Reihenhaus in London (GB) von Bureau de Change

Tanzende Stufen

Im Stadtteil Hampstead bekam ein viktorianisches Reihenhaus einen Anbau, der die typische Londoner Backsteinarchitektur auf neue Weise interpretiert: Abbruchziegel wurden vor Ort wiederverwendet, aber zu einem skulpturalen Baukörper gefügt.

Architekten: Bureau de Change Architects
Tragwerksplaner: NOUS engineering

Text: Jürgen Tietz
Fotos: Ben Blossom

Sie gehören zu den begehrteren Wohngegenden der Stadt: Diese zauberhaften Straßenzüge im Norden Londons, in denen schmale viktorianische Reihenhäuser Seite an Seite stehen, begleitet von akkurat gestutzten Platanen. Hier, wo die typischen dreigeschossigen Fassaden aus gelb-braunen Ziegeln zu Hause sind, scheint das wilde Hochhaus-London aus Stahl und Glas, das sich derzeit in der City rasant emporschraubt, unendlich fern zu sein. Dabei ist es gerade einmal eine halbe Stunde Fahrt mit der U-Bahn entfernt. Zwar gibt es in der Reihenhausharmonie mal eine neue Gaube neben der eindrucksvollen Schornsteinlandschaft oder einen frisch gemauerten Pfeiler für die Gartenmauer. Doch die geschlossene Einheitlichkeit des Ensembles ist bis heute bewahrt. Kein grotesker Baumarkt-Individualismus stört sie.

In einem solchen Umfeld, in dem der Geist von John Ruskin, William Morris und Philip Webb noch lebendig zu sein scheint, präsentieren Katerina Dionysopoulou und Billy Mavropoulos vom Londoner Bureau de Change mit ihrem Projekt »Step-House« den kunstvollen Um- und Ausbau eines Reihenhauses für eine fünfköpfige Familie. Die beiden jungen griechischstämmigen Architekten, die u. a. bei Norman Foster Erfahrungen gesammelt haben, verfolgen einen ganzheitlichen Anspruch, der von der Architektur bis zur Produktgestaltung reicht. Sie gehören zu jenen handwerklich interessierten britischen Büros, die derzeit mit großer Leidenschaft den traditionellen Baustoff Ziegel neu für sich interpretieren. Diese coolen Brit-Bricks sind auch zentrales Leitmotiv ihrer Londoner Intervention. Deutlich wird das vor allem auf der Rückseite des insgesamt rund 350 m² großen Reihenhauses.

Mit Billy Mavropoulos stehe ich auf dem Kunstrasen des winzigen Gartens, der zu den Nachbarn sichtsicher ummauert ist, und schaue auf den namengebenden Anbau des Step-House aus Ziegel. Den zuvor vorhandenen Bauteil im Garten haben die Architekten teilweise abgetragen und die alten Ziegel wiederverwendet. Expressiv zur Seite und nach oben abgetreppt, schiebt sich der neue Anbau als wintergartenartiges Wohnzimmer aus dem Haus hervor. Das große Gartenfenster hat einen dunklen Aluminiumrahmen. Fast tänzerisch wirkt die Bewegung des neuen Baukörpers, eine kleine gebaute Skulptur. Einwände der Denkmalpflege gegen ihre Intervention habe es nicht gegeben, beruhigt mich Billy Mavropoulos auf meine schüchterne Nachfrage hin.

Der Anbau offenbart, was möglich wird, sobald Architektur jenseits ausgetretener Pfade konventioneller Stahl-Glas-Wintergärten wandelt. Zugleich dokumentiert die Intervention die Leidenschaft der Planer, vielschichtige Lösungen zu formulieren. So erweist sich ihr Umbau weder als komplette Neuerfindung ohne Bezug zum Vorhandenen, noch als ein übertriebenes Beharren auf dem Vorgefundenen. Vielmehr wandelt er so kunstvoll wie subtil auf dem schmalen Grat zwischen Bewahren und Verändern: Durch das Wiederverwenden der patinierten Ziegel korrespondiert der Anbau mit der Materialität des Bestands, ja wirkt beinahe wie ein integraler Teil davon; gleichzeitig jedoch kennzeichnet seine eigenwillige, als Backsteintreppe ausgebildete Dachfläche ihn als Kind unserer Tage.

