Renovierungsaktion in München

Affenzirkus

In kaum einer deutschen Stadt ist Wohnraum so knapp wie in München. Die städtische Verwaltung ist sich des Problems bewusst, scheint allerdings ihre eigenen Bestandsgebäude zu vergessen: In einigen zentral gelegenen Bauten stehen Wohnungen schon seit mehreren Jahren leer. Mit einer »Gorilla- Aktion« nahm sich eine Initiative nun des Problems an und zeigte auf, wie sich binnen kurzer Zeit äußerst preiswerter Wohnraum bereitstellen lässt.

{Text: Claudia Hildner

Auf sie mit Gebrüll! Eine Horde Gorillas – oder besser, Aktivisten mit Gorillamasken – stürmt eine heruntergekommene Wohnung in der Münchner Innenstadt und legt dort Hand an. Das Video, das die mit Brass-Musik der Band »Moop Mama« unterlegte Renovierung eines Apartments in der Müllerstraße 6 zeigt, heimste auf YouTube über 150 000 Klicks ein und wurde von den lokalen Medien begeistert aufgenommen – auch, weil am Ende die Affenmasken fallen und Münchner Prominente wie Mehmet Scholl, Marcus H. Rosenmüller und Dieter Hildebrandt zum Vorschein kommen.
Einige der bekannten Helfer »werkelten« tatsächlich selbst mit – den größten Teil der Arbeit aber übernahm die Initiative »Goldgrund Immobilienorganisation« und ihre Unterstützer, die sogenannte »Goldgrund Family«. In zehn Tagen befreiten sie die Wohnung von offensichtlichen Schäden und Mängeln: Die Küche wurde ausgetauscht, das Bad modernisiert, der alte Bodenbelag durch Parkett ersetzt, die Holzfenster und -türen abgeschliffen und lackiert, die gesamte Wohnung gestrichen und mit Stücken von Ebay und Ikea neu möbliert. Ein Materialbudget von 3 000 Euro reichte aus, um aus einer Bruchbude ein wohnliches Apartment zu zaubern.
»Hier renovieren wir für die Stadt München!« stand auf dem Plakat zu lesen, das während der »Gorilla-Aktion« außen am Gebäude prangte. Denn das Haus in der Müllerstraße 6 gehört – ebenso wie die beiden Nachbargebäude in der Müllerstraße 2 und 4 – der Stadt München. Die Lage ist fantastisch: Die Häuser stehen im beliebten Gärtnerplatzviertel, zur Schrannenhalle am Münchner Viktualienmarkt sind es nur wenige Schritte. Dass die Bauten dennoch seit vielen Jahren nicht instand gesetzt wurden und einige Wohnungen sogar schon seit 15 Jahren leerstehen, erscheint daher abstrus.
Der Initiative, hinter der sich u. a. die Münchner Lach- und Schießgesellschaft verbirgt, ging es mit ihrer Aktion nicht ums »Aufhübschen«: Sie wehrt sich damit gegen aktuelle Überlegungen der Stadt, das gesamte Areal – zu dem neben den Gebäuden auch ein intensiv genutzter Bolzplatz gehört – nach jahrelangem Zaudern und zwischenzeitlichen Verkaufsabsichten abzureißen und neu bebauen zu lassen. Im Ergebnis stünden dann zwar einige wenige städtische Wohnungen mehr zur Verfügung, doch erst in ein paar Jahren und durch einen finanziellen Einsatz, der höhere Mieten wahrscheinlich macht.
Sind die Häuser – wie es ein Statement der Stadt nahelegt – denn wirklich »unrenovierbar«? Gibt es ein Gutachten, das dies belegt? Da die Goldgrund Family auf diese Fragen keine zufriedenstellenden Antworten bekam, schickte sie selbst Fachleute an den Start, die Teile des Ensembles untersuchten. Im Mittelpunkt stand dabei das Gebäude in der Müllerstraße 6: Ein sechsstöckiger Bau aus den späten 1950er Jahren mit einem ungewöhnlich hohen, verglasten Ladengeschoss, der einen markanten städtebaulichen Bezugspunkt an der Kreuzung Müller-/Cornelius- straße bildet.
Der für das Gebäude ausgestellte Energieausweis belegt, dass es mit einem jährlichen Endenergiebedarf von etwa 184,4 kWh/m²a deutlich weniger verbraucht als andere unsanierte Mehrfamilienhäuser, bei denen man im Durchschnitt mit 240 kWh/m²a rechnet. Zudem wurde auf der Grundlage des Energiepasses ein Sanierungskonzept inklusive Kostenschätzung erstellt, das nahelegt, dass das Haus mit etwa 500 000 Euro innerhalb eines halben Jahres komplett instand gesetzt werden könnte. Abriss und Neubau hingegen würden voraussichtlich mit mindestens der fünffachen Summe zu Buche schlagen und – wer die bisherige Dauer der Vorplanungen betrachtet, wird daran nicht zweifeln – deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Im Moment werden von der Stadt verschiedene Alternativen zur Neubebauung geprüft, im Herbst soll dann die Entscheidung für einen Vorentwurf fallen. Der Erhalt eines oder mehrerer Bauten war dabei bis vor kurzem noch keine Option. Durch das Engagement der Goldgrund Family wird nun zumindest in Erwägung gezogen, das Gebäude in der Müllerstraße 6 zu erhalten. Das wäre nicht nur im Hinblick auf die »Graue Energie«, die im Bestand steckt, sinnvoll – auch die Münchner Wohnungssuchenden wären dankbar, schnell und kostengünstig Wohnräume zur Verfügung gestellt zu bekommen. •
weitere Informationen unter www.goldgrund.org
»… München ist schön, wenn du reich bist und Geld hast, geil. Doch such‘ ’ne Wohnung als alleinerziehender Elternteil – hm! Münchner brauchen Münchner Wohnungen und die müssen erschwinglich sein, drum dieser Antrag mit einiger Dringlichkeit …«
(Zitat aus einem Song der Band »Moop Mama«, links ein Foto aus dem dazugehörigen Renovierungsvideo)

München, Essay (S. 106)
Claudia Hildner
1979 in München geboren. 1999-2005 Architekturstudium an der TU München und der Universität von Tokio. 2001-04 Mitarbeit an der studentischen Architekturzeitschrift »archifant«. Redaktionspraktika bei der db und bei design report. Volontariat bei Baumeister, seit 2007 freie journalistische Tätigkeit für verschiedene Architekturzeitschriften und -verlage.