Rechtssicherheit durch DIN-Normen

Lehm als »normaler« Baustoff

Besonders bei der Sanierung von Fachwerkhäusern spielt der Baustoff Lehm eine wichtige Rolle – aber auch als Putz auf Innendämmungen. Neue Produktnormen für Lehmsteine, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel erleichtern Architekten die Arbeit und holen das Material aus der Ökonische.

Text: Christof Ziegert

Der Einsatz von Lehmbaustoffen ist sowohl in der Sanierung als auch im Neubau wieder selbstverständlich. Bisher fehlten jedoch detaillierte Regelwerke. Planern war es deshalb häufig nicht möglich, die Leistungsbeschreibung für Lehmbaustoffe und -bauteile eindeutig zu formulieren. Der Bauüberwachung und auch den Sachverständigen fehlten Grundlagen für die Bewertung der Übereinstimmung bzw. Mangelfreiheit. Dies hat sich in Deutschland mit der Veröffentlichung der DIN-Normen für Lehmsteine, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel zumindest in diesen wesentlichen Teilbereichen des Lehmbaus grundlegend geändert. Im vorliegenden Beitrag sollen die wichtigsten Neuerungen beschrieben werden.

Stand der Anwendung
Lehm ist eindeutig kein »Schneller-Höher-Weiter«-Baustoff. Das Bauen besteht aber bei Weitem nicht nur – und immer weniger – aus derart ausgerichteten Aufgaben. Vielmehr geht es auch um nachhaltige und fehlertolerante Baukonstruktionen. Als Beispiel hierfür sei das komplexe Feld der Innendämmung von Bestandsbauten genannt, bei dem die speziellen Feuchtetransport- und Speichereigenschaften von Lehm zu bautechnisch langfristig sicheren Lösungen führen: Das Wasserdampfsorptionsvermögen von Lehmbaustoffen übertrifft das anderer Baustoffe um ein Vielfaches. Ihr Einsatz ist deshalb aus raumklimatischer Sicht besonders positiv.

Herausragende Anwendungsbeispiele von Lehmbaustoffen, wie die spektakulären Stampflehmbauten in der Schweiz, Österreich und Deutschland oder die Lehmputzoberflächen des mit dem Deutschen Architekturpreis 2009 ausgezeichneten Kolumba-Museums in Köln, sorgen für einen umfassenden Wahrnehmungswandel des Lehmbaus insgesamt. Die Dominanz von Vorurteilen wie »braun und brüchig« weicht deutlich dem Erlebten, dass Lehmoberflächen zeitgenössisch, hochwertig, ja edel sein können.

Der Grad der Vorfertigung und das Qualitätsniveau von Lehmbaustoffen hat das konventioneller Produkte erreicht: Trockenmörtel als Sack- und Siloware, Bauplatten und Plansteine. Spezielle baustoffspezifische Produktformen wie erdfeuchte Fertigmischungen aus ungetrocknetem Grubenlehm, geliefert im »Big-Bag«, vereinen den Anspruch an zeitgemäße Lieferformen mit dem, umweltgerechte Baustoffe herzustellen und zu verarbeiten.
Der Stand der Anwendung von Lehmbaustoffen im Alt- und Neubau ist beispielsweise im Fachbuch »Lehmbau-Praxis« [1] dokumentiert.

Entwicklung und Stand der Regelwerke
Als nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden Teilen Deutschlands zehntausende Wohneinheiten aus Lehmbaustoffen errichtet wurden, gab es dazu umfangreiche Regelwerke und auch DIN-Normen, die den damaligen Stand des Lehmbaus gefasst haben. Nachdem der Lehmbau »aus der Mode geriet«, wurden sie abgeschafft. Erst die ökologisch bedingte Renaissance des Lehmbaus erzeugte neuen Regelungsbedarf. Ende der 90er Jahre betraute das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) den Dachverband Lehm (DVL) mit der Formulierung einer neuen bauaufsichtlichen Grundlage. Das Resultat waren die »Lehmbau Regeln« [2]. Sie sind Bestandteil der Musterliste der Technischen Baubestimmungen MTB des DIBt und auch in fast allen deutschen Bundesländern Bestandteil der Liste der Technischen Baubestimmungen LTB. Die Anwendung der Lehmbau Regeln wurde jedoch auf Wohngebäude mit maximal zwei Wohneinheiten sowie zwei Vollgeschossen eingeschränkt. Dies bedeutet, dass eine weitergehende Anwendung von Lehmbautechniken in der Regel durch Beantragung einer Zustimmung im Einzelfall realisiert wird.

