Kulturpalast in Dresden

Ostmoderne Hülle, Westmoderner Kern

Weiterentwicklung eines Denkmals: Beim Dresdner Kulturpalast blieben Hülle und äußere Raumschicht weitgehend erhalten und wurden aufwändig restauriert. Der Kern des Hauses dagegen, der einstige Mehrzwecksaal, machte einem reinen Konzertsaal Platz.

Das Projekt erhielt einen Preis beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2018

Jurybegründung:
Hier wurde ein umstrittenes Stück DDR-Moderne vor dem Abriss gerettet. Mit einer Doppelstrategie ist dabei eine erhaltende Erneuerung gelungen: Während der frühere Mehrzwecksaal in der Gebäudemitte einem hochmodernen Konzertsaal in eigenständiger, neuer Formensprache Platz machte, wurde der Rest des Baus – äußere Raumschicht und Hülle – bewahrt und mit großem Respekt vor dem Bestand denkmalgerecht instandgesetzt. Die Integration der Stadtbibliothek als ergänzende Nutzung gibt dem Bau eine neue Perspektive und belebt ihn auch dann, wenn gerade keine Konzerte stattfinden. Dennoch blieb eine seiner Hauptqualitäten, die außerordentliche räumliche Großzügigkeit, erhalten.

Architekten: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner

Text: Falk Jaeger
Fotos: Christian Gahl / gmp Architekten

Der Kulturpalast am Dresdner Altmarkt, Kernprojekt des sozialistischen Wiederaufbaus der kriegszerstörten Innenstadt, war 1967-69 nach den Plänen von Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch erbaut worden. Der an der damaligen internationalen Moderne orientierte Bau galt von Anbeginn als respektable baukulturelle Leistung und spielte als Veranstaltungsort in der Dresdner Stadtgesellschaft eine bedeutende Rolle.

Spätestens nach der Jahrtausendwende war überdeutlich, dass der in die Jahre gekommene Bau ökologisch, ökonomisch und sicherheitstechnisch nicht mehr zu betreiben war. Und es meldeten sich erbitterte Gegner der gesamten Ostmoderne wie etwa Hans Kollhoff zu Wort. Doch ihre radikalen Neuordnungsentwürfe für diesen Ort mit einer offenen Kampfansage an die Baukultur der DDR-Zeit provozierten Widerstand. So war 2008 gestrenger Denkmalschutz eine wesentliche Vorgabe, als ein Wettbewerb zur Generalsanierung ausgelobt wurde, den das Berliner Büro gmp gewann.

Heftige Scharmützel gab es in der Folge um den Einbau eines neuen Konzertsaals für die Dresdner Philharmonie. Manche pochten auf Denkmalschutz für den alten Saal, manche sahen das Urheberrecht des Architekten Wolfgang Hänsch missachtet. Ein Gericht entschied schließlich zugunsten eines neuen Saals.* Die Alternative wäre gewesen, einen maroden, ungünstig proportionierten, brandschutz- und sicherheitstechnisch prekären Multifunktionssaal mit problematischer Akustik fast vollständig neu nachzubauen, was sowohl denkmalschutz- als auch urheberrechtlich ein Schildbürgerstreich gewesen wäre. Stattdessen entstand innerhalb der denkmalgerecht sanierten Hülle ein sichtbar neuer, strahlender Saal mit 1 750 Plätzen, der als reiner Konzertsaal funktional und akustisch nach allen Erfordernissen kompromisslos optimiert werden konnte.

Nach Art des Hans Scharoun

Die Mehrzahl der jüngeren Konzertsäle orientiert sich mittlerweile an der Raumkonzeption, die Hans Scharoun 1956 für die Berliner Philharmonie entwickelte. Ein Orchester bedarf keiner Bühne, und wo Musik gemacht wird, schließen sich die Menschen zu einem Keis zusammen, beobachtete Scharoun, positionierte das Orchester nahezu in der Mitte und umgab es mit den Zuschauerrängen. Parkett und Ränge unterteilte er in Blöcke, die gerade so groß sein sollten, dass die Menschen gegenseitig Blickkontakt aufnehmen können. »Weinbergterrassen« hat man diese Anordnung genannt. Der Konzertbesuch als Gemeinschaftserlebnis und das Orchester nicht im Guckkasten, sondern mitten unter den Zuhörern, waren Scharouns Ziele.

Die Architekten von gmp übernahmen dieses Prinzip, teilten das Parkett in drei Blöcke und umfingen das Orchesterpodium mit zwei Etagen »Weinbergterrassen«. Die im Vergleich zur Hamburger Elbphilharmonie wärmere Atmosphäre des Saals wird von den dunkelorange gepolsterten Sitzen und vom Farbton der Roteiche bei Parkettböden und Wandpaneelen bestimmt. Letztere bestehen aus Gründen des Brandschutzes und der Akustik aus Mineralfaserplatten, die mit dem Holz nur furniert wurden. Die oberen Wandpartien und Deckenspiegel, aus akustischen Gründen vielfach gestaffelt und getreppt, schreiben die Formensprache fort.

