Reihenhaus in Zürich (CH)

Perfekte Unperfektion

Wie lässt sich ein beengtes Reihenhaus der frühen Nachkriegszeit an heutige Ansprüche anpassen? Die Architekten des Büros In Situ versuchen es mit einer Aufstockung, Bauteil-Recycling und dem beherzten Collagieren unterschiedlicher Zeitschichten.

Die in der unmittelbaren Nachkriegszeit ab 1945 entstandenen Wohnquartiere der Stadt Zürich folgten dem Leitbild der durchgrünten Gartenstadt. Zu den frühen Beispielen zählen die Siedlungen Triemli und Goldacker (1945-48) am westlichen Stadtrand – Zeilenbauten, die sich den Hang emporstaffeln. Etwas oberhalb entstanden 1949 zwei ebenfalls abgetreppte Zeilen mit fünf und sechs privaten, zweigeschossigen Reihenhäusern. Erschlossen werden sie durch schmale Wohnwege von der oberhalb verlaufenden Birmensdorferstraße, einer wichtigen Ausfallachse Zürichs.

Seit ihrer Entstehung vor 70 Jahren wurden die Bauten kaum verändert. Angesichts dieses Sanierungsstaus entschieden sich die Eigentümer eines der Häuser zu einer umfassenden Modernisierung und beauftragten damit das Architekturbüro In Situ, das sich intensiv mit Bestandstransformationen und Bauteilrecycling beschäftigt. Rentabel wurde der Umbau nicht zuletzt dadurch, dass die heutige Ausnützungsziffer ein zusätzliches Geschoss ermöglichte, durch das sich die Wohnfläche von 80 auf 120 m² vergrößern ließ. Für die Aufstockung bediente man sich vorgefertigter Holzelemente – dafür sprachen nicht nur Kriterien der Nachhaltigkeit, sondern auch die beschränkte Zugänglichkeit des Grundstücks, welche die Einrichtung einer Baustelle vor dem Haus ausschloss. Mit Hilfe eines 45m-Auslegerkrans wurden die Montagearbeiten auf einen Tag beschränkt.

Durch Öffnung der Küche zum Wohnzimmer hat sich das EG in ein Raumkontinuum verwandelt, Einbauschränke erlauben es, den vorhandenen Platz möglichst effizient auszunutzen. Auch im OG wurde durch Eliminierung einer Kammer Großzügigkeit erzielt. Deutlich zeigt der Umbau, dass die räumlich bescheidenen Grundrisse von Nachkriegs-Wohnbauten Potenzial besitzen, das sich auch heute aktivieren lässt.

Die Neukonzeption zeichnet sich durch eine gewisse Freude am Rohen aus. Die Betondecke im EG blieb unverputzt und ein eingezogener Stahlträger, der von einem anderen Bauprojekt übrig geblieben war, unverkleidet; Heizungsrohre verlaufen offen und Fehlstellen im Klinkerboden sind einfach mit Estrich aufgefüllt – wo immer möglich, wurden vorhandene Materialien ergänzt und aufgefrischt oder wiederverwendet, statt auf ein »perfektes« einheitliches Erscheinungsbild abzuzielen. Aufgrund der neuen Dämmung von Dach und Fassaden, letztere mit 20 cm dicken Holzfaserplatten, genügen für die Heizung des Hauses drei Radiatoren, die man ebenfalls vom Bestand wiederverwendete.

Dezent zeichnet sich das aufgesetzte Stockwerk an der insgesamt frisch verputzten Fassade ab, indem sich seine Besenstrich-Optik von der Abrieb-Oberfläche der beiden unteren Geschosse unterscheidet. So sensibel und intelligent sich der Umbau im Innern präsentiert: Die Wirkung des Gesamtensembles ist durch die Aufstockung und die graugrünliche Farbigkeit der Fassade stark verändert worden.

~Hubertus Adam


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