Die Lehmbau Regeln weisen als Rahmenwerk des Lehmbaus der Herstellung der einzelnen Lehmbauteile DIN-Normen der Allgemeinen Technischen Vertragsbedingungen für Bauleistungen (ATV) der VOB / C zu. Dort sind beispielsweise auch die Trennung zwischen Nebenleistungen und Besonderen Leistungen sowie die Modalitäten der Abrechnung (Aufmaß) geregelt. Die Lehmbau Regeln sind immer noch gültig, momentan sind sie in der 3. Fassung Bestandteil der MTB bzw. LTB’s.

Bereits im August 2013 wurden dann die vom DIN Arbeitsausschuss Lehmbau NA 005-06-08 AA erarbeiteten ersten neuen Produktnormen zu Lehmbaustoffen verabschiedet und veröffentlicht. Dies sind:

DIN 18945:2013-08 »Lehmsteine – Begriffe, Anforderungen, Prüfverfahren«,
DIN 18946:2013-08 »Lehmmauermörtel – Begriffe, Anforderungen, Prüfverfahren« und
DIN 18947:2013-08 »Lehmputzmörtel – Begriffe, Anforderungen, Prüfverfahren«.

Die neuen DIN-Normen für Lehmbaustoffe verfolgen das Ziel der Sicherstellung von Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit. Weiterhin wurde bei der Erstellung auf die Fassung vermeintlich weicher ökologischer Kriterien geachtet, wie z.B. die Aufstellung eines Verfahrens zur Bestimmung des CO2-Äquivalentkennwertes oder des das Raumklima beeinflussende Wasserdampfsorptionsvermögens. Auch der mittelfristig bei allen mineralischen Baustoffen zu deklarierende Gehalt an natürlicher Radioaktivität wurde entsprechend den aktuellen europäischen Gesetzgebungsverfahren bereits berücksichtigt und entsprechend der kritischen Nutzerklientel ein sehr niedriger Vorsorgerichtwert eingeführt [3].

Das CE-Kennzeichen müssen und dürfen die durch die DIN-Normen gefassten Lehmbaustoffe nicht tragen, weil es sich nicht um europäisch genormte Baustoffe handelt.

Die Normen gelten nur für im Werk hergestellte Lehmbaustoffe. Wird Lehm hingegen auf der Baustelle gemischt – im Idealfall mit dem auf dem Grundstück gewonnenen und ob seiner Eignung geprüften Lehm der Baugrube –, dann gelten weiterhin die Lehmbauregeln des DVL.

Sowohl die Lehmbau Regeln als auch die neuen DIN-Normen des Lehmbaus schließen Baustoffe aus, die aus Lehm und zusätzlich noch anderen Bindemitteln, wie Gips oder Zement, bestehen. Derartige Baustoffe sind keine Lehmbaustoffe im Sinne der Lehmbau Regeln und DIN-Normen des Lehmbaus. Anderslautende – durchaus kursierende – Bezeichnungen für derartige Hybridprodukte sind unzulässig.

Während die Lehmbau Regeln noch die Einstufung von Lehmbaustoffen mit organischen Anteilen in die Baustoffklassen über die Rohdichte vorsah, ist nach den DIN-Normen eine Einstufung ohne Versuche lediglich über das von anderen Baustoffen bekannte 1%-Kriterium möglich, d.h. Lehmbaustoff mit einem organischen Anteil von maximal einem Masse- oder Volumenprozent organischem Anteil können ohne Prüfung in die Baustoffklasse A1 eingestuft werden.

