdruck, europäische Entwicklungen auf dem Bauproduktenmarkt und die Unüberschaubarkeit und Realitätsferne der Regelwerke rückten damit als grundlegende gesellschaftliche Ursache ins Blickfeld. Es wurde insgesamt also darauf geachtet, das angedeutete komplexe Ursachengewebe vollständig im Auge zu behalten und darzustellen, und nicht die Problematik auf die rein technischen konstruktiven Zusammenhänge zu beschränken. Dies hat offenbar besonders einigen in der Lehre tätigen Fachkollegen missfallen, die sich lieber auf dem konfliktärmeren, rein technischen Feld bewegen. Bereits vor 20 Jahren habe ich dazu angemerkt: »Wer sich intensiv mit der Bauschadensproblematik beschäftigt, muss Kenntnisse in vielen Teilbereichen des Bauens zusammentragen und im Zusammenhang sehen. Er muss sich daran gewöhnen, von den Spezialisten der Einzeldisziplinen naserümpfend beäugt, zwischen allen (Lehr-)Stühlen zu sitzen. Dort sitzt es sich allerdings, was die Gutachtenauftragslage angeht, komfortabel.« (s. db 1/1990).
Mich stören weniger persönliche Anfeindungen und andere Unfreund- lichkeiten, als vielmehr die Folgen dieser Haltung für das schadensfreie Bauen. Das Ignorieren der komplexen Bauschadensproblematik, die durch formale Entwurfsgründe motivierte Risikobereitschaft, stellen wichtige tiefere Ursachen für Bauschäden dar, die unter dem Titel »Form kontra Bauphysik« gleich mehrfach in dieser Serie an typischen Beispielen eindringlich verdeutlicht wurden. »Diese, mit der Verantwortung für eine besser gestaltete Umwelt begründete, tatsächlich aber verantwortungslose Haltung der Lehrer zum funktionssicheren Konstruieren hat so manchem jungen Architekten die berufliche Existenz gekostet, noch ehe sie richtig begonnen hatte.« (s. db 7/1991). Diese Problematik wird uns auch weiter beschäftigen. Selbst vielfaches Publizieren hilft da offenbar wenig, man stößt auf eine »Beratungsresistenz« der Verantwortlichen.
Auf eine weitere wichtige, tiefere Ursache für Bauschäden war ebenfalls mehrfach einzugehen: auf unseriöse Bauträgerprojekte. »Die ohne genaue Detailplanung, ohne engagierte Bauleitung, von demotivierten, an die untere Preisgrenze gedrückten Subunternehmen zusammengeschusterten Objekte strotzen nur so von Mängeln, die ebenfalls wenig motivierten späteren Verwaltern (häufig handelt es sich dabei um Vertreter desselben Bauträgers) kaum auffallen.« Bei solchen Projekten ist der sprichwörtliche »Pfusch am Bau« gehäuft anzutreffen – eine Bezeichnung, die ich nie verwendet habe, da sie die Ursachenvielfalt unzulässig auf das »Verpfuschen« reduziert.
Was die Qualität von Bauträgerprojekten betrifft, hat sich einiges zum Besseren entwickelt, sind doch die Bauherren und Käufer durch die Berichte hellhörig geworden. Sie greifen häufiger zu externen Qualitätskontrollen – eine Aufgabe, die früher die baupraktisch solide ausgebildeten bauleitenden Architekten und Ingenieure an richtigerer Stelle übernommen hatten. Ohne abwägende Vernunft können Qualitätskontrolleure nämlich eine Lawine unnötiger Mangelstreitigkeiten auslösen, die auch seriöse Unternehmen in den Konkurs zwingen.
