Gutbrods Deutsche Botschaft in Wien bedroht

Unnötiger Abriss

Plötzlicher Sinneswandel: Noch 2007 lobte man nach einem Gutachten, das sich für den Erhalt des Botschaftsensembles aussprach, einen Wettbewerb für die Sanierung aus – doch inzwischen möchte das Auswärtige Amt den Bau abreißen lassen.

Text: Ursula Baus

Im Reigen der Bauten, mit denen sich die junge Bundesrepublik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in der internationalen Staatengemeinschaft repräsentieren musste und wollte, spielt die Botschaft im Wiener Diplomatenviertel eine herausragende Rolle. Nach einem Wettbewerb zum Neubau im 3. Wiener Bezirk im Jahr 1959 wurde Rolf Gutbrod mit dem Bau beauftragt, der hier – wie schon bei seiner berühmten Liederhalle in Stuttgart – mit dem Künstler Blasius Spreng zusammenarbeitete. 1965 fand die Eröffnung statt.
Anfang der 90er Jahre war die Residenz bereits in eine Stadtvilla verlegt worden, um im Gutbrod-Bau weitere Büros für die nach der Wende gewachsene Bundesrepublik unterzubringen. 2007-08 organisierte das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung einen Realisierungswettbewerb für die Sanierung des Botschaftsgebäudes, die vier Jahrzehnte nach der Einweihung anstand. Von Gutbrods Architektur sollte so viel wie möglich erhalten werden. Neun Arbeitsgemeinschaften von Architekten, Landschaftsarchitekten und Ingenieuren nahmen teil, gewonnen hatten gildehaus. reich architekten und weimar architects, Weimar; Dane Landschaftsarchitekten, Weimar; HKL Ingenieurgesellschaft, Erfurt – mit einem behutsamen Konzept voller Respekt für die vorhandene Bausubstanz.
Vor diesem Hintergrund ist schwer nachzuvollziehen, wieso das Auswärtige Amt nun den Gutbrod-Bau ganz abbrechen will. Abriss, neuer Wettbewerb und Neubau werden gewiss nicht billiger als eine Sanierung des Bestands – zumal in der Baubranche inzwischen erhebliche Erfahrung mit den zeittypischen Sanierungsproblemen der frühen 60er Jahre gesammelt worden ist. Unsere Anfrage zu den Abrissgerüchten beantwortete eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes: »Es ist beabsichtigt, das Gebäudeensemble der Deutschen Botschaft in Wien abzureißen. Das Gebäudeensemble steht nicht unter Denkmalschutz«. Aus dem Auswärtigen Amt heißt es außerdem: »Eine Generalsanierung scheidet aus, da dies unwirtschaftlich wäre«.
Beide Gründe sind nicht zwingend stichhaltig, wie der Sanierungswettbewerb vor wenigen Jahren belegte. So kann nur vermutet werden, dass dem Auswärtigen Amt das ästhetische Erscheinungsbild des Nachkriegsgebäudes nicht mehr genehm ist. Das lässt sich umso weniger begreifen, als gerade ein Botschaftsensemble als Dokument der politischen Repräsentationsgeschichte einen besonderen Erhaltungswert hat.
Auch innerhalb des Werks von Rolf Gutbrod gehört das Ensemble zu den Höhepunkten. Klaus Jan Philipp, Leiter des Instituts für Architekturgeschichte der Universität Stuttgart, kam 2007 zu dem Schluss: »Das Antroposophisch-Ganzheitliche seiner Architektur findet in der Wiener Botschaft, die er selbst zu seinen Hauptwerken zählte, einen der Bauaufgabe adäquaten Ausdruck. Wie ein Spiegelbild der späten Adenauer-Zeit repräsentiert sich hier die BRD als ein demokratischer Staat, dessen Selbstverständnis zwischen Tradition und Moderne, zwischen Bewahren und Aufbruch oszilliert. Ich empfehle daher den Erhalt des Ensembles der Deutschen Botschaft Wien. Insbesondere sind die Fassaden der Residenz und der Kanzleigebäude unbedingt erhaltenswert, da sonst die ausponderierte Gestalt des Baus verloren ginge. Die Foyerbereiche im EG und im 1. OG der Residenz sollten in ihrer Gestalt erhalten werden, ebenso der Konferenz- und der Festsaal sowie die repräsentativen Zimmer mit ihren raumhohen Türen und den Wandpaneelen im 1. OG. Die bereits vollzogene Umnutzung der ehemaligen Botschafterwohnung einschließlich der Gästezimmer kann beibehalten werden, da sie keine Auswirkung auf die Fassaden des Baus hat. Beim Wohnhaus sollte berücksichtigt werden, dass es als integraler Baustein der Gesamtkomposition eine besondere Bedeutung hat.« [1]
Bleibt zu hoffen, dass sich im Auswärtigen Amt und / oder im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit doch noch Unterstützung für den Erhalt bzw. den behutsamen Umbau der Deutschen Botschaft in Wien findet. Barbara Hendricks, zuständige Ministerin im – zugegeben sehr komplexen – Ministerium könnte als promovierte Historikerin aufgeschlossen für die baugeschichtliche Bedeutung des Gutbrod-Ensembles sein. •
[1] Philipp, Klaus Jan, Gutachterliche Stellungnahme zum Bau der Deutschen Botschaft in Wien von Rolf Gutbrod, Hamburg 2007