St.-Maximilian-Kolbe-Kirche in Hamburg

Hoffen auf ein Wunder

Die katholische St.-Maximilian-Kolbe-Kirche in Hamburg-Wilhelmsburg ist einer der bedeutendsten deutschen Sakralbauten der 1970er Jahre. Das hindert die Gemeinde nicht, das denkmalgeschützte Gebäude für eine Erweiterung des benachbarten Seniorenheims abzureißen.

{Text: Claas Gefroi

Der Eindruck ist verheerend: Eben noch wirbt die Internationale Bauausstellung in Hamburg-Wilhelmsburg in Worten und Projekten für nachhaltige Stadtplanung und Bürgerbeteiligung und nun – kurz nach dem Ende der IBA – scheint all das bereits vergessen. Eines der markantesten Bauwerke im Stadtteil, die katholische St.-Maximilian-Kolbe-Kirche, steht wohl vor dem raschen Abriss. Offiziell begründet die Gemeinde das Vorhaben damit, dass sie die für eine Sanierung notwendigen 400 000 Euro nicht aufbringen könne, womit aus ihrer Sicht die wirtschaftliche Unzumutbarkeit der Erhaltung belegt ist. Relativ rasch wurde in der Lokalpresse jedoch das eigentliche Motiv für die Abrisspläne kolportiert: Das benachbarte Alten- und Pflegeheim, bisher von der Gemeinde selbst betrieben, soll an einen anderen Träger verkauft werden, der es auf dem Grundstück der Kirche erweitern könnte. Käme es so, würde ein wichtiges Zeugnis des Sakralbaus der Nachkriegsjahrzehnte vernichtet.
Als 1962 die Dämme auf der Hamburger Elbinsel brachen, ertranken in Wilhelmsburg nicht nur Hunderte Menschen; es wurden auch zahllose Wohngebäude zerstört. Als Ersatz entstanden in den folgenden Jahren neue Wohnsiedlungen, in denen auch Kirchen für die Anwohner errichtet wurden. Zu den Alt-Wilhelmsburgern zogen auch zahlreiche Einwanderer aus katholischen Ländern Südeuropas, weshalb die katholische Kirche ein neues Zentrum mit Gottes- und Gemeindehaus, Pfarrwohnung sowie Alten- und Pflegeheim plante. 1972-74 schließlich errichtete der Bremerhavener Architekten Jo Filke die Kirche, die nach dem Pater Maximilian Kolbe, den die Nazis in Auschwitz ermordet hatten, benannt wurde. Sie gehört zu den originellsten und bedeutendsten Sakralbauten ihrer Zeit.
Das Äußere wird geprägt von einer roh belassenen Betonwand, die sich wie ein Schneckenhaus in einer Spiralbewegung von außen nach innen emporschraubt. Einerseits verbindet die Kirche so in symbolischer Form die Erde mit dem Himmelreich, andererseits bildet die weithin sichtbare, prägnante Großform einen wichtigen Bezugspunkt in der heterogenen Bebauung des östlichen Wilhelmsburg. Auch das weitgehend im Originalzustand befindliche Innere ist ein eindrucksvolles Dokument des Sakralbaus der 70er Jahre. Die mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) eingeleiteten Reformen zu einer Öffnung der Kirche, einer Mitverantwortung der Gläubigen und einem neuen, dialogorientierten Stil der Verkündigung finden hier ihren baulichen Widerhall: Der zentralisierte Saal mit seiner halbkreisförmigen Bestuhlung und einem fast nahtlosen Übergang zwischen Altar- und Gemeinderaum schafft eine äußerst intime, konzentrierte Atmosphäre und fördert die Nähe zwischen Priester und Kirchenvolk. Die äußere runde Betonwand geht – begleitet von einer ansteigenden Decke – in die enge Spirale des Turms über, um schlussendlich in einem Oberlicht auszulaufen. Die Öffnung leitet, gemeinsam mit einigen Fensterschlitzen, natürliches Licht in den ansonsten geschlossenen Baukörper. Unterhalb des Oberlichts wurde in diese Betonröhre ein Kreuz modelliert, das auf drei Säulen ruht.
Es ist diese meisterhafte Art und Weise, wie hier mit Beton eine ausdrucksvolle Bauskulptur geschaffen wurde, die St. Maximilian Kolbe zu einem wichtigen Relikt der Architektur der späten 60er und frühen 70er Jahre in Deutschland macht. Der Stil des Brutalismus, dessen Zeugnisse hierzulande häufig geschmäht und bereits größtenteils abgerissen oder entstellt wurden, findet in dieser Kirche zu höchstem Ausdruck und kunstvoller Form. Dass sie ausgerechnet jetzt, wo die Architektur dieser Dekaden v. a. von Jüngeren wiederentdeckt wird, aus rein wirtschaftlichen Erwägungen vernichtet werden soll, bleibt unbegreiflich. Denkmalschützern, Architekten und Bürgern, die sich für den Erhalt einsetzen, bleibt somit nur das, was sonst Gläubigen vorbehalten ist: das Hoffen auf ein Wunder. •