Baumängelstreitigkeiten
Es wird nämlich nicht nur über mehr oder minder ins Auge springende Schäden prozessiert. Fast ebenso häufig sind reine Mangelstreitigkeiten, ohne dass Schäden vorliegen oder zu befürchten wären. Es geht dann um die werkvertragliche Frage der Übereinstimmung des ausgeführten Objekts mit den vertraglichen Vereinbarungen. Auch hier waren grundsätzliche Fehlentwicklungen anzusprechen: »Es ist fast schon zum Sport für gewerbliche Investoren und Bauherren – aber auch für Käufer von Immobilien – geworden, beim Begehen während der Bauzeit unmittelbar bei Fertigstellung des Objekts oder nach dem Kauf nach Mängeln zu suchen, die als Gründe herhalten können, um Schlusszahlungen zu verweigern (…) Bei offensichtlich langfristig voll gebrauchstauglichen Gebäuden entbrennt dann z. B. der rein formale Streit über die Notwendigkeit, die Übereinstimmung mit (überalterten) Normregeln, selbst kleinste Unregelmäßigkeiten werden zum Anlass von Bauprozessen gemacht, welche die Gerichte dann bis in die Oberlandesgerichtsebene über Jahre beschäftigen.« (s. db 1/2000).
Dieses Problemfeld hat viele Facetten. Eine Ursache für die zunehmenden Mangelstreitigkeiten sind nach meiner Überzeugung Fehlentwicklungen des Baurechts, die letztlich auf den fehlenden Wirklichkeitsbezug der für die Gesetzesauslegungen Verantwortlichen zurückzuführen sind. Es ist weitgehend in Vergessenheit geraten, was handwerkliche Arbeit bedeutet und wie genau unter normalen Baustellenbedingungen gearbeitet werden kann: Maßstab scheint nur noch die Makellosigkeit industrieller Produkte zu sein. In mehr als 99 von 100 Fällen sieht in Bauprozessen der Richter den Streitgegenstand nicht! Es wird völlig auf der Basis von Schriftsätzen, Dokumenten und Gutachten entschieden. Wie soll in dieser virtuellen Situation ein Gefühl für »Baupraxis« und »Bauwirklichkeit« entstehen?
Insofern war es auch wichtig, über »Hinzunehmende Unregelmäßigkeiten« – also zulässige Risse, Maßabweichungen, Farbungleichheiten, Verschmutzungen – zu berichten. Auf diesem Gebiet scheint die geleistete Auf- klärungsarbeit genützt zu haben. Volkswirtschaftlich unproduktive Bauprozesskosten konnten vermieden werden.
Baustreitigkeiten
Im Verlauf der Jahrzehnte habe ich mich immer gefragt, warum gerade im Baubereich so anhaltend gestritten wird. Das kann nicht vorrangig am Charakter einzelner öffentlich agierender Hitzköpfe und Besserwisser liegen, die es in unserem Berufsfeld natürlich auch gab und gibt.
Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die meisten Streitpunkte im Mangel- und Bauschadensbereich eng mit dem Beurteilungskriterium der an- erkannten Regeln der Bautechnik zusammenhängen. Dieser unbestimmte Rechtsbegriff ist immer dann von zentraler Bedeutung, wenn in Kauf- und Werkverträgen nicht ausdrücklich bestimmte Beschaffenheits- und Gebrauchseigenschaften festgelegt wurden und daher die »übliche Beschaffenheit und Verwendungseignung nach Art des Werks« geschuldet ist.
Technische Regeln für den Entwurf und die Ausführung baulicher Anlagen können als anerkannte Regel der Bautechnik gelten, wenn sie die Kriterien der wissenschaftlichen Richtigkeit, der allgemeinen Bekanntheit unter gut vorgebildeten Technikern und der praktischen Bewährung erfüllen. Die Beantwortung der Frage, wann diese Kriterien im Einzelfall als erfüllt gelten können, birgt das wesentliche Konfliktpotenzial, da alle drei Kriterien im Detail höchst diskussionswürdig sind.
Wissenschaftliche Richtigkeit als Beurteilungskriterium
Sachverhalte, die durch rechnerische Nachweise eindeutig belegt oder widerlegt werden können, durch Messung eindeutig quantifiziert und durch Laborprüfungen unter definierten Randbedingungen ermittelt werden können, die also den Grundanforderungen wissenschaftlichen Arbeitens an die reproduzierbare Verifizierbarkeit oder Falsifizierbarkeit einer Aussage erfüllen, bedürfen keiner anderen Legimitation. Das Ansinnen der Überprüfung ihrer Richtigkeit durch Meinungsumfragen ist absurd. »Was im Einzelfall richtig, noch akzeptabel oder schon zu risikoreich ist, kann nicht per Regelwerk erlassen und erst recht nicht demoskopisch durch Abstimmung geklärt werden. Gefragt ist wacher Sachverstand, ›
› der nicht nach starren Regeln oder eingefahrenen Gewohnheiten urteilt, sondern untersucht, ob im speziellen Beurteilungsfall das ›bautechnisch Notwendige‹ getan wurde.« (s. db 11/1999). Was aber ist im Baubereich eindeutig wissenschaftlich richtig?
