Wie David Chipperfield Architects die Neue Nationalgalerie in Berlin sanieren

Operation am offenen Denkmal

Wie kann man einen ikonenhaften Ausstellungsbau subtil an heutige Anforderungen anpassen? Wo lässt sich bei einem Denkmal, das in wesentlichen Teilen nur aus Stahl und Glas besteht, beispielsweise neue Technik verstecken? Und was kostet das Ganze? In Berlin wurde das Sanierungskonzept für Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie vorgestellt.

{Text: Falk Jaeger

Als Quintessenz seines gesamten Schaffens wurde die Neue Nationalgalerie in Berlin tituliert: In der Tat schien Mies van der Rohe an diesem seinem Spätwerk seine »less is more«-Philosophie nochmals in aller Konsequenz verwirklicht zu haben. Und mit dieser Konsequenz mussten die Nutzer, die Museumsdirektoren und Kuratoren seit der Eröffnung des emblematischen Bauwerks im Jahr 1968 leben. »Als Museum völlig ungeeignet«, so beurteilen viele den Bau noch heute und meinen damit vor allem den gläsernen Musentempel des Obergeschosses, während das Sockelgeschoss mit seinen leidlich konventionellen Ausstellungsräumen ein »normales« Arbeiten erlaube. Dennoch ließen sich so manche Kuratoren durch die vermeintlich »unbrauchbare« Glashalle zu epochalen Ausstellungsinstallationen anspornen.

Nun ist das international bedeutendste Bauwerk Berlins in die Jahre gekommen und bedarf einer grundlegenden Sanierung (s. auch db 09/2012, S. 10-11). Und nun fühlen sich von Mies van der Rohes Haut-und-Knochen-Architektur die Architekten des Sanierungsprojekts gefordert. Ertüchtigung der Baukonstruktion, neue Haustechnik, energetische Optimierung, zeitgemäße Museumsinfrastruktur, all dies ist Programm, aber wohin damit? »In dem Mies-Bau kann man sich nicht verstecken«, sagt David Chipperfield, der sich als Architekt mit Projekten wie Rockbund Shanghai oder Neues Museum Berlin in Sachen Denkmalpflege als so kreativ wie verantwortungsbewusst ausgewiesen hat.  Zusammen mit seinem Berliner Team konnte er sich in einem zweistufigen VOF-Verfahren unter 24 Bewerbern für die Aufgabe durchsetzen. Dass das Baudenkmal von besonderer Bedeutung nach Abschluss der Arbeiten unter möglichst weitgehender Beibehaltung der Bausubstanz ohne sichtbare Veränderungen vor Augen stehen soll, versteht sich. So tun sich denn zwei unterschiedliche Aktionsfelder auf: Die Halle wird 1:1 saniert. Dagegen finden notwendige räumliche Veränderungen im Verborgenen, im Sockelgeschoss und im Untergrund, statt.

Ein Mies-Denkmal gibt es nicht zum Schnäppchenpreis
Nach einer letzten Ausstellung, der Installation »Sticks & Stones« von David Chipperfield und einem achttägigen Musikspektakel der Elektroband »Kraftwerk« ziehen nun die Kunstwerke und die Mitarbeiter aus und der Rückbau auf den Rohbau beginnt. Wie selten in der Denkmalpflege ist das Objekt sehr gut dokumentiert, existieren sämtliche Entwurfs- und Ausführungspläne sowie die technischen Unterlagen aus der Bauzeit. Diesbezüglich ist man also optimal informiert. Unliebsame Überraschungen können natürlich hinter den Wandverkleidungen und im Untergrund lauern. Aber man hat den Bau sehr sorgfältig untersucht, hat, soweit es bei laufendem Betrieb möglich war, den Bauzustand analysiert, Fenster geöffnet, Proben genommen und darauf aufbauend ein Sanierungskonzept erarbeitet. Die Arbeiten sollen 101,276 Millionen Euro kosten und im Jahr 2020 abgeschlossen sein, weiß man nun eindrucksvoll genau. Kein Schnäppchen also, dabei ist eine Risikozulage noch gar nicht eingepreist. Risikokosten wurden zwar ermittelt, sind in der genehmigten Summe aber noch nicht enthalten. Falls das Projekt im Lauf der Bauarbeiten teurer wird, müssen die Geldgeber, in diesem Fall der Bund, weitere Haushaltsmittel einstellen – ein allzu bekanntes Schema. Noch ist man jedoch optimistisch, mit der genehmigten Bausumme auszukommen, da der Bau als gut durchschaubar gilt und teure Planänderungen nicht absehbar sind.

Größere Scheiben für den Glastempel
Das Sanierungskonzept der Glashalle hört sich einfach an: Die Stahlkonstruktion wird aufgearbeitet, eine neue Dachhaut samt Wärmedämmung wird aufgebracht und die Scheiben werden ersetzt. Doch gerade die Verglasung bereitet Kopfzerbrechen. Bauzeitliche Gussglasscheiben waren ohnehin kaum mehr vorhanden. Viele waren wegen fehlender Dehnungsspielräume gesprungen. Die mit 12 mm Stärke allzu unterdimensionierten Großformate hatte man daher im Laufe der Jahre durch halb so große Scheiben und mit unschöner Verbindungsfuge ersetzt. Nun werden wieder ungeteilte Scheiben aus Verbundsicherheitsglas eingebaut, für die allerdings wegen der Überbreite von 3,46 m weltweit nur ein einziger Hersteller gefunden werden konnte. Dass er in China ansässig ist, macht die Angelegenheit nicht eben preiswerter. Neu sind pro Seite drei Pfosten mit versteckten Dehnungsfugen.
Nach der Sanierung werden bei der Glashalle einschließlich der Dach- und Deckenuntersichten Abweichungen vom bauzeitlichen Urzustand nur mit fachkundigem Auge zu entdecken sein. Das gilt auch für die einzige bauliche Änderung auf dieser Ebene: Ein Personenaufzug zur barrierefreien Erschließung des Sockelgeschosses fand in einem Putzraum im nördlichen der beiden Garderobeneinbauten Platz (im entsprechenden spiegelsymmetrisch südlich gelegenen Raum befand sich bereits ein Lastenaufzug).

