Markthalle in Schiltigheim (F)

Kunst und Käse

Mit einer ungewöhnlichen Mischung versucht die elsässische Kleinstadt Schiltigheim, ihr Zentrum zu beleben: Sie hat eine ehemalige Schnapsbrennerei zu einer Markt- und Kunsthalle umgebaut. Vertragen sich die beiden unterschiedlichen Nutzungen miteinander?

Architekten: dominique coulon & associés, Straßburg
Tragwerksplanung: Batiserf Ingénierie, Fontaine

Text: Ursula Baus
Fotos: Eugeni Pons

Mit rund 32000 Einwohnern ist Schiltigheim, nördlich von Straßburg gelegen, zwar eine eigenständige Stadt, aber in der Agglomeration kaum als solche erfassbar. Bekannt für eine Bierbrauerei, die heute zum Heineken-Konzern gehört, erlebte Schiltigheim im 19. Jahrhundert einen Industrialisierungsschub, aber die beiden Weltkriege hinterließen – wie andernorts in dieser Grenzregion auch – immense Verwüstungen. Von Straßburg aus nach Norden führen heute die A4, mehrere Landesstraßen sowie die Eisenbahn durch Schiltigheim. In einem Zwickel zwischen diesen Verkehrsschneisen und dem Rhein hat die Kommune in den letzten Jahren vieles versucht, um die weit zurückreichende Stadtgeschichte bis hin zur aktuellen Urbanität zu einem attraktiven Wohnumfeld zu entwickeln.

Einige Monate ist es jetzt her, dass dabei in einem zentral gelegenen Fachwerk-Quartier ein bis ins Jahr 1685 zurückreichendes Ensemble zu einem Handelsstandort umgebaut wurde. Idyllisch zwar, aber teils stark heruntergekommen sah es hier zuvor aus. Drei Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert und eine Halle sind nun im Zuge eines Wettbewerbs zu einem Einkaufs- und Kulturquartier mit Wohn- und Verwaltungsflächen wiederbelebt worden, es trägt den Namen »Les Halles du Scilt«.

Der zweistöckige, basilikale Hauptbau war ursprünglich ein Bauernhof, im späten 19. Jahrhundert diente er als Schnapsbrennerei. Anschließend kam hier eine Metzgerei-Kooperative unter, bis die Gemeinde 1989 in dem Ziegelbau eine Kulturstätte für Veranstaltungen und Ausstellungen einrichtete – nur kurz, bis 2005, weil Sicherheitsstandards bald nicht mehr eingehalten werden konnten.

Markthalle Schiltigheim

Um dem kompletten Verfall des fast zehn Jahre lang leerstehenden Ensembles entgegenzuwirken, musste nun ein langfristig haltbares Konzept verfolgt werden. Für den Hauptbau in zweiter Reihe sah die Stadt eine Kombination aus Marktständen im EG und Ausstellungs- und Veranstaltungsflächen im OG vor. Es sollte eine Mischung aus Passage, Markthalle und Kunstort entstehen, ein vielfältig nutzbares Herzstück für das Zentrum der Altstadt. Dafür lobte die Kommune einen Wettbewerb aus, den die Straßburger Architekten dominique coulon & associés gewannen. Sie entkernten den Altbau fast völlig, auch die stark beschädigten Stirnseiten mussten mit Beton ertüchtigt werden, v. a. die Mauerkronen.

Beginnen wir ausnahmsweise im OG des Innenraums: Die heutige Gebäudestruktur besteht aus Stahlbetonwänden und -decken sowie einem Dachfachwerk aus Stahl. Raffiniert ist dabei, wie selbstverständlich eine räumliche Komplexität erreicht worden ist. Von Flächen im OG ragen zwei Kuben – ein kleiner Bühnenraum und ein Lager- bzw. abdunkelbares Ausstellungskabinett – in den Luftraum über der Passage hinein, die ansonsten offen bis unter den First reicht. Das OG ist sowohl von innen als auch von draußen mit einer zusätzlichen Treppe erschlossen und erhält Ober- sowie auch hohes Seitentageslicht. Tatsächlich sind die weißen Wandflächen in dieser Ebene auch nach mehrjähriger Nutzung tadellos gepflegt und makellos in Ordnung. Ausgestellt werden Werke regional bekannter Künstler oder auch solche des Nachwuchses.

