Seminargebäude in Ludwigsburg

Licht und leicht

Mit viel Fingerspitzengefühl hat das Büro müller.architekten ein Stück deutscher Nachkriegsmoderne runderneuert: Transparenz und Leichtigkeit des ehemaligen Finanzamt-Ensembles wurden bewahrt und dennoch heutige Energiestandards erfüllt.

Felix Gfroerer und sein Partner August Haag prägten in den 50er und 60er Jahren wesentlich die Architektur von Ludwigsburg. Transparenz war dabei ein architektonischer Leitgedanke Gfroerers. Beispielhaft dafür sind zwei pavillonartige Gebäude des 1960 fertiggestellten Finanzamtkomplexes: die Finanzschule und die Kantine, die inzwischen als besondere Zeugnisse der lokalen Nachkriegsmoderne unter Denkmalschutz stehen. Der Schulbaukörper ist als klassischer Zweibund organisiert, Pultdächer überdecken die Klassenzimmer und neigen sich nach innen zum Flachdach des Mittelgangs. Dagegen ist der Kantinenkörper ein schlichter Kubus auf fast quadratischem Grundriss mit einem Flachdach. Das Souterrain ist jeweils ein Stück zurückversetzt, so wirken die Bauten als schwebten sie über dem leicht abschüssigen Gelände. Die Verbindung zwischen ihnen schaffen offene, mit einer leichten Stahlkonstruktion überdachte Gänge, die an Sep Rufs und Egon Eiermanns deutschen Expo-Pavillon aus dem Jahr 1958 denken lassen.

Nach dem Umzug des Finanzamts 2001 musste eine neue Nutzung für die Gebäude gefunden werden und so zog nach langem Leerstand schließlich das Staatliche Seminar für Didaktik und Lehrerbildung ein – freilich erst nach einer umfassenden Modernisierung. Das Heilbronner Büro müller.architekten hatte die Aufgabe, das Ensemble denkmalverträglich energetisch zu sanieren. Um das sachlich-klare Erscheinungsbild aus Sichtbeton, Klinker und Glas zu wahren, entschieden sich die Planer dafür, die massiven Teile der Fassaden mit einer leistungsfähigen Innendämmung nachzurüsten. Hinzu kamen ein neuer Dachaufbau, eine komplett neue Heiz- und Lüftungstechnik sowie neue Fenster mit Dreifach-Verglasung. Im Schulgebäude haben sämtliche Seminarräume durchgehende Fensterbänder, die sich von einer niedrigen Brüstung bis zur knapp 3,30 und 4,00 m hohen Decke erstrecken. Den Kantinenbau umhüllt – unterbrochen von wenigen Wandscheiben – rundum eine filigrane Aluminium-Pfosten-Riegel-Fassade mit großflächigen Scheiben. Massive Bauteile reduzieren sich zu schmalen Streifen.

Bei dem Bestreben, den Eindruck von Transparenz zu bewahren, war v. a. die sommerliche Überhitzungsgefahr ein Problem. Eine außenliegende Verschattung hätte den Charakter der Fassaden stark verändert, eine spiegelnde Sonnenschutzverglasung schied aus dem gleichen Grund aus. Für die 4,10 Meter hohe Fassadenkonstruktion des Kantinenpavillons kam stattdessen eine Spezialverglasung zum Einsatz (»Okasolar F U« des Herstellers Okalux). Feststehende Lamellen im Scheibenzwischenraum gewährleisten die Durchsicht, reflektieren aber einen Großteil der solaren Strahlung nach außen und schützen dadurch den Innenraum vor Blendung und allzu hohen Temperaturen.

Doch die Sanierung beschränkte sich nicht auf die Fassaden. Da die Räume schadstoffbelastet waren, wurde die alte Ausstattung weitgehend entfernt, sodass hier alles auf die Bedürfnisse des neuen Nutzers abgestimmt werden konnte. Die Außenanlagen dagegen präsentieren sich jetzt wieder in ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild. Durch eine Modellierung des Geländes kommt die elegante Brückenkonstruktion des Verbindungsgangs wieder zur Geltung. Auch eine Skulptur des Bildhauers Hans Bohnert konnte an ihren ursprünglichen Aufstellungsort vor dem Gebäude zurückgeführt werden. So atmet das Ensemble – zumindest von außen betrachtet – ganz den Geist der Entstehungszeit.

~Christian Schönwetter