Reihenhaus in Stuttgart von AMUNT

Potenzial Hanglage

In Stuttgart haben AMUNT ein altes Reihenhaus umgebaut: Während die Fassaden wegen Ensembleschutz weitgehend unberührt bleiben mussten, sorgen Deckendurchbrüche im Innern für mehr Großzügigkeit und verbessern den Bezug zum Garten in Hanglage.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Ein typisches Reihenhaus der 30er Jahre, im Innern ursprünglich kleinteilig und eng. Der Umbau zeigt nicht nur, wie in einer gegebenen Hülle eine großzügigere, komplexere Raumwirkung entstehen kann, sondern auch, wie sich in Hanglage der Bezug zum Garten verbessern lässt. Die beschränkte Grundfläche wurde mit platzsparenden Einbaumöbeln optimal genutzt.

Architekten: AMUNT NagelTheissen Architekten und Designer
Tragwerksplanung: Reinhard Kaltenbach

Text: Martin Höchst
Fotos: Brigida González

Im Stuttgarter Osten finden sich zahlreiche Arbeitersiedlungen aus der Gründerzeit bis in die Weimarer Republik. Von einer Reihenhauszeile der 30er Jahre, im Krieg teilweise beschädigt und in den 50ern wiederaufgebaut, hatte eine Familie mit zwei Kindern das Endhaus erworben. Auf einer Grundfläche von ca. 7 x 7 m streckt es sich über vier Geschosse in die Höhe, erschlossen von Norden. Einziges Manko: Es erhebt sich auf abschüssigem Gelände, sodass der Garten im Süden nur über eine steile Kellertreppe und die niedrige Waschküche im Hanggeschoss zu erreichen war. Weil die Zeile unter Ensembleschutz steht, schied der Anbau von Balkonen oder einer großzügigen Freitreppe aus. AMUNT NagelTheissen organisierten stattdessen das Innere des Hauses neu und bezogen das tiefer gelegene Stockwerk in den Wohnbereich mit ein. Von außen sieht das Gebäude so bescheiden aus wie zuvor, doch hinter der Eingangstür entfaltet es jetzt eine überraschende Wirkung.

Unmittelbar nach dem Eintritt zieht ein innenliegendes Fenster den Blick auf sich und lässt staunen: Der doppelthohe Raum dahinter öffnet sich nach unten, sodass die Fensteröffnungen gleich zweier Etagen auf der ganzen Hausbreite im Süden überreichlich Tageslicht einfallen lassen. Sie gewähren ganz unterschiedliche Aussichten auf den kleinen Hausgarten, aber auch in die weitere Umgebung. Indem rund zwei Drittel der Schlackebetondecke zwischen EG und Hanggeschoss sowie die meisten Innenwände entfernt wurden, entstand aus der vormals kleinteiligen Zimmerstruktur ein großer »Allraum« auf zwei Ebenen. Abgetrennt sind lediglich zwei WCs, Abstellkammern sowie die erhaltene Kellertreppe zwischen den beiden Stockwerken.

Innere Größe

Entlang des freigelegten ehemaligen Deckenauflagers wurde ein Ringanker eingebaut. Er sichert die Standfestigkeit der nun doppelt hohen Außenwände und überbrückt als plastisch wirksamer Sichtbetonfries den Versatz zwischen der dicken Außenwand des unteren Geschosses und der dünneren des EGs. Darüber hinaus dient er auch als sauberer Abschluss der erhaltenen, größtenteils unebenen verputzten Wandoberflächen. Auf diesem raumprägenden horizontalen Bauteil ruht eine Art Betonbrücke, auf der ein luftiger Wohnbereich Platz findet. Um eine Stufe erhöht, setzt er sich subtil von der Eingangszone ab. Der Stahlbeton ist roh belassen, der bauliche Eingriff bleibt ablesbar. Lediglich die Oberseite der Plattform wurde abgeschliffen, was ihr eine terrazzoähnliche Anmutung gibt. Der freundliche Grünton des gitterförmigen Geländers zu beiden Seiten bringt etwas Farbe in den Raum, der sonst vom Grau des Betons und vom Weiß des Putzes geprägt wird.

Vorbei an einem kleinen offenen Arbeitsplatz zwischen Wohnbrücke und Haustrennwand führt der Weg hinab zum Hanggeschoss. Statt über die enge und dunkle Bestandstreppe, die der Familie mittlerweile als Schuhkammer dient, begeht man eine Art hölzernes Treppenmöbel. Der Raum unter den Stufen dient als Küchenschrank und ergänzt die im Zentrum des Stockwerks angeordnete, ebenfalls hölzern gefasste Kochinsel. Eine bequeme überlange Sitzbank lädt dazu ein, den überaus großzügigen Raumeindruck mit Blick in den Garten zu genießen, wenn man nicht gleich durch die neue Fensterschiebetür hinaus auf die Terrasse tritt.

Das Äußere des Hauses erfuhr nur wenige unauffällige Veränderungen: Die Putzflächen erhielten einen neuen Anstrich in einem dezenten Rosaton, die alten Fenster wurden durch grau lasierte Holzfenster ersetzt, die Öffnungen im Hanggeschoss etwas vergrößert, die Dachgauben – wie die Dachflächen – neu gedämmt. Das versteckte Potenzial des Hauses wurde v. a. im Innern aktiviert, der schlummernde bauliche Schatz mit einer angemessen unaufgeregten Gestaltungssprache zum Glänzen gebracht – mehr Sein als Schein im Reihenhaus.

~gekürzte Fassung aus db 10/2017


Standort: Stuttgart
Bauherr: privat
Architekten: AMUNT NagelTheissen, Stuttgart
Tragwerksplanung: Reinhard Kaltenbach, Holzgerlingen
BGF: 325 m², Wohnfläche: 149 m²
Baukosten: 280000 Euro (KG 200-700, inkl. MwSt.; KG 300+400: 230 000 Euro)Bauzeit: Juni 2016 bis Februar 2017

Beteiligte Firmen:
Treppenbau: Zimmerermeister Wilhelm Seeger, Ammerbuch-Entringen
Tischlerarbeiten: Rapp Möbel, Haigerloch, www.das-schreinermobil.de
Betonschleifarbeiten: FK Fußbodentechnik Klingenstein, Plüderhausen, www.fussbodentechnik-klingenstein.de
Fensterbau: Fensterbau Schmid, Vöhringen, www.schmidfenster.de
Farbbeschichtung Treppen, Türen, Holzböden: Friedrich Klumpp, Stuttgart, www.klumpp-coatings.de
Oberflächenbehandlung Möbel/Treppe: (LEINOS Hartwachsöl 290, weiß) Reincke Naturfarben, Buxtehude, www.leinos.de
Akustik-Vorsatzschale: (Silentboard GKF) Knauf Gips, Iphofen, www.knauf.de


AMUNT NagelTheissen Architekten und Designer

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Sonja Nagel

1996-2002 Architektur- und Designstudium an der Kunstakademie Stuttgart, anschließend freiberufliche Tätigkeit. 2004 Bürogründung mit Jan Theissen. 2015-16 Vertretungsprofessur an der PBSA Düsseldorf.

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Jan Theissen

Produktdesign-Studium in Saarbrücken, 2000-03 Architekturstudium an der Kunstakademie Stuttgart. 2004 Bürogründung. 2016-17 Vertretungsprofessur an der PBSA Düsseldorf.