Mit Feinkost in die Marktlücke

An der westlichen Haupteingangsseite tritt die OG-Erschließung außen mit harten Sichtbetonflächen in Erscheinung, mit denen sich im EG zugleich eine überdachte Vorzone der Haupthalle ergibt – sie kommt der Außenbewirtschaftung zugute. Die anfänglich flexible Marktnutzung im Innern ist inzwischen festen Verkaufsständen gewichen: Am Haupteingang hat sich das Bistro über die gesamte Gebäudeweite ausgebreitet; linkerhand sind Metzgerei und Fischverkauf in abschließbaren Zonen untergekommen, rechterhand werden delikate Käse, Marmeladen, Weine und Spirituosen nebst allerlei Überflüssigem zur Verschönerung des Heimes angeboten. Der Geruch von Fleisch und Fisch hängt kaum in der Nase, auch nicht im oberen Geschoss, das den kulturellen Nutzungen vorbehalten ist – der nötige Luftaustausch funktioniert. Was mich eher stört, ist eine gewisse Unordnung im EG: Plakate, Pinnwände, Geräte, Wimpel, Stühle, Stellwände, Wägelchen und Dekor – derlei trägt zum Gelingen des Konzeptes nicht zwingend bei.

Sichtbeton und graue Mauerwerksschlämme an den Hallenfassaden deuten auf die jüngste Aneignung des sehr alten Quartiers, ohne sich zu sehr aus allem herauszuheben. Man könnte die neuen »Halles du Scilt« als Multifunktionsraum bezeichnen, neudeutsch von einem Hybridbau reden, dessen einzelne Abschnitte sich unabhängig voneinander vielfältig nutzen lassen. Derzeit kann man hier hochwertige Lebensmittel kaufen – als sinnvolle Ergänzung dazu, was Supermaché und Lidl, fußläufig erreichbar, ansonsten in der Stadt anbieten. Das Konzept der Markthalle Schiltigheim scheint sich ökonomisch zu lohnen: Als ich dort bin, kommt die entsprechende Kundschaft, die das Ambiente des alten Stadtkerns wohl zu schätzen weiß, in ausreichender Zahl. Im Bistro sind fast alle Tische belegt – es ist inzwischen nicht mehr der Reiz des Neuen, der hier überzeugen kann, sondern der des fast Bewährten.


Standort: 17 rue principale, F-67300 Schiltigheim
Bauherr: Stadt Schiltigheim
Architekten: dominique coulon & associés, Straßburg
Tragwerksplanung: Batiserf Ingénierie, Fontaine
Energieplanung: solares bauen, Freiburg
Technische Gebäudeausrüstung: BET Gilbert Jost, Straßburg
Bauleitung: Steve Letho Duclos, dominique coulon & associés, Straßburg
BGF: 2100 m²
Baukosten: 3,6 Mio. Euro

Beteiligte Firmen:
Rohbau: ALBIZZATI, Belfort, www.albizzati.fr; ERTCM, Epinac, www.ertcm.fr
Bautischlerei: Hunsinger, Weislingen, www.hunsinger.fr


dominique coulon & associés

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Dominique Coulon

1989 Diplom und Bürogründung, 1999 Weiterbildung in nachhaltiger Planung. Seit 1990 Lehrtätigkeit, seit 2005 Professur an der ENSA Straßburg. Zahlreiche Auszeichnungen.


Über die Autorin Ursula Baus

Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Saarbrücken. Architekturstudium in Stuttgart und Paris. Promotion. 1989-2004 Redakteurin der db, seit 2004 frei04-publizistik mit Christian Holl und Claudia Siegele. 2004-10 Lehraufträge in Biberach und Stuttgart. Seit 2010 im wissenschaftlichen Kuratorium der IBA Basel 2020. Seit 2017 Mitherausgeberin des Magazins www.marlowes.de.



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