Flachdachsanierung mit Flüssigkunststoffen

Achtung: Dicht gestrichen!

In Quadratmetern gerechnet haben streichbare Flüssigkunststoffe gegenüber Bitumen- und Kunststoffabdichtungsbahnen nur einen verschwindend geringen Marktanteil. Ihre Stärken liegen nämlich nicht im Abdichten großer Flächen, sondern kommen stets dann zum Tragen, wenn ein Leck im Flachdach schnell geflickt werden muss oder viele Aufbauten und komplizierte Anschlüsse eine Flachdachsanierung erschweren.

Wenn es durch ein Flachdach tropft, ist die Aufregung im Gebäude schnell groß. Hektisch wird nach der undichten Stelle geforscht, mit Eimern und Schüsseln versucht man der plätschernden Rinnsale Herr zu werden – und am Ende steht die große Frage: Wie lässt sich das Leck am schnellsten stopfen? Die Angst vor horrenden Schäden geht mit den Sorgen um eventuelle Miet- oder Produktionsausfälle einher, weshalb eine rasche und zuverlässige Lösung für das undichte Flachdach an erster Stelle steht. Neben dem Flicken mit Bitumenbahnen oder dem stellenweisen Verschweißen von Kunststoff- oder EPDM-Bahnen kann sich die Abdichtung mit Flüssigkunststoffen schnell als die wirtschaftlichste und am Ende günstigste Lösung herausstellen, vor allem wenn der undichten Stelle auf dem Flachdach aufgrund von technischen Aufbauten schwer beizukommen ist oder die Ursache für die Undichtigkeit an komplizierten und aufwendigen Detailanschlüssen liegt, wo weiteres Flickwerk die Sache nicht verbessern sondern verschlimmern würde.

Viele Vorteile für die Flachdachsanierung

Jedes ebene Dach hat wie das Gebäude, das es bedeckt, seine eigene Geometrie – während eine Lagerhalle oder ein Supermarkt in der Regel rechtwinklige und oftmals fußballfeldgroße Dachflächen aufweisen, die ideal mit Dachbahnen eingedeckt werden können, reiht sich bei kleinformatigen Wohnhausdächern und Gewerbebauten mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen, Türschwellen und Wandanschlüssen ein Anschlussdetail ans andere. Oberlichter, Entlüfterstutzen, Schornsteine und Gullys finden sich dagegen auf beinahe jedem Dach und je mehr davon auf einer kleinen Fläche anzutreffen sind, um so mehr spricht die Situation auf dem Flachdach für eine Abdichtung aus Flüssigkunststoffen.

Denn überall dort, wo eine Dachabdichtung an komplizierte Formen anzupassen ist, ein geringer Abstand zwischen den diversen Durchdringungen, Aufbauten und Höhenversprüngen besteht, wissen Flüssigkunststoffe ihre Stärken auszuspielen. Wie der Name schon sagt, erfolgt deren Verarbeitung im Aggregatzustand flüssig, was den Vorteil hat, dass sich die zähflüssige Masse vor dem Aushärten an alle baulichen Gegebenheiten und Untergründe naht- und fugenlos anarbeiten lässt.

Die Mastix auf Basis von Reaktionsharzen geht einen vollflächigen Haftverbund mit nahezu allen Untergründen ein, benötigt an keiner Stelle überbrückende Formteile und braucht zudem keine mechanische Befestigung am oberen Rand.

Zwei Schichten, drei Arbeitsgänge

Welche Flüssigabdichtungen den „Allgemein anerkannten Regeln der Technik“ entsprechen, ist den Flachdachrichtlinien [1] und der DIN 18531 [2] zu entnehmen. Die zugelassenen Produkte der verschiedenen Hersteller, wie zum Beispiel Kemper System, Triflex, Enke und anderen, basieren auf flexiblen

  • reaktiven Polymethylmethacrylaten (PMMA),
  • ein- oder zweikomponentigen Polyurethanharzen (PUR),
  • Epoxidharzen (EP) oder
  • ungesättigten Polyesterharzen (UP).

Bevor eine Flüssigabdichtung fachgerecht verarbeitet werden kann, ist eine sorgfältige Untergrundvorbereitung vorzunehmen. Eben, tragfähig, trocken und frei von haftmindernden Stoffen lauten die Anforderungen, die ohne Ausnahme erfüllt werden müssen. Die Restfeuchte im Beton darf in den oberen zwei Zentimetern fünf Prozent nicht überschreiten. Als Haftbrücke empfiehlt sich im Detail- und Anschlussbereich immer eine Grundierung, wobei hierzu stets den Angaben des Herstellers (Grundierungstabelle) Folge zu leisten ist. Unabhängig vom Produkt muss der Auftrag einer Flüssigabdichtung ohne Zeitverzögerung und mindestens zweischichtig inklusive Armierungsvlies erfolgen. Für den ersten Auftrag sind etwa zwei Drittel der aufzubringenden Menge vorzulegen und gleichmäßig mit der Perlonrolle oder dem Pinsel auf der Fläche zu verteilen. Im zweiten Schritt muss das vorkonfektionierte Armierungsvlies in die noch nasse Beschichtung faltenfrei eingelegt und blasenfrei eingebettet werden. Erst mit dieser Armierung wird aus der Beschichtung eine Abdichtung. Unmittelbar danach ist mit der zweiten Lage das letzte Drittel der Flüssigkeit nass-in-nass bis zur Sättigung und ohne Überschuss aufzubringen. Bei der Verarbeitung ist unbedingt der Taupunkt zu beachten. Aus Sicherheitsgründen sollte bei der Ausführung einer Flachdachsanierung die Oberflächentemperatur an der zu bearbeitenden Oberfläche drei Kelvin über dem Taupunkt liegen. Sollte diese unterschritten werden, kann sich auf der zu bearbeitenden Oberfläche ein trennend wirkender Feuchtigkeitsfilm bilden (DIN 4108-5, Tab. 1). Geschieht dies, ist keine kraftschlüssige Verbindung zum Untergrund gewährleistet. Die Topfzeit (Verarbeitungszeit) ist begrenzt und hängt stark von der Außentemperatur ab.

