Siemens-Zweigniederlassung in Saarbrücken

Wenn Ordnung in Unordnung gerät

Ein renommierter Vertreter der deutschen Nachkriegsmoderne droht in Vergessenheit zu geraten: Peter C. von Seidleins Werk schmilzt immer stärker zusammen. Nachdem in Tübingen ein anspruchsvolles Laborgebäude abgerissen wurde, ist nun auch noch seine Siemens-Verwaltung in Saarbrücken dem Verfall preisgegeben.

Text: Ulrich Pantle

Die Lammellenstoren hängen schräg herab und die gläserne Erdgeschossfassade ist mit Blechen verbarrikadiert – das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Siemens-Zweigstelle in Saarbrücken gibt heute ein jämmerliches Bild ab. Vor wenigen Jahren hat die Siemens AG ihre Niederlassung in der Innenstadt zugunsten eines architektonisch bedeutungslosen Neubaus am Stadtrand verlassen, nachdem sie es zuvor an eine irische Fonds-Gesellschaft verkauft hatte. Die scheint sich nicht um das Bauwerk zu kümmern. Schwach zeichnet sich noch am Dachrand der Schriftzug des einstigen Eigentümers auf der Fassade ab. Seinen früheren architektonischen Anspruch versteht er offensichtlich nicht mehr als Teil seiner Corporate Identity.
1961 war dies noch anders. Damals lobte der Konzern einen Wettbewerb aus, um eine »bestmögliche städtebauliche, architektonische und betriebstechnische Lösung« [1] für die Niederlassung im prosperierenden Saarland zu finden. Im März 1962 ging der Münchner Architekt Peter C. von Seidlein als Sieger aus dem Verfahren hervor. Sein Entwurf ist stark von Mies van der Rohe geprägt, bei dem er während eines einjährigen Stipendiums am IIT in Chicago tätig war. Der Einfluss zeigt sich etwa in der fein ausgewogenen Komposition der Gesamtanlage, zu der neben dem sechsgeschossigen Hauptgebäude auch eingeschossige Nebenbauten gehören, aber auch in der Fassadenkonstruktion mit der typischen »Mies-Ecke« sowie in der grundlegenden orthogonalen Ordnungsstruktur.
Aus den USA brachte von Seidlein auch die Idee des Großraumbüros mit. Der Bauherr, der wie zahlreiche andere Firmen in Deutschland bis dahin keines seiner Verwaltungsgebäude mit derartigen Arbeitsräumen ausgeführt hatte, prüfte die vorge- schlagene Typologie hinsichtlich Funktionalität, Wirtschaftlichkeit, Belichtung, Akustik und »architektonischer Erscheinung« und kam zum positiven Urteil, den Neubau als Testgebäude zu verstehen, um dem Konzern »neue Erkenntnisse und Aufschlüsse für weitere Bürohausplanungen« [2] zu bringen. Die Innovationsfreude mündete in der für den Architekten vorteilhaften Empfehlung, »weder die erforderliche Zeit für Vorstudien, Entwurfsarbeit und Bauvorbereitung gewaltsam abzukürzen, noch durch übergroße Einsparungsbemühungen die Qualität des Ausbaus zu gefährden« [3].
Obgleich im weiteren Planungsprozess zwischen Bauherr und Planer mitunter sehr kontrovers um Dinge gerungen wurde, konnte von Seidlein seinen Wettbewerbsentwurf bis 1966 im Wesentlichen umsetzen. Mit besonderem Anspruch plante er die Fassade, von der zur Bemusterung eigens ein aufwendiges Mock-up mit kleinen Detailvarianten gebaut wurde. Die heute noch gut erhaltene Pfosten-Riegel-Konstruktion aus dunkel eloxiertem Aluminium sollte großformatige Glasscheiben aufnehmen, die nach damaligen Bestimmungen keine Zulassung hatten. Um dennoch die angestrebte hohe Transparenz des Gebäudes zu erreichen, wollte der Architekt unbedingt Glasteilungen oder zusätzliche Absturzsicherungen vermeiden, was durch einen Belastungsversuch im eingebauten Zustand erreicht werden konnte.
Sowohl im Grundrisstyp als auch in der Fassadenkonstruktion war das Bauwerk also sehr fortschrittlich – wesentliche Kriterien, die dazu beitrugen, dass es heute unter Denkmalschutz steht. Wie stehen nun die Chancen, das leerstehende Gebäude neu zu nutzen?
Dadurch, dass der Entwurf unter der Hochhausgrenze blieb, reichte damals ein einziges Treppenhaus als Fluchtweg aus. Dies ist heute nicht mehr zulässig und erfordert den Einbau eines zweiten Fluchtweges. Als weitere Herausforderung gilt die energetische Ertüchtigung der Fassade. Entwürfe von Masterstudierenden der Schule für Architektur Saar an der HTW des Saarlandes im letzten Jahr haben deutlich gemacht, dass alternative Nutzungen unter Berücksichtigung der erforderlichen baulichen Maßnahmen durchaus möglich sind. Allerdings scheinen sich die notwendigen Investitionen nur schwerlich zu amortisieren, wie eine weitere Studienarbeit im Fach Europäisches Baumanagement aufzeigt, die jedoch eine mögliche Nachverdichtung des Areals nicht erschöpfend berücksichtigt hat. Insofern bleibt zu hoffen, dass dieses Ensemble einen Investor mit baukulturellen Ambitionen findet. Einen Bauherrn, der wie einst, die architektonischen Qualitäten des Gebäudes zu schätzen weiß. •
[1] Wettbewerbsauslobung vom August 1961; Archiv PCvS; 5. Bauherr/ZTB Erlangen
[2] Thormann: Großraum-Bürohaus für ZN Saarbrücken, vom 10.9.1962; Archiv PCvS; 5. Bauherr/ZTB Erlangen
[3] ebenda