Mehr Licht

Ein kleiner Lichthof, der von bodentiefen Fenstern eingefasst wird, schenkt dem ansonsten zur Dunkelheit verdammten Innern des 17 m tiefen EGs natürliches Licht und verbindet zugleich Ess- und Wohnzimmer optisch miteinander. Entstanden ist der charmante Patio durch den Verzicht auf den ursprünglichen, schlauchartig langen Zugang vom Haus in den Garten, der seitlich am alten Vorbau entlangführte. Stattdessen springt das Wohnzimmer nun bis auf die Grenze zum südlichen Nachbargrundstück. Das abgetreppte Ziegeldach moduliert dabei seine Höhe zum Nachbarhaus hinab. An der Rückseite des neuen Wohnzimmers haben die Architekten das Motiv der Ziegeltreppe in eine Kaskade von schwertschmalen Gläsern übersetzt, um dort keine geschlossene Ziegelwand entstehen zu lassen, die die lichte Transparenz im Innern des Hauses beeinträchtigt hätte.

Die übrigen Eingriffe in dem alten Haus, dessen verwohnten Zustand mir Billy Mavropoulos anhand einiger Fotos zeigt, erweisen sich im Vergleich dazu als weitaus weniger spektakulär, aber nicht minder stilsicher. Sie gewährleisten eine gute Nutzbarkeit des Hauses für die Familie. Der ehemalige Wohnraum zur Straßenfront, der gleich neben dem Eingangsflur liegt, wurde zur Küche umgewandelt und eine mächtige Mittelinsel eingefügt. Der Betonboden, der im Wohnzimmer dank der Politur einen Terrazzocharakter annimmt, ist hier matt. Die Wände sind in einem dunklen Grün gestrichen; very british. Die historischen Stuckaturen an der Decke sind erhalten geblieben. Bewusst haben die Architekten dort darauf verzichtet, alte Farbschichten zu entfernen, um so etwas von der Nutzung und Geschichte des Hauses zu bewahren, erzählt Billy Mavropoulos. In den oberen Etagen befinden sich Kinderzimmer und Elternschlafzimmer, das durch das Zusammenlegen zweier kleinerer Räume entstanden ist. Das neue gedeckte Dach ohne Gaube zum Garten und nur mit schrägem Dachfenster versehen, hält sich optisch zurück und lässt gleichwohl genügend Licht in das Gästezimmer. Von der großzügigen Terrasse im 2. OG bietet sich ein Blick in die Gärten der Nachbarn, aber v. a. auf das Backsteintreppendach des Anbaus mit der innenliegenden Entwässerung. Wie ein Mantel scheint sich die Ziegelskulptur um den Wohnraum zu schmiegen. Unter den Steinen befinden sich zwei Lagen Abdichtung. »Sicher ist sicher«, meint Billy Mavropoulos. Schließlich soll der legendäre Londoner Regen auf gar keinen Fall eine Chance bekommen, sich seinen Weg durch Mörtel und Ziegel zu bahnen.

Abgetreppt und abgetragen
Die Konstruktion des Anbaus im Detail

Text: Jürgen Tietz und Christian Schönwetter

Noch heute dürfte halb London aus tragenden Ziegelwänden bestehen. Doch wie verhält es sich damit im Fall des Step-House? Die beiden übereck stehenden massiven Backsteinfassaden, die bis heute das 1. OG des alten Gartenflügels prägen, finden seit dem Umbau keine Entsprechung mehr im darunterliegenden Geschoss. Die obere Etage scheint vielmehr über dem Wohnraum des EGs zu schweben – dort zeichnet sie sich als weiß verputztes Volumen ab, das schwerelos von oben in den Wohnraum zu hängen scheint. Wie ist das statisch möglich?

Die Lösung ist weniger Harry-Potter-like, sondern liegt in einer neuen Stahlkonstruktion, die die Architekten aufwendig in das Haus implantiert haben. Doppel-T-Träger fangen als Unterzug die Last des Altbaus ab, damit im EG ein stützenfreier Wohnraum entstehen konnte. Unter der Schmalseite des Gartenflügels spannt der Hauptträger von der nördlichen zur südlichen Grundstücksgrenzwand, wobei er im letzten Drittel nach unten abknickt und in jene getreppte Form übergeht, die das Dach des Anbaus kennzeichnet. Ein zweiter Stahlträger, unter der Längsfassade des Gartenflügels eingebaut, spannt vom Hauptträger bis zu zwei Stützen im EG, die unauffällig in die Alu-Glasfassade zum kleinen Patio integriert sind. Weil der Boden des 1. OGs von diesen beiden Trägern nach unten abgehängt ist, entsteht der Eindruck, das Geschoss würde frei im Raum schweben.