DIN 18945:2013-08 Lehmsteine
Die Norm legt Anforderungen für im Werk hergestellte Lehmsteine für tragendes und nicht tragendes Lehmmauerwerk fest. Lehmsteine werden in Anwendungsklassen AK eingeteilt, die im Wesentlichen durch unterschiedliche Feuchte- und Frostbeanspruchung charakterisiert werden:

– verputztes, der Witterung ausgesetztes Außenmauerwerk von Sichtfachwerkwänden (AK Ia)
– durchgängig verputztes, der Witterung ausgesetztes Außenmauerwerk ( AK Ib)
– verkleidetes oder anderweitig konstruktiv witterungsgeschütztes Außenmauerwerk sowie Innenmauerwerk (AK II)
– trockene Anwendungen, z.B. Deckenfüllungen oder Stapeltechniken (AK III)

Die Anwendungsklassen sind relevant für die Festlegung zulässiger Lochanteile und Mindeststegdicken sowie Vorgaben für das Feuchte- und Frostverhalten. Lehmsteine sind nicht feuchte- und frostbeständig. Sie müssen aber entsprechend den Anwendungsgebieten ausreichend widerstandsfähig gegenüber diesen Beanspruchungen sein, was im Rahmen der Materialprüfung in fein abgestimmte Versuchsreihen getestet wird.

Lehmsteine werden in 12 Rohdichteklassen eingeteilt. Die Maße und Abmessungen orientieren sich wie bei anderen künstlichen Steinen an der Maßordnung im Hochbau.

Sofern Lehmsteine tragend eingesetzt werden sollen, werden sie nach Druckfestigkeitsklassen 2 bis 6 differenziert. Lehmsteine für nichttragende Anwendungen (z.B. Fachwerkausfachungen) müssen für die vorgesehene Anwendung ausreichend fest sein. Die Bezeichnung von Lehmsteinen muss folgende Angaben enthalten: Lehmsteine nach DIN 18945:2013-08, Formatkurzzeichen, Druckfestigkeitsklasse (nur bei tragender Anwendung), Anwendungsklasse, Rohdichteklasse. Die vollständige Deklaration enthält weitere Angaben, wie die Art der Zuschlagstoffe etc.

DIN 18946:2013-08 Lehmmauermörtel
In dieser Norm werden Anforderungen für Lehmmauermörtel zur Herstellung von tragendem und nicht tragendem Lehmsteinmauerwerk festgelegt.

Lehmmauermörtel werden in Rohdichteklassen 0,9 bis 2,2 eingeteilt. In Bezug auf die Deklaration der Wärmeleitfähigkeit verweisen die Normen auf die Einstufung nach DIN 4108-4, in Bezug auf das Brandverhalten auf DIN 4102-1 bzw. 4102-4.

Die Festigkeitsklassen für Lehmmauermörtel sind in die Klassen M0, M2, M3 und M4 einzuteilen mit entsprechenden Anforderungen an Druckfestigkeit und Haftscherfestigkeit. M0 bezeichnet dabei Lehmmauermörtel für den nichttragenden Einsatz, wie z.B. Lehmsteinausfachungen.

Die Bezeichnung von Lehmmauermörtel muss folgende Angaben enthalten: Lehmmauermörtel nach DIN 18946:2013-08, Kurzeichen untere/obere Siebgröße (Körnung), Faserbewährt oder mineralisch, Festigkeitsklasse (nur bei tragender Anwendung), Rohdichteklasse.

DIN 18947:2013-08 Lehmputzmörtel
Die Norm DIN 18947 legt fest, welche Qualitätsanforderungen Lehmputzmörtel aufweisen müssen, die zum Verputzen von Wänden und Decken im Innen- und witterungsgeschützten Außenbereich zur Anwendung kommen sollen. Die Norm gilt nur für Lehmputzmörtel mit Auftragsdicken von mindestens 3 mm.

Das lineare Trocknungsschwindmaß von Lehmputzmörtel darf nicht mehr als 2 % betragen. Für weniger rissanfällige Lehmputzmörtel sind mit 3 % für faserbewehrte Lehmputzmörtel und 4 % für faserbewehrte Lehmdünnlagenputzmörtel höhere Werte zulässig.

