Laborgebäude EVA in Givisiez (CH)

Vier Geschosse aufgesetzt

Mit dem richtigen Konzept lassen sich Denkmalpfleger auch von radikalen Eingriffen überzeugen: zum Beispiel von einer beträchtlichen Aufstockung und einem Austausch der Fassade. So entstand in Givisiez ein ungewöhnlicher Hybrid aus Alt und Neu.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018.

Jurybegründung:
Die Arbeit zeigt, wie Nachverdichtung ohne Flächenversiegelung gelingen kann: mit einer Aufstockung um bis zu vier Geschosse. Aus einem öffentlichen Verwaltungsbau von 1969 wurde dabei ein kantonales Laborgebäude. Indem die Planer die Formensprache des Bestands weiterführen, erzeugen sie einen harmonischen Riegel – er wirkt als Einheit, bei der Alt und Neu nicht mehr ablesbar sind. Lediglich die prägnante durchgestanzte Aussparung als sinnfällige Markierung des Eingangs deutet an, dass der Bau eine Veränderung erfahren haben muss. Sehr subtil gibt die Überhöhung des obersten Geschosses dem Gebäude einen eleganten Abschluss.

Architekten: Bart & Buchhofer Architekten
Tragwerksplanung: gex&dorthe ingénieurs

Text: Hartmut Möller
Fotos: Leo Hilber; Ruedi Walti

Bereits 2006 konnten sich die Bieler Architekten Bart & Buchhofer in einem offenen Wettbewerb durchsetzen, bei dem es um eine Neuordnung für das Gelände des einstigen Autobahnbüros in Givisiez ging. Neben einer Bestandssanierung des 1969 unter Federführung von Jean Pythoud errichteten Gebäudes planten sie auf dem Areal einen Turm. Weil später aber die Parzelle für den Turm nicht mehr zur Verfügung stand, verwarf man das Konzept und stockte stattdessen den Bestand auf, sodass das Gelände nicht weiter versiegelt wird. Das Haus beherbergt nun – ganz im Sinne von Synergieeffekten und kurzen Wegen – die ursprünglich an verschiedenen Orten verteilten kantonalen Ämter für Umwelt, Veterinärwesen und Lebensmittelsicherheit (Eau, Environnement, Vétérinaire, Alimentaire; daher der Projektname »EVA«).

Der eigentlich naheliegende Ansatz des »Weiterbauens« am Bestand verblüfft in diesem Fall, denn das Bauwerk steht seit 1991 unter Denkmalschutz. Das Amt trug ganz erhebliche Eingriffe mit: Die am Kopfende gelegene Terrasse wurde zwar beibehalten, der daran anschließende, einstöckige Fortsatz jedoch abgebrochen. An seiner Stelle entstanden in Achsrichtung des Hauptkörpers drei neue Etagen. Ein sich über beide Teile erstreckendes, krönendes Stockwerk verbindet diese und nimmt sämtliche Labors der genannten Institutionen auf. Im 1. bis 3. OG liegen deren Büroräume, im längsseitig eingegrabenen EG befinden sich Cafeteria, Sitzungsräume und Garagen für die Betriebsfahrzeuge.

Respektvolle Fortschreibung in der Logik des Bestands

So massiv die bauliche Ergänzung auch ist, so behutsam haben die Planer die Formensprache weiterentwickelt. Das Stützenraster von 1,86 m × 5,58 m, sowie das Prinzip der zentral liegenden Erschließungskerne samt überbreiter Mittelflure als Kommunikationszonen wurde erhalten und im Anbau analog fortgeführt. Die Kombination von rohem Beton mit geschmeidig wirkendem, hellen Limba-Holz wurde ebenfalls übernommen, verbreitet eine angenehme Atmosphäre und atmet den Geist der Nachkriegsmoderne. Im Bestandsbau harmonieren restaurierte Schränke und Radiatoren mit neu eingebauten Metallablagen vor den Fenstern.

Auch bei der Außenhaut war die Denkmalpflege nach intensiver Überzeugungsarbeit zu großen Zugeständnissen bereit. Denn die gealterte Vorhangfassade, die nicht mehr wasser- und winddicht war, ließ sich nicht in der Originalsubstanz erhalten – von ihrer thermischen Unzulänglichkeit einmal ganz abgesehen. Daher wurde zusammen mit Spezialisten eine technisch ertüchtigte Kopie der Außenhaut entwickelt, die Größenverhältnisse, Profilbreiten, Form und Fassadentiefe (53 mm zuvor, 77 mm jetzt) des Originals wahrt. Obendrein zitiert sie dessen Gestaltungsmotive wie die Mies’sche Ecke, Storenkasten, Brüstungen, Materialität (Aluminium, Glas, Faserzement) und Proportionen des »Goldenen Schnitts«.

