Tafelsilber in die Tonne

Pforzheim will Technisches Rathaus abreißen

Kaum eine deutsche Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört wie Pforzheim. Deshalb spielt die Architektur des Wiederaufbaus dort eine besondere Rolle. Nun soll ausgerechnet eines der herausragenden Beispiele weichen, um einem Shopping Center Platz zu machen.

Text: Christian Schönwetter

Pforzheim, Dresden, Hamburg. So lautet die die traurige Reihenfolge der vom Krieg am härtesten getroffenen Städte Deutschlands. Pforzheim verlor im Bombenhagel über 80 % seiner Gebäude im Zentrum, was sich bis heute im Stadtbild niederschlägt: Statt auf historisierende Rekonstruktion setzte man nach dem Krieg auf einen Wiederaufbau in moderner Gestalt, sodass die Stadt wie wenige andere von der Architektur der 50er Jahre geprägt ist. Seit einiger Zeit nutzt man diese Besonderheit auch offensiv als Teil des Stadtmarketings, hat etwa eine Broschüre mit den besten Bauten der Wirtschafswunderzeit herausgegeben. Und selbst im Masterplan für die künftige Stadtentwicklung, der vor zwei Jahren mit aufwendiger Bürgerbeteiligung erarbeitet wurde, heißt es: »Pforzheim bewahrt sein architektonisches Erbe und legt Wert auf hohe Qualität bei Planung und Gestaltung der Stadt«.
Mit dem Erbe meint es die Spitze der Stadtverwaltung inzwischen allerdings nicht mehr sonderlich ernst. Sie möchte das Technische Rathaus abreißen, um Platz für ein Shopping Center zu gewinnen. Ausgerechnet das Technische Rathaus! Es gehört zu den besten 50er-Jahre-Bauten der Stadt und steht aus guten Gründen unter Denkmalschutz. Der Architekt Hans Schürle hatte 1957 ein Gebäude ganz auf der Höhe der Zeit geschaffen; fein proportionierte Fassaden und ein elegantes Flugdach verleihen ihm die typische Leichtigkeit jener Jahre. Trümmersplitt, der sichtbar in die Betonbrüstungen unter den Fenstern eingearbeitet wurde, verweist auf Vorbilder wie die Bauten Auguste Perrets in Le Havre. Das Tragwerk aus außenliegenden Stützen, die für Flexibilität im Inneren sorgen, war seinerzeit noch eine konstruktive Besonderheit. Als Schaltzentrale für den Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt besitzt das Technische Rathaus zudem heimatgeschichtliche Bedeutung. Und weil es seit Jahren nicht saniert wurde, ist es bis ins Detail noch weitgehend unverfälscht erhalten.
Doch Oberbürgermeister, Baubürgermeister und der Leiter des Stadtplanungsamts sind der Ansicht, dass das Gebäude einem Neuanfang im östlichen Teil der Innenstadt im Weg stehe. Weil dieser seit einigen Jahren schwach frequentiert ist, möchten sie ihn mit neuen Handelsflächen beleben, die auf dem großen Parkplatz hinter dem Technischen Rathaus entstehen sollen, der zudem von einer Überbauung stadträumlich profitieren würde. So weit, so nachvollziehbar. Weil allerdings potenzielle Investoren eines Shopping Centers monierten, das Technische Rathaus blockiere die Anbindung des Centers an die Fußgängerzone, plädiert die Verwaltungsspitze nun für einen Abriss des denkmalgeschützten Bauwerks. Eine Sanierung sei ohnehin unwirtschaftlich und für einen Umbau als Teil des Centers eigne sich das Gebäude wegen seiner niedrigen Geschosshöhen nicht.
Vielleicht hätten die Herren einmal nach München fahren sollen. Dort hätten sie an den »Fünf Höfen« von Herzog und de Meuron studieren können, wie sich vorhandene Gebäude harmonisch in eine moderne Einkaufspassage integrieren lassen. In Innsbruck hätte sie David Chipperfields Center »Tyrol« gelehrt, dass dabei selbst ein historisches Bürgerhaus mit bescheidenen Raumhöhen kein Problem sein muss. Und Dominique Perraults »Rathausgalerie«, ebenfalls in Innsbruck, beweist seit über zehn Jahren, dass nicht jede Mall auf voller Breite an die Fußgängerzone grenzen muss, sondern dass auch ein Durchgang durch ein Rathaus hindurch ausreicht, um Käufer in die Tiefe eines Grundstücks zu locken.
Völlig absurd wirkt der geplante Abriss des Technischen Rathauses, wenn man weiß, dass die Stadt direkt auf der anderen, der nördlichen Straßenseite bereits Grundstücke aufgekauft hat, die sich noch erheblich nachverdichten lassen. Dort könnten anstelle der nicht denkmalgeschützten Punkthäuser durch Erweiterung nach Süden Gebäude mit ausreichend Handelsflächen entstehen. Nicht zuletzt würde sich die Stadt mit einem Abbruch auch ihrer Autorität als untere Denkmalschutzbehörde berauben: Wie will sie je wieder einen privaten Bauherrn zum sorgsamen Umgang mit seinem Denkmal anhalten, wenn sie ihre eigenen geschützten Bauten dem Erdboden gleichmacht?
Nachdem die Bürgermeister im Gemeinderat mit ihren Abrissplänen auf Gegenwind stießen, schlagen sie nun vor, in der Ausschreibung des anstehenden Investorenauswahlverfahrens beide Möglichkeiten – mit und ohne Erhalt des Technischen Rathauses – aufzunehmen. Damit bleibt die Zukunft des geschichtsträchtigen Bauwerks jedoch weiterhin ungewiss.
Man kann von Glück sagen, dass diese Verwaltungsspitze nicht etwa in Berlin oder München am Werk ist. Mit ihrer Argumentation, das Gebäude stünde neuen Handelsimmobilien in der Innenstadt im Weg, würde sie wohl auch das Rote Rathaus oder das Pendant am Münchner Marienplatz zur Disposition stellen. Mit dem möglichen Abbruch des Technischen Rathauses ist die Stadt Pforzheim jedenfalls auf dem besten Weg, ihr Tafelsilber in der Mülltonne zu entsorgen. •