Einfamilienhaus in Wimbledon (GB)

Frühwerk von Richard Rogers saniert

Seinen Durchbruch als Architekt feierte Richard Rogers mit einem Haus für seine Eltern. Kürzlich wollte er es verkaufen, doch nun hat er es einer Hochschule gestiftet, die dort Stipendiaten unterbringt. Vorher wurde es noch einmal generalüberholt.

Text: Christian Schönwetter

Seine Eltern wären sicher stolz auf ihn: Das Haus, das Richard Rogers 1967-69 für sie errichtete, steht inzwischen unter Denkmalschutz. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau Su plante er ein eingeschossiges Bauwerk, das die Ideen amerikanischer Bungalowarchitektur mit einer hochflexiblen Konstruktion kombinierte: Stahlrahmen mit 13 m Spannweite bilden einen Raum, der sich nach Belieben immer wieder anders unterteilen lässt – ein Prinzip, das Richard Rogers wenige Jahre später beim Centre Pompidou gemeinsam mit Renzo Piano in deutlich größerem Maßstab weiterentwickelte.

Bei dem kleinen Einfamilienhaus in Wimbledon verteilte der Architekt das Raumprogramm auf zwei Pavillons. Der kleinere nahm Gästezimmer und eine Töpferwerkstatt für Rogers‘ Mutter auf, er steht an der stark befahrenden Straße und schirmt den Verkehrslärm ab; der größere mit der eigentlichen Wohnung versteckt sich gut geschützt im dahinterliegenden Garten.

Die Pavillons öffnen sich jeweils wie eine Röhre an zwei gegenüberliegenden Seiten mit einer Vollverglasung zum Garten, während sie an den anderen beiden Seiten, die zu den Nachbargrundstücken zeigen, weitgehend geschlossen sind. Dort erzeugen Bullaugenfenster, Metallpaneele und Türen mit abgerundeten Ecken jene Schiffs- und Maschinenästhetik, die später als Hightech bekannt wurde und die britische Architektur jahrzehntelang prägte. Die tragenden, leuchtend gelb lackierten Stahlrahmen sind jeweils im Innenraum sichtbar, der beim Hauptpavillon von einer eingestellten Badbox und einer Wand aus Sandwichpaneelen in eine Schlaf- und eine Wohnzone gegliedert wird. Der Ansatz, leichte, modulare Bauteile so zu fügen, dass sie schnell wieder demontierbar sind, ist überall ablesbar.

Neuanfang

Nachdem die Eltern von Richard Rogers gestorben waren, nutzte sein Sohn das Haus, bevor es 2013 verkauft werden sollte. Trotz einiger Interessenten entschied sich Rogers schließlich, das Gebäude der Harvard Graduate School of Design zu stiften. Sie hält jetzt im Hauptpavillon Seminare und andere Veranstaltungen ab, sodass das Baudenkmal in gewissem Umfang öffentlich zugänglich wird. Im Gästepavillon bringt die Hochschule für jeweils drei Monate Doktoranden unter, die sich im Rahmen eines Stipendiums mit architektonischen Fragen auseinandersetzen.

Philip Gumuchdjian, ein ehemaliger Kollege von Rogers, der 18 Jahre mit ihm zusammengearbeitet hat, erhielt den Auftrag für die Sanierung bzw. einen moderaten Umbau. Für die Stipendiaten ergänzte er die Gästezimmer mit je einem eigenen Bad, ansonsten führte er das Ensemble weitgehend auf den Zustand der 90er Jahre zurück. Denn damals war das Erscheinungsbild noch größtenteils unverfälscht; lediglich das Dach hatte man schon um eine zusätzliche Dämmschicht verstärkt – natürlich leicht vom Dachrand zurückversetzt, um die schlanke Kante zu bewahren. Innerhalb dieser Kubatur konnte Gumuchdjian heutige Wärmeschutzstandards leichter verwirklichen.

Letztlich wurden jedoch drei Viertel der Gebäudehülle ausgetauscht. Am Dach ersetzte man die vorhandene Dämmung durch hocheffiziente Vakuumisolationspaneele und brache eine neue Abdichtung auf, an der Fassade wichen die schwach gedämmten Sandwichelemente und im Innern die Haustechnik. Später eingefügte Trennwände wurden ebenso entfernt wie ein dritter Pavillon auf der Gartenrückseite, den Rogers‘ Sohn errichtet hatte.

Dem Wesen nach erhalten

Den umfangreichen Verlust originaler Bausubstanz, der den Grundsätzen der klassischen Denkmalpflege zuwiderläuft, erklärt Gumachdjian mit dem Hinweis, dass das Haus von Anfang an wandelbar gedacht war. Die Unterscheidung zwischen dem dauerhaften Stahlrahmentragwerk und den reversibel montierten Ausbaumodulen mit ihrer kürzeren Lebensdauer ist in der Tat ein Hauptcharakteristikum des Gebäudes. Diese Differenzierung war einer der Gründe, weshalb Rogers seinerzeit der Massivbauweise den Rücken kehrte, die er bei früheren Projekten noch angewandt hatte. Seine Begeisterung für neueste Baustoffe und Techniken mag auch rechtfertigen, dass man bei der Sanierung die ausgetauschte Substanz nicht durch gleichartige ersetzte, sondern meist auf Innovationen wie etwa die Vakuumisolationspaneele zugriff. Das Erscheinungsbild des Hauses wurde somit gewahrt, seine Materialität aber im Sinne seines Erbauers weiterentwickelt. Hochmodern präsentieren sich die neu geschaffenen Bäder, die mit weißem Mineralwerkstoff von HI-MACS ausgekleidet wurden. Da er ohne Fuge vom Boden in die Wand übergeht, unterstreicht er den Charakter einer kompakten Zelle. Gleichzeitig kennzeichnet er die Bäder als Kind unserer Zeit.

Wo immer sich die originale Bausubstanz erhalten ließ, wurde sie sorgfältig restauriert. Dies trifft auf die Stahlprofile der großen Glasfronten ebenso zu wie auf die seitlichen Türen und Bullaugenfenster, die geborgen und in die neuen Fassadenpaneele eingesetzt wurden. Auch die freistehende Küchenzeile und die raumhohen Schiebewände im Innern wurden aufgearbeitet, die alte Polyurethanbeschichtung der Böden gereinigt und gewachst.

Mit seiner poppigen Farbigkeit verbreitet das Interieur eine heitere Atmosphäre. Im gesamten Haus lässt sich nach wie vor der Geist der späten 60er Jahre ablesen, als Fortschrittsglaube und Technikbegeisterung noch ungebrochen waren. Le Corbusiers Konzept der »Wohnmaschine«, das er einige Jahre zuvor formuliert hatte, nimmt in Rogers‘ Haus mit seiner stählernen Industrie-Ästhetik erst so richtig Gestalt an. Wer eine Zeitreise unternehmen und der Aufbruchstimmung von damals nachspüren möchte, braucht sich nur um eines der sechs Forschungsstipendien zu bewerben, die jedes Jahr vergeben werden…


 

www.richardrogersfellowship.org

 

Mehr über Richard Rogers und seine Bauten:

Laudatio zur Verleihung des Pritzker-Preises

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