Arno Brandlhubers »Antivilla« in Potsdam fertiggestellt

Nicht bewundern, nutzen!

Das Umbaukonzept für eine ehemalige Textilfabrik machte schon im Planungsstadium Furore: 2012 wurde es auf der Architekturbiennale im deutschen Pavillon ausgestellt. Nun lässt sich überprüfen, ob das fertige Gebäude hält, was die Pläne damals versprachen. Der Jury des Deutschen Architekturpreises war es immerhin eine Anerkennung wert.

Warum eigentlich? Wie schon im Galerie- und Ateliergebäude in der Brunnenstraße geben sich die Journalisten und Fernsehteams nun in Arno Brandlhubers »Antivilla« in Potsdam-Krampnitz die Klinke in die Hand (Google Earth 52,4582 13,0563). Das ruppige graue Ferienhaus wird bestimmt keinen Schönheitswettbewerb gewinnen und ist von den Nachbarn aus ihren ländlichen Einfamilienhäusern anfangs argwöhnisch beäugt worden. Es ist nicht da, um bewundert, sondern um benutzt zu werden, könnte man mit Naum Gabo sagen.

Vor der Wende war es ein kleiner Zweigbetrieb des »VEB Obertrikotagen Ernst Lück« aus Wittstock (der durch den Filmzyklus von Volker Koepp Bekanntheit erlangte). Rechts die Näherei wird gerade zum Wohnhaus umgebaut, links das Verwaltungs- und Lagergebäude hatte sich der Berliner Architekt Brandlhuber vorgenommen – auf seine eigene Art. Nach reichlich verworrener Treuhand-Veräußerungsgeschichte hatte er das Haus auf Abbruch erwerben können. Drei Einfamilienhäuser mit je 100 m² Wohnfläche waren auf dem Grundstück am Lehnitzsee genehmigungsfähig. Er entschied sich jedoch, das zweigeschossige Gebäude mit 500 m² beizubehalten und umzubauen.

Was die Medien und die Fachwelt an ihm fasziniert, ist seine unkonventionelle und doch reflektierte Position und Vorgehensweise. Da ist, zunächst nicht ungewöhnlich, sein ökologischer Ansatz. In Krampnitz zum Beispiel gab es den Bestand, den er als Rohbau verwenden konnte. Wozu ein Gebäude, in dem so viel graue Energie steckt, mit weiterer Energie abreißen und mit noch mehr Energie ein neues bauen? Brandlhuber ersetzte das Wellasbest-Satteldach durch ein flaches Dach aus wasserdichtem Beton, ganz simpel, ohne weitere Dachdeckung. Zwei Grad Neigung genügen, und das Wasser fließt zur Südwestecke, wo es über einen zweieinhalb Meter langen Wasserspeier abgeleitet wird. Wenn die Glashaube über der Treppe zur Seite gefahren ist, gelangt man über eine »Himmelstreppe« auf die Dachterrasse mit fantastischer Rundumsicht.

Und da ist sein gesellschaftlicher Ansatz. Das Haus hat eine Geschichte. Die ehemalige Werksleiterin wohnt in der Nachbarschaft, auch viele Näherinnen und andere Mitarbeiter. Brandlhuber tat nicht das Naheliegende, nämlich alles schön verblenden, anmalen, behübschen, ein »neues« Gebäude daraus machen, was den Sehgewohnheiten und Erwartungen der meisten Menschen entspräche. Er nimmt an, was er vorgefunden hat, beschäftigt sich mit dem Bestand, mit der Geschichte des Ortes und tritt in einen Dialog ein. Der typische grobe, grau geschlämmte DDR-Putz beispielsweise bleibt erhalten. Aber Brandlhuber treibt sein Spiel damit: Die Platte der Klingel- und Briefkastenanlage ist der Abguss einer Partie des Putzes in Aluminium und flächengleich in die Wand gesetzt. Auf den Klingelschildern ist »Lager, Verwaltung etc.« zu lesen, als wäre der Betrieb noch im Gang.

Und Brandlhuber hat eine andere, sagen wir unübliche Auffassung von Ästhetik. Es gibt keine gestalterischen Setzungen, er lässt die Dinge sich entwickeln. Die Schönheit liegt im Entstehungsprozess. Zum Beispiel hatte das Haus viele kleine Fenster, weil es von einem Ausbildungsbetrieb gebaut wurde und jeder Lehrling ein Fenster zu mauern hatte. Um die großartige Aussicht nach Norden zum Wald und nach Süden über den See zu öffnen, lud Brandlhuber seine Freude zur Hammerparty. Die roh ausgebrochenen Öffnungen der »Panoramafenster« wurden fixiert und verglast, fertig. Sichtbeton ist für ihn Standard bei Wänden, Decken, Fußboden, weil einfach und preiswert. »Gemütlich bin ich selbst«, um Karl Kraus zu zitieren.

Baurechtlich handelt es sich um ein Atelierhaus, Wohnkomfort ist nicht vorgesehen, das Gebäude ist nicht gedämmt. Farbe kommt durch die Kunst ins Haus, ein grünlich glitzernder Fels von Anselm Reyle, ein aus alten Tonbändern zusammengeklebter »Parkettboden« von Gregor Hildebrandt, Arbeiten von Karin Sander und Björn Dahlem. Letzterer hat das Atelier im Erdgeschoss bezogen. Brandlhuber nutzt die Sommerwohnung im Obergeschoss. Viel Raum fließt üppig um den Betonkern mit Küchenzeile, Bad und Sauna. Ein dünner Seidenvorhang mäandriert durch den Raum, umrundet die Schlafinsel und grenzt 50 m² Innenraum ab, die sich dann mittels Kamin gut heizen lassen, denn für die Gesamtfläche reicht die Geothermieheizung an extrem kalten Tagen nicht aus.

Die vielgefragte Nachhaltigkeit lässt sich effektiver nicht erreichen, doch in diesem Fall geht sie mit einem eigenen Lebensstil, einem intensiven Raum- und Naturerlebnis und einem avantgardistischen Ästhetikverständnis einher. Und das ist es, dem die Besucher und Journalisten nachspüren.

~Falk Jaeger