Erste Tests und das Eröffnungskonzert entlockten den Verantwortlichen, Chefdirigent Michael Sanderling und den milde gestimmten Besuchern euphorische Reaktionen. Der angestrebte »warme Dresdner Klang« konnte offenbar von dem niederländisch-deutschen Akustikbüro Peutz erreicht werden. Abgesehen vom gänzlich neuen Saal spielte beim übrigen Gebäude der Denkmalschutz in Gestaltungsfragen die Hauptrolle. Das ist schon von außen abzulesen. Bei der Abnahme der schadhaften Natursteinwand im EG gingen viele der roten Granitplatten zu Bruch. Es gelang, den Steinbruch in der Ukraine ausfindig zu machen und wieder dasselbe Material zu besorgen. In Mischsortierung und auf handwerkliche Art wurde es wie früher eingebaut. Partien des EGs, die bei einem Umbau in den 90er Jahren geöffnet und verglast worden waren, wurden nun wieder mit der Natursteinwand geschlossen. Nicht nur dadurch gelang es, die bauzeitliche Raumwirkung der Eingangshalle und des dreigeschossigen Foyers wiederzugewinnen. Die charakteristisch bronzefarben getönten Panoramascheiben der OGs waren allerdings nicht bauzeitlich und wurden durch Klarglasscheiben mit zeitgemäßen Dämm- und Lichtschutzwerten ausgetauscht. Davon profitieren auch die Räume der neu dort untergebrachten Stadtbibliothek, die sich in den oberen Geschossen um den Kern des Gebäudes legt.

Materielle Denkmalpflege

Natursteinböden der Foyers wurden erhalten und ergänzt sowie die Wandverkleidungen aus dem feurig gemaserten Makassar-Ebenholz mit viel Tischlermühe aufgearbeitet. 1 400 Deckenleuchten ließen die Planer nach altem Muster nachbauen und mit modernen Leuchtmitteln bestücken. Doch was tun mit der originellen, aber zerbröselnden Gipsrasterdecke? Eine moderne, abgehängte Systemdecke hätte den Charakter des Raums völlig verändert. Die Architekten hatten mit einer Spezialfirma bereits eine Ersatzlösung entwickelt, als plötzlich vier originale Gussformen der »Moki-Decke« auftauchten (benannt nach dem »Moskau Kino« in Berlin, wo sie erstmals eingesetzt wurde). So konnten die Deckenelemente reproduziert werden.

Schmerzlich wäre der Verlust der originalen Treppen- und Galeriegeländer im Foyerbereich gewesen, die nicht mehr den Sicherheitsanforderungen entsprachen. Den Architekten gelang mit dem Einsatz einer Schicht aus Sicherheitsglas, das über die Handläufe hinaus die erforderliche Höhe erreicht, eine Lösung, die kaum auffällt und die Beibehaltung der 600 m Geländer ermöglichte.

Mit der Stadtbibliothek und der Studiobühne (ein Raum vom Typus Black Box), die dem renommierten Kabarettensemble Herkuleskeule als Spielstätte mit 240 Sitzplätzen dient, sowie einem neuen Restaurant und Galerieräumen für eine Baukulturinitiative gibt es weitere Nutzungen im Haus, die für ganztägige Aktivitäten im Kulturpalast sorgen.

* Unser Autor, der Bauhistoriker und Publizist Professor Dr. Falk Jaeger, hatte 2011 für das Landgericht Leipzig ein Gutachten zum Denkmalwert des Gebäudes und des Saals verfasst.


Standort: Schloßstraße 2, 01067 Dresden
Bauherr: KID Kommunales Immobilienmanagement Dresden
Architekten: gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg
Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Nicolas Pomränke
Projektleitung Wettbewerb: Clemens Kampermann
Mitarbeit Wettbewerb: Verena Coburger
Projektleitung: Christian Hellmund
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner, Cottbus
Bauphysik, Bau- und Raumakustik: Peutz, Mook (NL); ADA Acoustic Design Ahnert, Berlin
Brandschutz: hhpberlin Ingenieure für Brandschutz, Berlin
TGA: Planungsgruppe M+M, Dresden (bis LPH 3), ARGE Ingenieurbüro Rathenow BPS und solares bauen (ab LPH 5)
Lichtplanung: Conceptlicht, Traunreut
Bühnentechnik: theapro, theater projekte daberto + kollegen, München
BGF: 37062 m²
Konzertsaal Dresdner Philharmonie: 1750 Sitzplätze, inkl. 18 Rollstuhlplätze
Kabarettsaal »Die Herkuleskeule«: 240 Sitzplätze, inkl. 2 Rollstuhlplätze
Zentralbibliothek: 5463 m²

Beteiligte Firmen:
Ausbau Konzertsaal: Lindner Group, www.lindner-group.com
Bau- und Denkmalpflege: Fuchs+Girke, Ottendorf-Okrilla, www.fuchs-gierke.com
Bestuhlung: Mester & Siekmann, Enger, www.stuhl-nach-wunsch.de