Peter Behrens´ Gut Hohenlanke bei Neustrelitz

Überformt und verfremdet

Mit einem eigenen Wohnhaus beginnt nicht nur das gebaute Œuvre von Peter Behrens, sondern endet es auch. 1931 entwarf er eine in die Landschaft ausgreifende Gutsanlage auf einer Anhöhe am Zierker See. Sie zeigte eine bislang kaum beachtete Facette seines Schaffens: eine organische Architekturauffassung. Durch starke bauliche Veränderungen ist die ursprüngliche Konzeption heute jedoch kaum noch zu erkennen.

{Text: Carsten Krohn

»Es hat nichts mit dem ominösen Begriff der Villa zu tun«, [1] sagte Behrens über das Gebäude, das er für sich selbst schuf. Er entwickelte einen Komplex von Baukörpern, die entlang der Höhenlinien des Geländes unterschiedliche Räume ausbilden. Während der Wirtschaftsflügel, der Stall und die Scheune einen Hof umschließen, wird mit dem Garten im Norden ein weiterer geschützter Bereich geschaffen. In beiden Fällen umgreift eine gebogene Mauer mit der Geste eines ausgestreckten Armes den Raum. Die als eine sanfte S-Kurve ausgreifende Wand, die im Grundriss wie eine frei platzierte Form erscheint, ergab sich allerdings aus der bestehenden Vegetation. Marion Herzog-Hoinkis, die als Kind in dem Haus lebte, erinnert sich, dass an dieser Stelle eine 100-jährige Eiche stand. Es gab keine begrenzenden Zäune, sodass die Anlage mit der Landschaft verschmilzt.
»Der Hügel, von Kiefern umstanden, die durch ihr freies Gedeihen wie Pinien wuchsen, würde ein weißes Haus tragen, das sich auf dem Berge niedergelassen hätte wie ein Schwan.« [2] So formulierte Behrens seine Vision, doch hatte er mit dem Projekt wenig Glück. Zwar wurde ihm am 28. Januar 1933 der Bauerlaubnisschein ausgestellt, doch erhielt er später ein Schreiben des Stadtrats, in dem die »internationale Form« der Architektur als »undeutsch« kritisiert wurde. Man verlangte Satteldächer. [3] Obwohl er den Bau dennoch nach dem ursprünglichen Plan realisieren konnte, verkaufte Behrens das Anwesen nach der Fertigstellung.
»Das Haus steht auf einem Sockel von Findlingsteinen, die aus dem eigenen Gelände hervorkamen«, erklärte der Architekt. »Teilweise zeigt sich dieses Gefüge wie an den abschüssigen Stellen und am Garagebau als Mauern. Im übrigen sind die Gebäude errichtet mit Hohlziegelsteinen, die weiß getüncht wurden und oben verschalt sind mit horizontal gelegten Schwartenbrettern. Diese wurden nicht gestrichen oder geölt, sondern roh belassen, damit sie durch das Wetter die silbergraue Patina erhalten konnten, die uns ja von den Häusern in den Bergen in der Erinnerung ist.« [4]
Heute ist die für die architektonische Wirkung wichtige Holzverschalung verloren. Ebenso die ursprüngliche Farbgebung: Marion Herzog-Hoinkis erinnert sich an eine reine schneeweiße Farbe der Wände, während inzwischen grauer Putz die Fassaden kennzeichnet. Mittlerweile wurden Fenster zugemauert und neue hineingebrochen, und auch die in die Landschaft ausgreifenden Mauern und die Pergola sind nicht mehr vorhanden. Einige Bauteile wurden abgerissen und neue Gebäudeflügel hinzugebaut.
Grundlegend war die Organisation der Innenräume in ihrer Beziehung zum Außenraum. Behrens stellte fest: »Die Räume, auch der große Innenraum, haben nur geringe Höhe, aber die Türen sind hoch und gehen bis an die Decke und heben sich durch ihr dunkles Holz ab von den hellen Wänden. Als Fenster dienen bis auf den Boden verglaste Türen, die auf die Terrassen führen. Sie befinden sich nicht in der Mitte der Wand, sondern in den Ecken des Raumes, so dass die berankten und bewachsenen Mauern des Gartens sich gleichsam fortsetzen in den Innenraum hinein, in dem das Grün der Pflanzen wiederaufgenommen ist. So gelingt es, die umgebende Natur in Beziehung zum Raum zu bringen, mehr noch, sie in ihn hereinzuziehen, so dass wir fast das Gefühl gewinnen, auch im Hause selbst im Freien zu sein.« [5]
Den Baustil hatte Behrens im Laufe seines Lebens häufig geändert – vom Jugendstil über den Klassizismus zum Expressionismus –, und selbst die Nähe zum Neuen Bauen, die sich am Haus Lewin von 1929-30 deutlich zeigt, scheint nun überwunden. Während Mies van der Rohe auf der Berliner Bauausstellung 1931 ein Haus mit langen Wänden präsentierte, die in die Landschaft ausgreifen, zeigte Behrens dort einen kreisförmigen Bau mit einem runden Oberlicht und runden Anbauten. Bei seinem eigenen Haus schuf er eine Synthese. Es sollte ein »Musterbeispiel der biologisch-dynamischen« [6] Bewirtschaftung werden und repräsentiert das bisher übersehene organische Werk von Peter Behrens. •
Literatur und Quellen:
[1] Behrens, Peter, Ein Hof vor der Stadt, in: Die Dame, Heft 10, 1936, S. 11. Zu Hohenlanke s. auch: Krawietz, Georg, Peter Behrens im Dritten Reich, Weimar, 1995, S. 17-23. Ich danke ihm für ein Foto des Grundrisses, auf dem meine Rekonstruktionszeichnung basiert.
[2] Behrens, Peter, Haus, in dem das Glück wohnt, in: Berliner Lokal-Anzeiger, 01.01.1932
[3] Vgl. Schreiben vom 17.11.1933, in der Bauakte, Stadtarchiv Neustrelitz
[4] Behrens, Peter, Ein Hof vor der Stadt, in: Die Dame, Heft 10, 1936, S. 50
[5] Ebda
[6] Peter Behrens in einem Brief an den Bürgermeister von Neustrelitz vom 14.September 1934, Bauakte
  • 1 Immergrüner Garten
  • 2 Herrenzimmer
  • 3 Damenzimmer
  • 4 Haupteingang
  • 5 Wirtschaftshof
  • 6 Garage
  • 7 Stall
  • 8 Scheune