Geringes Haftungsrisiko nur bei guter Haftung

Anders als bei bahnenförmigen Abdichtungen, die auf der Baustelle lediglich aneinandergefügt werden müssen, ist bei Flüssigkunststoffen der Ausführende der eigentliche Hersteller der Abdichtung, weshalb hier besonders sorgfältiges Arbeiten gefragt ist [3]. Die Ausgangsmaterialien bestehen zumindest aus einem Vlies und – je nach Material – aus Kunststoffmasse mit bereits integriertem Härter (1K) oder separat beigefügtem Härter (2K), der im korrekten Verhältnis vor Ort beigemischt werden muss. Wird zu wenig Härter beigegeben, bindet der Kunststoff nicht ausreichend schnell ab; schwappt zu viel Härter in die Mastix, härtet das Gemisch zu schnell aus. In beiden Fällen ist die Funktionsfähigkeit der Abdichtung nicht gegeben und der Ausführende – zugleich Hersteller der Abdichtung – geht ein erhebliches Haftungsrisiko ein, da er im Prinzip für die Garantiezeit einzustehen hat, die der Hersteller auf seine einzelnen Komponenten gibt. Das kann weit über die vier- beziehungsweise fünfjährige Gewährleistungsfrist nach VOB bzw. BGB hinausgehen – und zwar bis zu 25 Jahren. Daher sollte der Handwerker zur eigenen Sicherheit zusätzlich den jeweiligen Hersteller der Komponenten als Vertragspartner gewinnen.

Flexibel und gut kombinierbar

Flüssigkunststoffe sind mit anderen Werkstoffen in der Regel problemlos kombinierbar – letzte Sicherheit geben die Verlegerichtlinien der Hersteller. Bei der Abdichtung von Detailpunkten oder der Instandsetzung von Leckagen bei der Flachdachsanierung werden Flüssigabdichtungen häufig mit Bitumenbahnen oder Folien kombiniert. Dabei kann es durchaus passieren, dass die streichbare Abdichtung mit anderen Baustoffen in Berührung kommt, die sehr unterschiedliche Wärmeausdehnungskoeffizienten aufweisen (zum Beispiel Kupfer- oder Zinkbleche, Mauerwerk, Holz). Flüssigabdichtungen sind in der Lage, temperaturbedingte Bauwerksbewegungen aufzunehmen und eventuell entstehende Risse bis zwei Millimetern Breite zu überbrücken. Es gibt auch Hersteller, deren Produkte vollflächig auf OSB-Platten aufgetragen werden können, sofern die Platten an den Stößen und Nähten verleimt sind. Solche Untergründe sind häufig auf Dachterrassen und Balkonen anzutreffen, bei denen abschließend noch eine spezielle Oberflächenbehandlung der Flüssigabdichtung erfolgt. Abgesehen davon, dass Dachterrassen nunmehr eindeutig in den Bereich der DIN 18195 fallen, die (bislang) Flüssigabdichtungen aus Kunststoffen gar nicht kennt, entspricht eine solche Ausführung nur bedingt den anerkannten Regeln der Technik und muss explizit vereinbart werden [3].

Die Kunst der flüssigen Dichtung

Flüssigabdichtungen besitzen Material- und Verarbeitungsvorteile, die sich besonders gut für die Flachdachsanierung nutzen lassen. Sie sind langzeitsichere Problemlöser, manchmal wahre Abdichtungskünstler. Allerdings will die Kunst des flüssigen Abdichtens gelernt sein.

Autor: Klaus Siegele


Literatur und Quellen:

[1] Deutsches Dachdeckerhandwerk – Regelwerk (Flachdachrichtlinien), Herausgegeben vom Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks – Fachverband Dach-, Wand- und Abdichtungstechnik e. V., Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, 2010

[2] DIN 18531: 2010-05 Dachabdichtungen – Abdichtungen für nicht genutzte Dächer, Teil 1-4, Beuth Verlag, Berlin, 2010

[3] Ibold, Stefan: Flachdachrichtlinie – Kommentar eines Sachverständigen, 1. Auflage, Verlagsgesellschaft Rudolf Müller, Köln, 2009


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