Der Dauerstreit bezüglich rechnerischer Nachweise ergibt sich aus der Frage nach ihrem Realitätsbezug: Bildet der Rechengang Aspekte eines real ablaufenden Prozesses oder Sachverhalts wirklich ab? Stimmen die Eingabewerte auf der Einwirkungsseite (z. B. Klimarandbedingungen) und auf der Widerstandsseite (z. B. Stoffkenngrößen) mit der konkreten Situation überein? Ebenso sind Messungen – vor allem hinsichtlich der angemessenen Interpretation eines richtig ermittelten Messwerts – immer wieder Gegenstand von Diskussionen. So wurde im Beitrag 7/1997 sehr kritisch auf den Aussagewert von Thermografieaufnahmen eingegangen: »Gebäude werden nicht errichtet, um in thermografischen Aufnahmen ein Bild mit völlig gleichmäßigen Oberflächentemperaturen zu ergeben.« Hier sind also Bewertungsfragen ganz wesentlich. Ebenso stellt sich bei Laboruntersuchungen die Frage nach dem Realitätsbezug der Prüfung. Man denke an den Streit über die richtigen Testpflanzen beim Durchwurzelungstest für Dachbahnen oder den begrenzten Aussagewert der Prüfung der Alkalibeständigkeit von flüssigen Verbundabdichtungen in Schwimmbädern (s. db 11/2007).
Allgemeine Bekanntheit als Beurteilungskriterium
Bei der Frage nach der allgemeinen Bekanntheit einer Bauweise oder Regel unter gut vorgebildeten Technikern geht es u. a. immer wieder um den Aussagewert, die Verbindlichkeit von Regelwerken und anderen Veröffentlichungen. Welche Regel musste bei der Planung bekannt sein und bei der Ausführung beachtet werden – soweit im Vertrag dazu nicht bereits Eindeutiges vereinbart wurde?
Im Rahmen dieser Artikelserie war häufig auf die Bedeutung von Regelwerken – besonders Normen – einzugehen: Sie wurden aber weder als Machwerk willfähriger Handlanger der Bauindustrie verteufelt, noch als unfehlbar in den Himmel gehoben. So wurde im Beitrag in db 7/2001 ausführlich dargelegt, dass es 25 Jahre dauerte, bis eindeutig bekannte Sachverhalte zur Schimmelpilzproblematik an Gebäudeaußenecken sich auch in den Mindestanforderungen zum Wärmeschutz in DIN 4108 Teil 2 niederschlugen. »Ich stelle fest, dass das Vernünftige manchmal sehr lange braucht, um sich durchzusetzen. (…) Das Instrumentarium und die Ergebnisse der Arbeit des Deutschen Instituts für Normung sind insgesamt tauglich. Sie verdienen und benötigen unsere Unterstützung, Förderung und kritische Begleitung, da sich das Vernünftige nicht von selbst durchsetzt, sondern dazu handelnder Menschen bedarf.« Es ist also der mühsame Weg einzuschlagen, durch Sachkenntnis soviel Kompetenz und Urteilsvermögen zu erlangen, dass Regeln hinterfragt und die Grenzen ihres Geltungsbereichs erkannt werden können. Dazu haben diese Artikel sicher beigetragen.
