Schloss der Lutherstadt Wittenberg

Überraschung auf dem Dach

500 Jahre Reformation – dieses Jubiläum diente als Anlass, um Schloss Wittenberg gründlich zu modernisieren. Teil des Umbaus ist eine anspruchsvolle Aufstockung. Sie bietet Raum für ein Predigerseminar und interpretiert die Idee des Kreuzgangs neu.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Umbau und Erweiterung des Schlosses sind schlüssig aus dem Bestand abgeleitet: Dessen monolithisches Erscheinungsbild findet seine Fortsetzung in kraftvoll-monolithischen Elementen wie neuen, expressiven Betontreppen und einer Aufstockung aus Dämmbeton. Ohne harten Kontrast verbinden sie sich mit dem Vorhandenen und sind dennoch als Ergänzung ablesbar. Die Aufstockung des Denkmals bleibt dabei so zurückhaltend, dass sie von der Straße kaum zu sehen ist. Eine Beschränkung auf wenige, unbeschichtete, wertige Materialien verleiht den Innenräumen Authentizität. Schwere Einbauten aus Eiche korrespondieren mit dem wuchtigen Gebälk des Bestands.

Architekten: ARGE Sanierung Schloss Wittenberg

Text: Falk Jaeger
Fotos: Stefan Josef Müller, Bruno Fioretti Marquez Architekten

Die Lutherstadt Wittenberg, 46000 Einwohner (Tendenz fallend), ringt wie viele Provinzstädte in der ehemaligen DDR um eine neue wirtschaftliche Basis und stabile Entwicklungslinien. Ein Aufschwung kam mit dem 500. Reformationsjubiläum, das der Stadt reichlich Fördermittel und eine Komplettsanierung der Altstadt und des Verkehrssystems eingebracht hat. Der Fremdenverkehr ist eine wichtige Stütze der Stadt geworden, wenngleich es sich bei den zahlreichen Besuchergruppen in der vom Krieg verschonten Altstadt nur um Tagestouristen handelt. Sie besuchen eine »Perlenkette von vier Weltkulturerbestätten«, so die Tourismuswerbung – das Lutherhaus, das Melanchthonhaus, die Stadtkirche St. Marien und die Schlosskirche, an deren Tür der Reformator die Thesen schlug. Das Schloss selbst zählt nicht dazu, wenngleich es mit der jüngsten Umwidmung eine wesentliche Funktion einnimmt: die des Besucherzentrums und -eingangs für die Schlosskirche.

Die Zeitläufte hatten dem kurfürstlichen Schloss stark zugesetzt, denn von dem Renaissance-Geviert steht nur noch die Hälfte, und die auch nur als Umfassungsmauern, denn 1760 und 1814 brannte es vollständig aus. Dem Ausbau ab 1819 zur Festung und Kaserne fielen auch noch die Gewölbe und Stockwerksteilungen zum Opfer. Mächtige Pfeiler und Gewölbe im OG mit bombensicherer, 3 m starker Erdauflage hinter der Attika wurden eingebaut sowie neue, nur 3,20 m hohe Geschosse eingezogen. Zu DDR-Zeiten dienten Räume des Schlosses als Stadtarchiv, Sammlungsdepot, Gaststätte, Wohnungen, Naturkundemuseum und Jugendherberge.

Respektvoll erneuert

Solide, wenn auch mit den grauen, schrundigen Verputzresten recht unansehnliche historische Substanz sowie chaotische, dürftige Ein- und Umbauten im Innern – so fanden die zehn Architektenteams, die an einem VOF-Verfahren zur Sanierung teilnahmen, das Anwesen vor. Stadt, Land und Kirche hatten sich 2009 verständigt, das Schloss grundlegend neu zu nutzen, das Predigerseminar aus dem Augustinerkloster hierher zu bringen, die reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek zu ergänzen und im EG das Servicezentrum der Schlosskirche einzurichten.

Die Berliner Architekten Bruno Fioretti Marquez konnten sich mit ihrem überraschenden Konzept durchsetzen, bei dem Bibliothek und Depot in den mittleren Geschossen, das Seminar jedoch auf dem Dach Platz finden.

Mit dem gründlichen Entkernen begannen die Bauarbeiten, denn alle Einbauten des 20. Jahrhunderts wurden nicht für erhaltenswert befunden. Die herauspräparierte historische Substanz behandelten die Architekten als Palimpsest, wie ein altes Pergament, auf dem unterschiedliche Signaturen zu lesen – und zu erhalten – sind. So wurden zwei neue Zugänge zum hoch liegenden EG schräg durch die Wand gebrochen, um die vorgefundenen Fensteröffnungen zu schonen, die während der Festungsjahre zugemauert worden waren.

Eine große Herausforderung stellte die Erschließung der OGs dar. Die beiden historischen Treppenhäuser waren auf die Stockwerksteilung der Renaissance abgestimmt und mussten mit den geänderten Geschossen der Festungszeit verbunden werden. In Korrespondenz entstanden die beiden inneren Treppenhäuser nun als komplette Neubauten. Die unregelmäßigen Läufe und Anschlussbrücken erscheinen wie etwas modische Entwurfsideen, sind aber den komplexen geometrischen Verhältnissen geschuldet und bieten ein Architekturerlebnis für sich: von unten archaische Sichtbetonkonstrukte, von oben gesehen effektvoll beleuchtete, leichtere Läufe mit fein gespachtelten Oberflächen.