Dank Dreifachverglasung, gedämmter Aluminiumprofile, Vakuumdämmung in den Paneelen, automatisiertem Sonnenschutz und kontrollierter Lüftung orientiert sich das Gebäude nun am Schweizer Minergie-Standard.

Die nachgebaute Hülle überzieht den Bestand und seine Erweiterung gleichermaßen. Die freigelassene, mehrgeschossige Öffnung zwischen Alt- und Neubau erzeugt in der Gesamtansicht einen einheitlichen Riegel mit mächtiger Perforierung. Das beinahe quadratische Loch deutet geradezu zeichenhaft auf den Eingang hin. Gleichzeitig erweist es der Ursprungskubatur seine Referenz – allerdings nur für Eingeweihte, die die Geschichte des Bauwerks kennen. Für Betrachter ohne Vorwissen erscheint das Gebäude wie aus einem Guss.

Durch den erheblichen Verlust an originaler Bausubstanz und durch das Verschleifen von Alt und Neu mag das Projekt den klassischen Grundsätzen der Denkmalpflege widersprechen. Dank einer sorgfältigen Planung steht nun aber wieder ein Gebäude mit hoher Qualität vor Augen. Auch wenn das ursprüngliche Gestaltungsthema »Block auf Sockel« verloren gegangen ist, wirkt der Umbau keinesfalls störend. Im locker bebauten Umfeld mit großen Freiflächen stärkt die überhöhte Aufstockung vielmehr die Präsenz des Gebäudes.


Standort: Impasse de la Colline 4, CH-1762 Givisiez
Bauherr: Kanton Freiburg, Service de Bâtiments (Hochbauamt)
Architekten: Bart & Buchhofer Architekten, Biel (CH)
Tragwerksplanung: gex&dorthe ingénieurs consultants sàrl, Bulle (CH)
Bauphysik: Grolimund + Partner, Bern (CH)
Elektroplanung: PRO-INEL, Givisiez (CH)
Lüftungs- und Heizungsplanung: chammartin & spicher, Givisiez (CH)
Sanitärplanung: duchein, Villars-sur-Glâne (CH)

Beteiligte Firmen:
Beleuchtung: Nachbau gemäß Original, Tulux – Licht | Lumière, Tuggen (CH), www.tulux.ch
Bodenbelag: Linoleum mit corkment Akustik, FORBO FLOORING, Giubiasco (CH), www.forbo.com


Bart & Buchhofer Architekten

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Jürg Bart

1987-93 Architekturstudium an der ETH Zürich, Mitarbeit in mehreren Architekturbüros. 1996 Bürogründung mit Stephan Buchhofer. Seit 2001 Lehraufträge
an der BFH Biel.

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Stephan Buchhofer

1994-96 Fachhörer an der ETH Zürich, 1996 Bürogründung. 2000-07 Bauberatung Berner Heimatschutz. 2004-06 NDS Design/Art + Innovation, FHNW Basel. Lehraufträge, seit 2013 Professur an der EIA Fribourg.

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Sven Tschanz

1993-96 Architekturstudium an der HTL, Biel. 1997- 2002 Mitarbeit bei Bart & Buchhofer, seit 2002 als Teilhaber. Seit 2005 Prüfungsexperte an der HBZ Lehre Berufsfachschule, Biel.

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Florence Mani

1997-2001 Architekturstudium an der FH Biel. 2002- 12 Mitarbeit bei Bauart Architekten, Bern. 2006-10 Masterstudium. 2001-02 und seit 2012 Mitarbeit bei Bart & Buchhofer, seit 2017 als Teilhaberin.


Über den Autor Hartmut Möller

Architekturstudium in Oldenburg, Praxissemester bei James Wines/SITE in New York. 2003 Praktikum bei der db. Diverse Ausstellungen, Zeitschriften- und Buchpublikationen, u. a. über E. Zinsser u. E. F. Brockmann. Lebt und arbeitet seit 2005 in Hannover.