Jacoby Studios in Paderborn

Arbeit am Kreuzgang

Im Zentrum von Paderborn haben David Chipperfield Architects ein Krankenhaus zu einem Firmensitz umgebaut. Dabei inszenierten sie die freigelegten Reste eines alten Klosters und stellten sie in den Mittelpunkt der mehrflügeligen Anlage.

 

Jurybegründung:
Beim Umbau einer Klinik zu einem Firmensitz wurden zunächst in einem geradezu bildhauerischen Abriss Reste eines alten Klosters sorgfältig herausgeschält. Dass man sie in den Mittelpunkt der neuen, mehrflügeligen Büroanlage gestellt hat, bezeugt den Respekt vor der Geschichte. Die Kirche wurde dabei beherzt umgedeutet, gleichsam invertiert wie eine umgestülpte Socke: Ohne Dach dient sie jetzt als offener Empfangshof für den Komplex. Sinnfällig überragt sie alle anderen Gebäudeteile und markiert den Eingang. Die modernen Büroflügel sind in ihrer Gestaltung schlüssig aus dem Bestand abgeleitet. In der Logik des Klostergrundrisses legen sie sich um den Kreuzgang – aus Beton errichtet, entwickeln sie die monolithische Qualität des schweren alten Mauerwerks zeitgemäß weiter.

Architekten: David Chipperfield Architects
Tragwerksplanung: g+w Ingenieurplanung

Text: Claudia Hildner
Fotos: Simon Menges

Die Jacoby Studios sitzen innerhalb des mittelalterlichen Stadtkerns von Paderborn. Ein Flussarm, der aus den Paderquellen gespeist wird, begrenzt das Grundstück gegen Nordost. Für eine Unternehmenszentrale ist es ein ungewöhnlicher Ort – keine Tabula rasa, die erst durch ein Bauwerk eine zivilisatorische Deutung erfährt, sondern historischer Grund, der Stadtgeschichte in sich trägt. Und das nicht nur im übertragenen Sinn: Denn dort, wo nach den Plänen der Berliner Dependance von Chipperfield Architects die Jacoby Studios entstanden, befand sich zuvor ein Krankenhaus, dessen älteste Teile zu einem Kloster aus dem 17. Jahrhundert gehören.

Dieses war 1659 fertiggestellt und im darauffolgenden Jahr den nach Paderborn übersiedelten Kapuzinessen übergeben worden. Im Zentrum der vierflügeligen Anlage stand ein Kreuzgang, sichtbares Erkennungszeichen zur Straße hin war die Kapelle. Die Klosterschwestern lebten in strenger Klausur, lediglich der Sakralbau scheint mit Einschränkungen auch für die Stadtbevölkerung zugänglich gewesen zu sein.

Ab 1831 wurde die Anlage als Krankenhaus genutzt und entsprechend umgebaut, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bomben das Ensemble. Der Wiederaufbau erfolgte auf den Resten der historischen Anlage, allerdings wurden Baukörper ergänzt und die Volumina fast überall um ein Geschoss aufgestockt. Die solitäre Struktur, die sich deutlich von der umgebenden Blockrandbebauung abhebt, blieb jedoch über die Jahrhunderte bestehen.

Neustart

2013 fand die Nutzung durch das Landeshospital ein Ende. Die ortsansässige Unternehmerfamilie Jacoby kaufte das Grundstück. Ihr gehört die Tap Holding, die Produkte für den Do-it-yourself-Markt entwickelt und vertreibt – u. a.Wolle, Papier, Bastel- und Künstlermaterial, Stoffe, Schmuck und Konfetti.

Die gründliche Bestandsaufnahme vor dem Bau der Unternehmenszentrale hatte ergeben, dass von den Mauern der ehemaligen Klosteranlage mehr erhalten geblieben war, als es zunächst den Anschein gemacht hatte. In Übereinkunft mit der Bauherrenfamilie wurden alle historischen Bauteile unter Denkmalschutz gestellt und als Grundlage der weiteren Planung definiert.

Jacoby Studios David Chipperfield

Bilder: David Chipperfield Architects

Zum jahrhundertealten Kern gehören Teile der Kapelle und des Kreuzgangs sowie des UGs. Zudem wurde die Ostseite des Ensembles weitgehend erhalten. Die Ergänzungen aus der Nachkriegszeit hingegen ließ man entfernen. Dazu zählten v. a. ein Gebäudeflügel aus den 60er Jahren, der auf der Westseite an das Ensemble andockte, sowie das 2. OG und DG. Die neuen Trakte legen sich in Form verschieden langer Riegel um die Nord-, Süd- und Westseite des Kernbereichs. Die Anlage bleibt dadurch vierflügelig und folgt der orthogonalen Grundstruktur der ursprünglichen Komposition.

Die Fassaden der Bestandsbauten ließ das Planungsteam freilegen. Bruchsteinmauerwerk und Ziegelergänzungen aus verschiedenen Jahrhunderten markieren nun die unterschiedlichen Zeitschichten. Sie alle wurden mit einem Kalkputz neu verfugt, wobei der Kalk erst aufgespritzt und dann in Teilen wieder von den Oberflächen abgewaschen wurde. So entstand ein lasurartiger Schleier, der die unterschiedlichen Flächen zu einem harmonischen Ganzen vereint, ohne die Baugeschichte zu leugnen.