Die reformationsgeschichtliche Bibliothek ist in einem Depotgeschoss mit Kompaktlagern im 1. OG und den Präsenzbeständen und den Lesesälen im 2. OG untergebracht. Die eindrucksvollen Gewölbe und die eigens gefertigten Eichenmöbel mit gefühlt vielen Jahrhunderten Lebenserwartung bilden ein angemessenes Ambiente für die traditionsreiche Büchersammlung mit
ihren Ehrfurcht gebietenden Folianten.

Entfalteter Kreuzgang

Strahlt der Bau bis hierher Solidität und ein feines Gespür für die Qualitäten des bauhistorischen Bestandes aus und zeigt eine fast asketische Disziplin des Materialeinsatzes – Beton, Glas, Putz, Eichenholz, hier und da Bronze, sonst nichts – so ist treppauf eine Überraschung zu erleben: »Entfalteter Kreuzgang« nennen die Architekten die neue Klausur auf dem Dach. Sie verbirgt sich größtenteils hinter den alten Außenmauern, die weit über die oberste Geschossdecke emporragen. Entlang eines breiten Mittelflurs reihen sich zu beiden Seiten jeweils im Wechsel Räume des Predigerseminars und ein Patio, sodass der Flur Licht von der Seite erhält und sich stets zu einem Hof orientiert – ähnlich wie ein Kreuzgang. Die Patios bieten durch die historischen Öffnungen im alten Mauerwerk Ausblick in die Landschaft oder den Schlosshof. Auch in dieser Etage finden sich nur wenige Materialien; durch spezielle Zuschläge warmgelber Beton, Eichenholzfenster und -einbauten, raumhohe Verglasungen. Einen Dachkörper wie noch zu Renaissancezeiten hatte das Schloss schon vor dem Umbau nicht mehr. Nun lugen, von außen gesehen, hier und da die Betonwände der Seminarräume über die Attika. Sie wollen offenkundig nichts mit dem Bestandsbau zu tun haben und erklären sich nicht selbst – vielleicht der Schwachpunkt des Entwurfs.

Die Nutzer der neuen Dachaufbauten jedenfalls profitieren von der atmosphärischen Dichte der Architektur, den angenehmen Materialien, der sensibel abgestimmten Farbpalette und der durchdachten, nutzungsorientierten Raumkonzeption und Detaillierung. Doch das gilt für alle öffentlichen Geschosse des nun wieder qualitätvoll ausgebauten und angemessen genutzten Schlosses, dessen Sanierungsbudget von 18 Mio. Euro die Architekten offenbar nicht zu schmerzlichen Einsparungen gezwungen hat.


Standort: Lutherstraße 56, 06886 Wittenberg
Bauherr: Lutherstadt Wittenberg
Auftragnehmer Planung: ARGE Sanierung Schloss Wittenberg;
mit Architekten: Bruno Fioretti Marquez Architekten, Berlin (Pepe Marquez, Dr. Britta Fritze, Steve Liem);
mit Tragwerksplaner: ibf Frohloff Staffa Kühl Ecker;
mit Bauleitung: AADe | Atelier für Architektur & Denkmalpflege, Stuve & Jürgens Architekten,
Nachunternehmer: DGI Bauwerk Architekten GmbH;
mit Fachplaner:
BBS Ingenieurbüro (Bauphysik)
Sachverständigen Büro Arnhold (Brandschutz)
INNIUS DÖ GmbH (Technik)
SALEG mbH (Außenraumplanung)
Anders electro GmbH (Elektro)
BGF: 10538 m²
BRI: 44520 m³
Baukosten: 16,1 Mio. Euro

Beteiligte Firmen:
Leichtbeton DG: BHT Bau- und Haustechnik, Bad Düben, www.bht-baddueben.de
Fenster: Fischer Fenster+Türen+Fassadenbau, Nordhausen, www.ndh-fenster-tueren-fassaden.de
Fensterinnenbekleidung: Tischlerei Jungnickel, Schwarzenberg, www.tischlerei-jungnickel.de
Ausbau Bibliothek und Predigerseminar: Holz Vision Wolf + Lehmann, Großenhain, www.holz-vision.de
Eichendielen DG: Havelland Diele, Kloster Lehnin, www.havelland-diele.de


Bruno Fioretti Marquez Architekten

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Piero Bruno

1990 Diplom am IUAV in Venedig. Freie Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 1995 Bürogründung mit Donatella Fioretti und Josè Gutierrez Marquez. Seit 2010 Professur an der HAW München.

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Donatella Fioretti

1990 Diplom am IUAV in Venedig. Freie Mitarbeit
im Atelier Zumthor und bei Léon+Wohlhage. 1995 Bürogründung. 1996-2002 Wiss. Mitarbeit an der
TU Berlin, seit 2011 dort Professur.

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José Gutierrez Marquez

1981 Diplom an der Universidad Nacional de Rosario (Arg.), 1990 am IUAV, Venedig. Freie Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 1995 Bürogründung. Seit 2011 Professur an der Bauhaus Universität Weimar.


Über den Autor Falk Jaeger

Studium der Architektur und Kunstgeschichte, Promotion. Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen, 1993-2000 Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie an der TU Dresden. Freier Publizist und Fachjournalist in Berlin.