Praktische Bewährung als Beurteilungskriterium
Besonders heftig geht der Dauerstreit über die praktische Bewährung von Bauweisen. Die Forderung nach Praxisbewährung einer Bauweise, die für sich in Anspruch nehmen möchte, anerkannte Regeln der Bautechnik zu erfüllen, leitet sich aus der Erfahrung ab, dass sowohl die Herstellung unter Baustellenbedingungen als auch das tatsächliche Verhalten unter der komplexen Beanspruchung im eingebauten Zustand weder vollständig theoretisch vorhersehbar noch vollständig durch Laborprüfungen simulierbar sind. Bei der Herstellung geht es um (wissenschaftlich meist nicht eindeutig belegbare) Baustellenerfahrungen – also um ein Tummelfeld der tatsäch- lichen und vermeintlich gestandenen Praktiker, die mit dem k.o.-Argument »schon immer so gemacht – noch nie ‚was passiert« alle Einwände vom Tisch wischen möchten. Was ist zwar theoretisch machbar, aber praktisch unter den Arbeitsbedingungen auf Baustellen erfahrungsgemäß doch nicht zuverlässig machbar?
Meine Reaktion auf die heftige Diskussion über die Leistungsfähigkeit kunststoffmodifizierter Bitumendickbeschichtungen bei Stauwasserbelastungen ist dafür ein gutes Beispiel. Der Streit über die Herstellung unter Baustellenbedingungen wird immer bestehen bleiben, da die Argumente häufig berechtigt, aber im Einzelnen meist nicht exakt beweisbar sind.
Dies hängt mit dem nur begrenzten Wert individueller Schadenserfahrungen zusammen. Die Bedingungen während der Herstellung eines Bauteils sind in der Regel im Nachhinein nie lückenlos bekannt. Die tatsächliche Beanspruchungsgeschichte bis zum Schadenseintritt kann meist auch nur vermutet werden. Selbst der Zustand des Bauteils zum Zeitpunkt der Begutachtung ist in der Regel aus Gründen der Verhältnismäßigkeit des Untersuchungsaufwands nur punktuell überprüfbar und ermittelbar. Die Schlussfolgerung, dass ein Schaden eindeutig auf eine bestimmte Ursache zurückzuführen sei, steht daher – genau betrachtet – nicht selten auf tönernen Füßen. Hier sind also viel Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung erforderlich und eine differenzierte Betrachtungsweise notwendig.
Wirtschaftliche Interessen
Man darf nie vergessen, dass das Bauen ein erheblicher Wirtschaftsfaktor ist. Jährlich werden Milliardenbeträge umgesetzt. Aussagen über die Schadensanfälligkeit einer Bauweise beeinflussen ihren Marktanteil. Ich habe den Eindruck, dass viele Meinungsverschiedenheiten daher auf nicht ge- nannte, aber mitschwingende wirtschaftliche Interessen zurückführbar sind. Hier war ich bemüht, kritische Distanz und völlige Unabhängigkeit zu wahren.
Resümee
So wie die gesamte Darstellung der Schwachstellen im Hochbau mit abwägender Deutlichkeit differenziert dargelegt wurde, so möchte ich denn auch mein Resümee zur hiermit schließenden Artikelserie differenziert ziehen:
  • Niemand kann erwarten, dass durch eine Artikelserie Wesentliches verändert wird. Wie dargestellt, sind die Ursachen von Schäden und Streit in vielen Fällen systembedingt und werden immer weiter bestehen.
  • Nicht gelungen ist es, die für die Ausbildung von Architekten Verantwortlichen von der Bedeutung bauphysikalischen und baukonstruktiven Detailwissens für die Schadensfreiheit von Gebäuden zu überzeugen; andererseits konnten einige Streitpunkte auf Dauer geklärt und Vorgehensweisen zur Streitvermeidung – z. B. zu den hinzunehmenden Unregelmäßigkeiten – detailliert beschrieben werden.
  • Bei anderen Problemen konnten die Gründe für die weiteren offenen Fragestellungen benannt werden.
  • Es ist weiter zu hoffen, dass die Kenntnisse zu angemessenem Umgang mit Regelwerken vertieft wurden.
Einige »Problembrocken« konnten demnach doch bis zum Ziel bergauf gerollt werden – also wurde insgesamt doch keine Sisyphusarbeit geleistet. Ich danke meinen langjährigen Lesern für die regelmäßige Aufmunterung, den Dialog und die zustimmende Begleitung meiner Beiträge. •