Auch das getreppte Dach des Anbaus scheint die Schwerkraft auszutricksen. In seiner Untersicht zeigt es Ziegel und wirft die Frage auf, wie die Steine befestigt sind, damit sie nicht herunterfallen. Die neue Backsteinkaskade entpuppt sich im Kern ebenfalls als Stahlkonstruktionen. Unter diese getreppte Stahlbasis ließen die Architekten eine geschraubte Holzkonstruktion sowie OSB-Platten setzen, die die Stufenbewegung vorgeben. Für die im Innern des Zimmers sichtbaren Backsteinstufen selbst wurden die alten Steine in eine L-Form aufgeschnitten, um schließlich auf – ebenfalls L-förmige – Trägerplatten aufgeklebt zu werden. Was massiv aussieht, ist also in Wirklichkeit eine Leichtbaukonstruktion. Lediglich die Backsteinmauer zum Nachbargrundstück wurde konventionell aufgemauert.

Das alles erweist sich als ein bemerkenswert hoher Aufwand für einen relativ kleinen Raumzuwachs. Er erforderte großes Engagement der Architekten auf der Baustelle bei den intensiven Gesprächen, die mit den Handwerkern für eine präzise Ausführung der Arbeiten vor Ort notwendig waren, berichtet Billy. Das Ergebnis entfaltet eine schöne baukünstlerische Raumwirkung, deren konstruktiver Kern sich freilich nicht auf den ersten Blick offenbart. Vielmehr entspricht das Gebäude einer Haltung, die schon Theo van Doesburg vor rund hundert Jahren formulierte: »Letzten Endes ist nur die Oberfläche für die Architektur entscheidend. Der Mensch lebt nicht in der Konstruktion, sondern in der Atmosphäre, welche durch die Oberflächen hervorgerufen wird.« [1]

[1] Aldo Camini, Theo van Doesburg, Farben in Raum und Zeit, in: Ákos Morawansky, Die Erneuerung der Baukunst – Wege zur Moderne in Mitteleuropa 1900-1940, Salzburg/Wien 1988, S. 199.

 


Standort: London (GB)
Bauherr: privat
Architekten: Bureau de Change Architects, London
Tragwerksplanung: NOUS engineering, London
BGF: 350 m²

Beteiligte Firmen:
Boden Küche: floored genius, Barry (GB), www.flooredgenius.com
Holzboden Essen: tuttoparquet, London, www.tuttoparquet.co.uk
Boden Erweiterung: The CONCRETE Flooring CONTRACTORS, North Weald (GB), www.theconcreteflooring.com
Verglasung (Glastüren und Glasschwerter): Sunvista, Compass Glass, London, www.compassglass.co.uk
Pendelleuchte Küche: Poly Pop Birdy, HOLLOWAYS OF LUDLOW, London, www.hollowaysofludlow.com
Fliesen Bad: BERT & MAY, London, www.bertandmay.com
Armaturen Bad: VADO, Cheddar (GB), www.vado.com
Sanitäreinrichtung: LAUFEN, Laufen (CH), www.laufen.com
Spülbecken Küche: OLiF, Surrey (GB), www.olif.co.uk
Fliesen Terrasse: Craven Dunnill, Bridgnorth (GB), www.cravendunnill.co.uk


Bureau de Change Architects
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Katerina Dionysopoulou

Architekturstudium an der Bartlett School of Architecture in London. Mitarbeit bei Foster + Partners und Heatherwick Studio. Seit 2012 gemeinsames Büro mit Billy Mavropoulos.

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Billy Mavropoulos

Architekturstudium am Royal College of Art. Mitarbeit bei Foster + Partners. Selbstständige Beratertätigkeit in Designfragen für die Tate Modern, Tate Britain und das Kaufhaus Selfridges. Seit 2012 gemeinsames Büro mit Katerina Dionysopoulou.


Über den Autor Jürgen Tietz

Studium der Kunstgeschichte, Promotion. Arbeitet in Berlin als freiberuflicher Autor und Kurator zu den Themen Architektur und Denkmalpflege. Regelmäßige Veröffentlichungen, u. a. in der Neuen Zürcher Zeitung und zahlreichen Fachzeitschriften.