Suchtklinik in Tübingen

Neuanfang

Die Architekten Danner Yildiz erschufen mit viel Feingefühl aus drei Baudenkmalen und drei neuen Gebäuden ein harmonisches Ensemble. Um dabei eine fast verfallene Scheune zu retten, setzten sie auf durchgefärbten Sichtbeton und ein Haus im Haus.

Eine schmale Waldstraße führt zum Bläsiberg, dem neuen Ort für die Fachklinik Drogenhilfe in Tübingen. Erst ganz oben öffnet sich das Gelände und der Blick kann über Bäume und Felder schweifen. Zwei Neubauten bilden einen schmalen Durchgang zu einem hofartigen Ensemble, umschließen einen Freiraum und laden gleichzeitig ein, den Platz zu betreten. Obwohl der Kontrast zwischen den Alt- und Neubauten kaum größer sein kann, bilden sie doch eine verblüffende Einheit. Dabei versuchten die Architekten nicht, den Bestand zu imitieren. Sie setzten die neuen Gebäude bewusst in Form und Material dem Vorhandenen entgegen. Ihr Ziel war es, die Altbauten auch in all ihrer Vergänglichkeit zu erhalten. Dies zeigt sich in besonderer Weise an der alten Scheune. Sie war über lange Jahre des Leerstands auf der unteren Hangseite abgerutscht, an vielen Stellen fehlten die Ausfachungen. Die Planer hoben die Scheune wieder an und unterfingen das Tragwerk mit einer Wand aus eingefärbtem Sichtbeton, der den Farbton der vorhandenen Bruchsteinmauer aufgreift. Das restliche Mauerwerk sicherten sie gegen den weiteren Verfall und dichteten mit Putz die größten Löcher. Alles andere blieb, wie es war: verwittertes Fachwerk, klapprige Scheunentore. Im Innern errichteten sie nach dem Haus-im-Haus-Prinzip einen einfachen Holzbau, der Schreinerei und Schlosserei für die Klinik beherbergt. Die Fuge zwischen der alten Scheunenhülle und dem neu eingestellten Baukörper ist deutlich spürbar, aber vor allem nachts, wenn das Licht durch die Löcher im Fachwerk fällt, wird sie sichtbar.

Auch das 500 Jahre alte ehemalige Herrenhaus wurde saniert und bietet nun Platz für einige Patientenzimmer und Gemeinschaftsräume. Notwendige Einbauten – Trennwände und WC-Module – wurden so eingebaut, dass sie jederzeit ohne Schaden an der Substanz zu verursachen, wieder entfernt werden können. Im früheren Stallgebäude befinden sich nun Verwaltung und Patientenaufnahme der Klinik.

Diese drei Bestandsbauten bildeten bisher einen kleinen offenen Hof. Er wurde nun durch die hinzugekommenen Neubauten vergrößert und ein wenig abgeschirmt. Überall finden sich Sitzgelegenheiten, verschieden Rückzugsorte und Bereiche zur Begegnung.

Die neuen Bettenhäuser wurden in modularer Holztafelbauweise errichtet. Bei beiden setzt sich die Klarheit der kubischen Formen in der schlichten Verkleidung aus Holzlatten fort. Eine Verwitterung über die Jahre ist gewollt. Einzige farbige Akzente bilden die Eingangstüren, die in Anspielung auf das benachbarte Obstgut in Apfelgrün gehalten sind. Der dritte Teil der Neubauten ist wie ein großes Schaufenster zwischen Bettenhaus und alter Scheune angeordnet und bietet Platz für den Speisesaal der Klinik. Durch die großzügigen Fenster kann man das sich anschließende Tal der Steinlach überschauen.

~Petra Bohnenberger