Mehrfamilienhaus in Basel (CH)

Behutsam und radikal zugleich

Der Kontrast zwischen der gründerzeitlichen Straßenfassade und dem Innern des Wohnhauses könnte größer kaum sein. Außen Stuck und Fensterläden, innen ein wuchtiges Betontragwerk. Dennoch zeigt dieser Umbau den Respekt der Architekten vor dem Bestand.

Wenige Schritte außerhalb der Basler Altstadt steht ein kleines Wohnhaus aus dem Baujahr 1879; mit seiner Gründerstilfassade, zwei Wohngeschossen und einem Mansardendach ist es ein typischer Vertreter seiner Zeit. Die solide Bausubstanz und der einfache Grundriss haben ihre Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Bedürfnisse jahrzehntelang immer wieder unter Beweis gestellt. So auch beim kürzlich vollendeten Umbau durch Anja Beer und David Merz. Mit wenigen Eingriffen und viel Feingefühl haben die Architekten in dem Haus zwei Maisonettewohnungen geschaffen, indem sie es um ein weiteres Dachgeschoss ergänzten und zwei neue interne Verbindungstreppen einbauten.

Obwohl das Haus nicht denkmalgeschützt ist, erachteten die Architekten seine Struktur, seine Materialisierung und nicht zuletzt die Erscheinung im Straßenbild als erhaltenswert. Entsprechend zurückhaltend gibt sich das neue Geschoss von außen: Es erweitert das bestehende Mansardendach nach oben, knickt leicht nach hinten weg und wirkt dadurch ganz selbstverständlich. Einzig die schwach geneigten, polygonalen Schleppgauben verweisen auf das Neue. Die hofseitige Fassade wird gestaffelt durch zwei bestehende Anbauten älteren Datums und eine neue Terrasse im obersten Geschoss. Hier bleiben die einzelnen Bauetappen deutlich sichtbar und fügen sich doch zu einem harmonischen Ganzen.

Im Inneren hingegen haben die Architekten sich dafür entschieden, den Bestand zwar respektvoll, aber durchaus selbstbewusst auf eigenständige und v. a. deutlich ablesbare Art zu ergänzen. Was sie sich darunter vorstellen, demonstrieren sie eindrücklich bereits mit der Wohnungstür im Hochparterre, einer einflügeligen und außermittig gelagerten Wendetüre. Geschosshoch und raumbreit markiert sie klar den Beginn von etwas Neuem. Ihre Oberfläche zeigt eine Struktur aus aneinandergeleimten, senkrechten Holzbrettern – grünlich-silbern schimmernd sieht sie im ersten Moment wie lasierter Beton aus. Ihn finden wir im Innern der Wohnung, dort, wo durch das Entfernen der Wand zum hofseitigen Anbau von 1946 ein großzügiger Wohn- und Essbereich entstanden ist. Ein neuer imposanter Unterzug aus brettgeschaltem Sichtbeton fängt die Last der darüberliegenden Fassade ab, leitet sie über einen sich nach unten verjüngenden Wandpfeiler weiter und gliedert den Raum in zwei Zonen. Alle weiteren Einbauten wie Trennwände, neue Türen oder Wandschränke sind wie die Eingangstür aus Ein- oder Dreischichtplatten aus Tanne oder Fichte gefertigt. Sie zeigen konsequenterweise dieselbe betonähnliche Oberfläche, die durch einen mit Silberpigmenten angereicherten Holzschutzanstrich im Farbton Olive-Esche erreicht wurde.

~Jolanthe Kugler