Hofbräueck in Stuttgart

Verschenkte Chance

1958 errichtete Paul Stohrer an Stuttgarts Haupteinkaufsmeile ein Geschäftshaus, das seiner Zeit weit voraus war. Nach entstellenden Umbauten lässt der Eigentümer es derzeit herunterkommen, die örtliche Presse vermutet einen baldigen Abriss.

Text: Christian Schönwetter

Kaum ein Architekt aus der Zeit des Wirtschaftswunders prägte das Gesicht Stuttgarts so wie Paul Stohrer. Entwarf er zunächst zahlreiche Ladeneinrichtungen, so errichtete er schon bald größere Geschäftshäuser an wichtigen Stellen der Stadt. Mit dem »Hofbräueck« beispielsweise markierte er 1958 den Eingang zur Königstraße, die heute als längste Fußgängerzone Deutschlands gilt.

Auf besondere Weise verknüpft dieses Gebäude Vergangenheit und Gegenwart. Ein zweigeschossiger Sockelbau, der Läden und Restaurants aufnimmt, leitet Passanten in elegantem Schwung um die Kurve von der Eberhard- in die Königstraße. Der Grundriss in Form eines Viertelkreises hält die Erinnerung an die Bebauung wach, die dort vor dem Zweiten Weltkrieg stand. Über dieser Reminiszenz an die Geschichte des Orts erhebt sich ein Quader von fünfeinhalb Geschossen, der sich vom historischen Stadtgrundriss löst, weit zurückspringt und ganz von innen heraus entworfen ist, sodass er optimal belichtete Büroflächen bietet. Durch ein Luftgeschoss abgesetzt, schien er einst über dem Sockelbau zu schweben. Die Fuge zwischen den beiden Körpern diente als Dachterrasse für eines der Restaurants – eine Besonderheit in den 50er Jahren, als es noch keine nennenswerte Außengastronomie in Stuttgart gab. Die Besucher konnten von oben das Geschehen auf der Straße beobachten und sich dabei an kühleren Tagen von Infrarotlampen wärmen lassen. Auch die im EG gelegene Schnellgaststätte »Picnic«
war seinerzeit eine echte Neuheit, denn Konkurrenten wie McDonald’s und Burger King kamen erst in den 70er Jahren nach Deutschland.

Zu den gestalterischen Raffinessen des Bauwerks gehört die Fassade mit einem vorgehängten Betonraster, dessen vertikale Elemente mit ihrer zunehmenden Schrägstellung zu den Gebäudekanten hin die städtebauliche Ecklage betonen. Auf dem Dach bündelte Stohrer haustechnische Anlagen hinter einer frei geformten Blende, die an Le Corbusiers Aufbauten auf der Unité in Marseille erinnert.

Schon bald nach Fertigstellung begannen erste Verunstaltungen. Zunächst übersäte die Eigentümerin (früher Hofbräu AG, heute STINAG) die Fassade mit Leuchtreklamen – ohne Rücksicht auf die Proportionen des Gebäudes. Irgendwann verzichtete sie auf die Nutzung der Dachterrasse und schloss das Luftgeschoss mit einer schwarzen fensterlosen Wand. Als sie dann auch noch den flugdachähnlichen Rahmen entfernte, der ursprünglich die oberste Etage gekrönt hatte, war die Leichtigkeit des Baukörpers endgültig dahin. Bis ins Detail trieb man den Fassaden ihren spielerisch-heiteren Charakter aus: Die farbigen Brüstungsblenden, die über die Bürogeschosse zu tanzen schienen, verschwanden genauso wie die gestreiften Sonnenmarkisen.

Darüber hinaus wirtschaftete die STINAG das Gebäude herunter und ließ es verfallen. Während sie als börsennotierter Konzern fleißig Dividenden an ihre Aktionäre auszahlte, sparte sie am Bauunterhalt. Bröckelnde Fassadenfliesen, zerfetzte Lamellenraffstoren und Wasser, das in einem der Läden von der Decke tropft, zeugen von der jahrelangen Vernachlässigung. Dass sich solche Flächen nicht mehr attraktiv vermieten lassen, ist kein Wunder. Billige Handyläden, Dönerbuden und eine Spielhalle prägen das Bild. Wirkten die Fassaden der beiden Sockelgeschosse früher transparent und einladend, so sind sie nun großflächig mit Werbung zugeklebt. Die Büroetagen wiederum werden weit unter Wert genutzt: Sie dienen teilweise der benachbarten C&A-Filiale als Lager.

Was genau die Eigentümerin mit dem Hofbräueck vorhat, ist unklar. In ihrem Geschäftsbericht ist von einer »Revitalisierung« ab Sommer dieses Jahres die Rede, doch die Lokalpresse berichtet über Abrisspläne. Für eine Stellungnahme war die STINAG nicht zu erreichen. Sicher ist nur, dass die Mieter bereits ihre Kündigung erhalten haben. Da der Bau nicht unter Denkmalschutz steht, kann die Eigentümerin damit anstellen, was sie will. Ein Abbruch würde ihr aber wenig helfen, weil der gültige Bebauungsplan keinerlei zusätzliche Volumina erlaubt, sodass sich kein Flächengewinn erzielen lässt. Betrachtet man den bisherigen Umgang mit dem Gebäude, steht wohl eher ein Umbau zu befürchten, bei dem weitere Architekturqualitäten verloren gehen.

Sinnvoll wäre dagegen, endlich das Potenzial des Bestands wieder richtig auszuschöpfen: Die Büroetagen mit ihrer Skelettkonstruktion bieten volle Flexibilität für alle Konzepte vom Zellen- bis zum Großraumbüro und lassen sich hochwertig vermieten. Durch Zusammenlegen der sehr kleinen Läden im Sockelbau könnten größere Flächen entstehen, wie sie heute von anspruchsvollen Einzelhändlern gesucht werden. Nicht zuletzt könnte man die Dachterrasse für gastronomische Zwecke reaktivieren und damit neue Einnahmen generieren; mit Nachmittags- und Abendsonne gesegnet, wäre sie garantiert gut besucht.

Durch behutsames Instandsetzen und Wiederherstellen der Fassaden ließe sich das frühere attraktive Erscheinungsbild zurückgewinnen und zur Markenbildung für die Immobilie nutzen. Die Architektur Stohrers ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. So könnte das Hofbräueck werden, was es schon einmal war: eine einprägsame Adresse und ein würdevoller Auftakt für Stuttgarts Haupteinkaufsmeile.