Mehr Raum im Steinsockel
Alle wesentlichen, funktional bedingten Umbauten betreffen das ausladende Sockelgeschoss des Gebäudes, in dem sich die eigentlichen Ausstellungsräume, Depots, Werkstätten und die Verwaltung befinden. An seiner Westseite erhält es über einen als Skulpturengarten genutzten Tiefhof Tageslicht.
Der Sockel besteht aus einer Ortbetonkonstruktion, die zum Teil schwer geschädigt ist und zur Sanierung offen gelegt wird. Dabei muss auch die Außenhaut vollständig abgenommen werden, eine der ersten Natursteinvorhangfassaden. Von den 4 cm starken Granitplatten sind 15 % beschädigt und werden nach Möglichkeit genadelt und verklebt. Für originalgetreuen Ersatz steht Material aus dem ursprünglichen schlesischen Steinbruch zur Verfügung. Auch die Bodenplatten werden demontiert, eingelagert und aufgearbeitet, ebenso die Decken, die Wandverkleidungen und Türen sowie die Leuchten und anderen Ausstattungselemente.
Danach wird die Haustechnik erneuert bis hin zu den undichten Grundleitungen, wofür aufwändige lokale Grundwasserabsenkungen notwendig werden. Die Technikzentrale liegt in einem drei mal neun Achsen großen Untergeschoss und reicht beiderseits der Mittelhalle in das Sockelgeschoss hinauf, ist also in diesen drei mal drei Achsen messenden Technikkernen zweigeschossig. Zwei Schächte für Luftführung und Installationen führen von diesen beiden Technikkernen aus durch die Glashalle bis hinauf in den Dachraum. Heutige Haustechnik ist zwar kompakter als jene zur Bauzeit. Die voluminösen Aggregate, die den heutigen Anforderungen an Luftgüte und Energieeffizienz genügen, sind jedoch im zur Verfügung stehenden Raum nicht einfach unterzubringen. Am Ende der beiden Luftkanäle, die von der Technikzentrale unter dem Gebäude hindurch bis zum westlich anschließenden Parkplatz führen, werden zwei Einlassbauwerke notwendig, um die Lufteinlässe auf die vorschriftsmäßige Höhe über Niveau zu bringen.
Mies van der Rohe hatte vom Foyer im Sockelgeschoss aus einen Rundgang um die beiden Technikkerne vorgesehen. Zwischenzeitlich war der Rundgang durch den nachträglichen Einbau von Garderoben unterbrochen worden (Mies´ Garderoben in der Haupthalle hatten nie ausgereicht). Durch Umwidmung der Depoträume beiderseits des Foyers wird jetzt Platz geschaffen für die Garderoben, aber auch für den Museumsshop, für den bislang im Foyer unter der Treppe eine Ecke abgeteilt war – brandschutztechnisch ein unhaltbarer Zustand. Ersatzdepotraum entsteht in einer Erweiterung des Sockelgeschosses unterhalb des Vorplatzes an der Ostseite Richtung Potsdamer Straße. Hier werden auch neue Technikräume angefügt, sodass im Sockelgeschoss weiterer Platz frei wird, etwa für den Packraum unmittelbar an der LKW-Rampe und für die Behandlung der Kunstwerke im Leihverkehr.

Moderne Museumsräume vs. originalgetreuer Denkmalerhalt
Während die Behandlung der sakrosankten Halle unstrittig ist, entwickelten sich während der Konzeption und Planung Diskussionen um den Umgang mit dem Sockelgeschoss, das sich die Museumsleute für einen zeitgemäßen Museumsbetrieb ertüchtigt wünschen. Sie haben mit der elitären Kunstvorstellung der 50er Jahre, der das Haus verpflichtet ist, ihre Probleme. Viel Holz, Teppichboden mit Fußleisten und Raufasertapeten erzeugten eine gedämpfte, gesetzte Stimmung, die dem damaligen bildungsbeflissenen, bürgerlichen Publikum entsprochen habe, aber heutiger Kunstrezeption des Massenpublikums nicht angemessen sei. Denkmalpfleger und Architekten denken allerdings in historischen Dimensionen. Sie haben den Teppichboden durchgesetzt. Die Raufasertapeten weichen jedoch einem Glattputz.
Architekt Chipperfield hält sich mit eigenen gestalterischen Aussagen ohnehin zurück. Die neu zu gestaltenden Publikumsräume erhalten den gleichen Granitboden und die Eichenfurnierwände wie der Bestand. Verzichtet wird zugunsten von mehr Raumhöhe nur auf die Rasterdecke unter den Stahlbetonkassetten des Bestands – so wird dezent deutlich werden, dass hier ein Eingriff erfolgt ist.
Im Endeffekt wird man nach der Sanierung neben der technischen und konstruktiven Ertüchtigung mehr Ausstellungsfläche, mehr und besser organisierten Serviceraum für den Publikumsbereich und funktionale Verbesserungen für den Museumsbetrieb auf der Habenseite verbuchen können. Aber auch Denkmalpuristen und eingefleischte Mies-Anhänger können zufrieden sein, werden doch der Erhaltung von Originalsubstanz sowie der Beibehaltung oder gar Wiedergewinnung der ursprünglichen architektonischen Idee höchste Priorität eingeräumt.