Lehmputzmörtel unterliegen 2 Festigkeitsklassen, die jeweils Vorgaben bezüglich Druckfestigkeit, Biegezugfestigkeit, Haftfestigkeit und Abriebfestigkeit festlegen. Die geprüften Festigkeitseigenschaften sind damit umfangreicher als bei anderen Putzmörteln. Für normale Anwendung soll die Festigkeitsklasse S II zur Anwendung kommen. Die Festigkeitsklasse S I ist nur für untergeordnete Räume oder gewisse Sonderanwendungen zu empfehlen.

Die Bezeichnung von Lehmputzmörtel muss folgende Angaben enthalten: Lehmputzmörtel nach DIN 18947:2013-08, Kurzeichen, untere/obere Siebgröße (Körnung), faserbewehrt oder mineralisch, Festigkeitsklasse, Rohdichteklasse.

Im Sinne des Verbraucherschutzes ist bei Lehmputzmörteln zusätzlich die Angabe der Wasserdampfadsorptionsklasse WS zu empfehlen. Die Angabe ist fakultativ, wird aber von den meisten Kunden abgefragt weil die Sorptionsklasse ein Maß für die Stabilisierung der Raumluftfeuchte darstellt. Die beste Wasserdampfsorptionsklasse WS III garantiert beispielsweise gegenüber Gipsputz ein ca. 5-fach höheres Luftfeuchtepuffervermögen.

Zusammenfassung
Die neuen Normen für im Werk hergestellte Lehmsteine, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel definieren Anforderungen und Eigenschaften für diese Baustoffgruppe in einem Maße, wie es für moderne Baustoffe üblich ist. Die Normen sind damit ein zeitgemäßer Baustein zur Regelung des Lehmbaus, aufbauend auf den schon zuvor bauaufsichtlich eingeführten, aber sehr allgemein gehaltenen Lehmbau Regeln. Neben den Aspekten der Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit werden in den Normen Umwelteigenschaften beispielhaft für den mineralischen Baustoffsektor berücksichtigt.

Für Planer und Sachverständige ist es erstmals möglich, die Leistungsbeschreibung von Lehmbaustoffen qualifiziert vorzunehmen bzw. zu überprüfen.

Ausblick
Durch die Existenz der Stoffnormen für Lehmsteine, Lehmmauermörtel und Lehmputzmörtel können diese Produktgruppen nun in die übergeordneten Anwendungsnormen eingegliedert werden. So enthält die im Juni 2015 veröffentlichte Putzanwendungsnorm DIN 18550-2:2015-06 »Putz und Putzsysteme – Ausführung (Innenputz)« nun vollkommen selbstverständlich Lehmputze als eine Art von Putzmörtel neben gips-, kalk-, zement- und kunststoffgebundenen Putzen. Damit fallen auch sukzessive die Anwendungsbeschränkungen der Lehmbau Regeln, in diesem Fall für Lehmputze.

Produkte, deren bauaufsichtliche Relevanz gering ist, die aber häufig verwendet werden, sollen sukzessive über Technische Merkblätter geregelt werden. Beispiel hierfür sind Lehmdünnlagenbeschichtungen. Zu dieser Produktgruppe zählen die hochwertigen Farbputze, die sogenannten Lehmstreichputze (Lehmfarben mit Körnung) und die Lehmfarben.

Literatur:
[1] Röhlen, U., Ziegert, C.: Lehmbau-Praxis. Beuth-Verlag, 2. Auflage, Berlin, 2014, ISBN 978-3-410-23942-0;
[2] Dachverband Lehm e.V. (Hrsg.): Lehmbau Regeln. Vieweg + Teubner, 3. Auflage, Wiesbaden, 2009
[3] Ziegert, C.: Natürliche Radioaktivität von Lehmbaustoffen – Ergebnisse neuer Untersuchungen und Qualitätssicherung. In: Wohnung + Gesundheit 6/14, Neubeuern, 2014

Autorenangaben:
Prof. Dr.-Ing. Christof Ziegert
Maurer und Bauingenieur, Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schäden im Lehmbau, Planungs- und Gutachterbüro Ziegert Roswag Seiler Architekten Ingenieure (ZRS), Berlin, Vorstandsmitglied im Dachverband Lehm e. V., Obmann des Normenausschusses »Lehmbau« im DIN, Honorarprofessur Lehmbau an der FH Potsdam, ICOMOS-ISCEAH Board and Chair technology.