Mit den Neubauten wird dem lebendigen Mauerwerk eine strenge Rahmenstruktur gegenübergestellt, die in ihrer Erscheinung an eine Schottenbauweise erinnert. Die regelmäßigen Fassadenfelder entstanden jedoch durch vor die Gebäudehülle montierte, vorgefertigte Sichtbetonelemente. Leicht zurückversetzt sitzen darin geschosshohe, verglaste Schiebetüren in Holzrahmen. Mit dunklen textilen Screens lassen sich die dahinterliegenden Räume verschatten.

Eine Ruine erschaffen

Die Stirnseite des Sakralbaus hatte bereits zu Beginn der Planungen unter Denkmalschutz gestanden. Zur Straße Kisau lugte die Kapelle bis zum aktuellen Umbau stets ein wenig aus dem Ensemble nach vorn. Nun scheint sie zwischen den sie begrenzenden Neubauten einen Schritt zurückgetreten zu sein, um sich in die bauliche Komposition zu fügen. In Anlehnung an historische Gegebenheiten ist die Giebelwand des Sakralbaus nun jedoch wieder das höchste Bauteil der Anlage. Gleichzeitig formt sie das Portal zum Unternehmenssitz.

Dass es sich dabei um eine Kulisse handelt, wird deutlich, wenn man von außen durch die leeren Fensteröffnungen in den Himmel blickt: Der Innenraum der Kapelle wurde entkernt und zum Außenraum umgedeutet. Ohne Dach und frei von Einbauten schafft er als Eingangshof einen stimmungsvollen Auftakt zum Hauptquartier. Gleichzeitig wird unmissverständlich deutlich, dass der sakrale Raum an dieser Stelle zum Leerraum wurde. Ein eingeschossiger Anbau aus Sichtbeton und Glas bildet den Übergang zum Foyer. Dieses erstreckt sich in Verlängerung des Kapellenraums über die gesamte Gebäudehöhe. Sichtbeton und eine Tageslichtdecke inszenieren die geflickten historischen Mauerreste, die auch diesen Raum prägen.

Rechterhand – und damit im Zentrum des neuen Ensembles – sitzt der historische Kreuzgang. Dessen Begrenzungsmauern sind weitgehend von den umgebenden Bauten losgelöst. Die luftige Hülle entrückt den Innenhof aus dem Hier und Jetzt und schafft einen Ort des Innehaltens und der Erinnerung. Gleichzeitig vermittelt der Kreuzgang zwischen den verschiedenen Trakten und Nutzungen.

In den Gebäuderiegeln rund um diesen Kern sind zum Hof hin die Besprechungsräume und zu den Rändern die Gemeinschaftsbüros sowie Sondernutzungen – Kantine, Showroom und Fotostudio – angeordnet. In dem erhalten gebliebenen Gebäudeteil im Osten finden sich vor allem Gruppenbüros. Dort, wo die Baukörper dreigeschossig ausgeführt wurden, sind ganz oben u. a. die Räume der Geschäftsführung untergebracht, die über begehbare Dachterrassen miteinander verbunden sind.

In allen Bereichen wurden die Gebäudedecken neu in Beton eingebracht. Das über das Jahr fast durchgehend gleich warme Wasser des angrenzenden Pader-Flussarms wird über eine Wärmepumpe zur Energiegewinnung genutzt. Im Sommer lassen sich die Decken zur Kühlung aktivieren, im Winter sorgt eine Fußbodenheizung für eine wohlige Temperatur in den Räumen.


Standort: Kisau 8, 33098 Paderborn
Bauherr: Jacoby GbR, vertreten durch Franz Jacoby, Ellen Jacoby, Yvonne Jacoby
Architekt: David Chipperfield Architects, Berlin
Partner: David Chipperfield, Martin Reichert, Alexander Schwarz (Design lead)
Projektleitung: Franziska Rusch (Konzeptstudie), Frithjof Kahl (LPH 1-4, Leitdetailplanung, künstlerische Bauoberleitung)
Mitarbeit: Thomas Benk, Thea Cheret, Dirk Gschwind, Elsa Pandozi, Franziska Rusch, Diana Schaffrannek, Eva-Maria Stadelmann, Amelie Wegner; Grafik, Visualisierung: Dalia Liksaite
Ausführungsplanung: Schilling Architekten, Köln, Jochem Vieren (Projektleitung), Michael Zinnkann (Bauleitung)
Tragwerksplanung: g+w Ingenieurplanung, Münster
Landschaftsplanung: Wirtz International Landscape Architects, Schoten (B)
Gebäudetechnik, Lichtplanung: Köster Planung, Münster
Bauphysik, Akustik: Hansen Ingenieure, Münster
Brandschutzgutachter: HHP West Beratende Ingenieure, Bielefeld
BGF: 12500 m², davon 7200 m² oberirdisch

Beteiligte Firmen:
Bestandsbauten:
Restaurierung: Rochus Michnia, Königswinter
Holzfenster: Tischlerei Gehner, Osnabrück, www.tischlerei-gehner.de
Fassaden Neubau:
Sichtbeton: Läer + Rahenbrock, Georgsmarienhütte, www.lundr-bau.de
Holzfenster: Becker 360, Medebach, www.becker360.de
Boden Eichendielen: Wimmer, Töging am Inn, www.wimmer-gmbh.de
Büromöbel: Vitra, Weil am Rhein, www.vitra.com; Michael Sans, Berlin, www.michaelsans.com
Möblierung: Azucena, Novedrate, www.azucena.it; Michael Sans, Berlin, www.michaelsans.com


Weitere Umnutzungen als Büroraum:

Waisenhaus wird Firmenzentrale

Schreinerei wird Business Center

Scheune wird Architekturbüro