Infopoint BBT in Franzensfeste (I)

Wiederaufbau vom Feinsten

Ein vor Jahrzehnten zerstörtes Gebäude innerhalb einer Festung hat Markus Scherer in neuer Form auferstehen lassen – für Ausstellungszwecke. Eine fünfte Fassade zu einem Tunnel verwendet dort ausgebrochenes Gestein als leuchtende Gabionenwand.

Das Projekt erhielt eine Anerkennung beim db-Wettbewerb »Respekt und Perspektive« Bauen im Bestand 2016.
{Architekt: Markus Scherer; Tragwerksplanung: Baubüro Ingenieurgemeinschaft, Klaus Plattner
{Text: Claudia Hildner; Fotos: Alessandra Chemollo

Die Südtiroler Franzensfeste ist ein Koloss aus Granit: Erbaut von den Habsburgern zwischen 1833 und 1838, erstreckt sie sich über eine Fläche von mehr als 20 ha. Errichtet wurde sie an einer der engsten Stellen des Eisacktales als eine Sperre, an der kein Heer vorbeikommen sollte. Allerdings blieb der feindliche Ansturm aus, sodass die wehrhafte Anlage in erster Linie als Depot genutzt wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien das Bauwerk immer mehr als Hindernis für Güterverkehr und Tourismus. Zwei Zuglinien durchquerten die Anlage bereits, als in den 70ern der Neubau der Brenner-Autobahn eine Verlegung der alten Staatsstraße notwendig machte. Sie verläuft seither unter einem Teil der Festung hindurch, allerdings stürzte bei ihrem Bau ein Teil eines ehemaligen Wohngebäudes im Bereich der Kasematten ein. Zurück blieb ein Loch, das den Straßennutzern im Tunnel einen unverhofften Blick in den Himmel gewährte.
Durch Fels und Stein
Seit 2005 ist die Festung öffentlich zugänglich. In mehreren Abschnitten wird sie seitdem saniert und umgebaut. Ziel ist, mit wenigen Eingriffen die Nutzung des Bauwerks für kulturelle und museale Zwecke zu ermöglichen. Jüngst ist nun eine Ausstellung über den Brenner Basistunnel (BBT) eingerichtet worden, was sich anbot, da die Gemeinde Franzensfeste genau am Ende dieses längsten Eisenbahntunnels der Welt liegt. Für den »Infopoint BBT« hat das Architekturbüro Markus Scherer jenen Teil der Festung umgenutzt, durch den unterirdisch die Staatsstraße verläuft. Der Zugang erfolgt von einem tiefer gelegenen Innenhof. Ein schmaler Gang im Fels leitet über zur unterirdischen Nebenraumzone mit Garderoben- und Toilettenbereich. Für ihn wurden die Granit-Felswände im Bereich des Staatsstraßen-Tunnels abgetragen und Wände aus dunklem Beton eingefügt. Die Begrenzung zur Straße formt nun eine Gabionenwand, gefüllt mit dem hier ausgebrochenen Gestein. Das Element passt zur wehrhaften Architektur der Festung und ist gleichzeitig Reminiszenz an die verschwundene Felswand.
Auftauchen aus dem Untergrund
Eine Treppe und ein Aufzug führen nach oben in den Hof, den die Kasematten nach Süden und Westen abschirmen. Zentrales Element dieser Hauptebene ist der neue Veranstaltungssaal, der so platziert wurde, dass er den in den 70er Jahren zerstörten Teil des Wohngebäudes ersetzt. Wie eine Brücke spannt der Riegel über das Loch, das die Straßenbauarbeiten damals hinterlassen haben.
Nach außen zeigt sich der Bau mit einem sandfarbenen Beton, bei dem zwischen unregelmäßig breiten, geschlossenen Schichten horizontale, offene Fugen zu finden sind. Dafür wurden in die Schalungen im Wechsel Beton – mit einem Zuschlag aus dem vor Ort ausgebrochenen Granit – und dünne Sandschichten eingebracht. Nach dem Austrocknen raute man die Betonoberfläche auf und löste den Sand mit Druckluft heraus. Diese Technik, mit der eine gestalterische Annäherung an die Festungsbauweise aus hellen Granitblöcken erreicht wird, findet sich bereits in vorangegangenen Bauabschnitten. Die innere Hülle des Baukörpers besteht aus anthrazitfarbenem Dämmbeton. Weitere Elemente – wie etwa die Brüstungen, die ein Abstürzen in die Öffnungen zur Staatsstraße verhindern – wurden in dunklem Stahl verwirklicht.
Die eigentliche Ausstellung zum Brenner Basistunnel ist in den Räumen der Kasematten untergebracht: Dicke Mauern mit schmalen Schießscharten lassen hier kaum Tageslicht ins Innere. Die Konstruktion aus Granitmauern und Ziegelgewölben ließen die Planer – wo nötig – instand setzen. Die erforderlichen Einbauten wurden als schwarze Möbel eingestellt oder von der Decke abgehängt. Künstliches Licht inszeniert die Exponate sowie das Zusammenwirken von Festungs- und Ausstellungsarchitektur.

Jurybegründung:

Wiederaufbau vom Feinsten: Ein vor Jahrzehnten zerstörtes Gebäude innerhalb einer Festung hat Markus Scherer in neuer Form auferstehen lassen, um die Anlage zu Ausstellungszwecken zu erschließen. Die schwere Hülle aus rauem Beton passt sich farblich und haptisch der wehrhaften Festungsarchitektur an – eine fünfte unterirdische Fassade zu einem Tunnel verwendet dort ausgebrochenes Gestein als Gabionenwand.


Standort: Festung Franzensfeste, I-39045 Franzensfeste
Bauherr: Autonome Provinz Bozen, BBT SE Brenner Basistunnel
Architekt: Markus Scherer
Generalplanung: Markus Scherer, Meran; Walter Dietl, Schlanders
Tragwerksplanung: Baubüro Ingenieurgemeinschaft, Klaus Plattner, Bozen
Haustechnik: M&N Planconsulting, Burgstall
Ausstellungskonzept: hg merz architekten museumsgestalter, Stuttgart
Beteiligte Firmen:
Rohbau und Beton: Unionbau, Sand in Taufers, www.unionbau.it
Stahlbau: Lanz Metall sas, Toblach, www.lanz.bz.it
Restaurierung: Markus Pescoller, Bruneck, www.pescoller.it