Kindertagesstätte Lorraine in Bern (CH)

Dornröschenschlaf beendet

Nach langem Leerstand: Obwohl den Planern der Abriss freigestellt war, entschieden sie sich für den Erhalt zweier heruntergekommener Häuser und sanierten sie mit großem Aufwand. Die eigens dafür entworfene Möbelserie kann inzwischen erworben werden.

Alles begann mit einem Schreinermeister. Er ließ 1872 im Berner Lorraine-Quartier die beiden schmalen Häuser errichten, die über einen gepflasterten Platz miteinander verbunden sind. Wie in Handwerkerhäusern üblich, befand sich die Werkstatt im EG, die Wohnräume im OG. Ende der 1980er Jahre zog eine der ersten Kindertagesstätten der Schweiz ein. Doch ein Wasserschaden machte die Gebäude 2009 unbenutzbar – außer für Hausbesetzer. Zuletzt standen sie leer. Schließlich lobte die Stadt einen Wettbewerb aus, der den Teilnehmern Abriss oder Sanierung freistellte. Mit ihrem Projekt »Dornröschen« konnten Freiluft Architekten mit Feissli Gerber Liebendörfer Architekten aus Bern die Jury überzeugen. Überraschenderweise entschieden sie sich gegen einen Abbruch: »Äußerlich waren die Gebäude zwar in sehr marodem Zustand, doch die Substanz darunter von guter Qualität«, erklärt Freiluft-Architekt Martin Klopfenstein. Also begann man mit dem »Wachküssen«.

Zuerst wurde entfernt, was nachträglich hinzugefügt worden war: Die Eternitschindeln der Fassade verschwanden, zum Vorschein kamen traditionelle, doch stark verrottete Holzschindeln. Punktuell war es möglich, sie zu erhalten, der Rest wurde denkmalgerecht ergänzt. Die Steinfüllungen des tragenden Holzfachwerks machten einer Dämmung Platz – eine teure Lösung, doch der Stadt lag sehr an einer sensiblen Sanierung der beiden historischen Bauwerke. In Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege wurden die nötigen Eingriffe in vier Kategorien unterschiedlicher Authentizität eingeordnet: Erstens sollte, wo möglich, alte Substanz erhalten bleiben, etwa das Eichenparkett. Es wurde vorsichtig ausgebaut und nach Ausbessern einzelner Holzteile und Abschluss der groben Bauarbeiten wieder verlegt.

Zweitens ließen die Architekten anhand alter Fotos und Pläne Details rekonstruieren, wie den typischen Sägefries im Schweizer Holzstil entlang der Dachränder. Drittens wurden baugeschichtliche Vorbilder neu interpretiert, damit sich Ergänzungen dezent einfügen. So zeigen die Holzdecken zwar eine typisch alte Kassettierung, bestehen aber aus Dreischichtplatten und erhielten aus Akustikgründen eine ornamentale Perforierung. Die pastellgrüne Farbgebung orientiert sich an historischen Vergleichsbauten. Natürlich entstand viertens auch gänzlich Neues, erkennbar als moderne Holzeinbauten wie das eingestellte Treppenhaus aus roh belassenem Eichenholz, diverse Möbel wie Wandschränke und Regale, und nicht zuletzt eigens entwickelte, geschwungene Garderobenhaken aus geschwärztem Stahl. ~Carmen Nagel

 

Hier finden Sie die Möbel aus dem Projekt.