Farbigkeit und Anstriche in Innenräumen

Von Kalk-Kasein zu Dispersion

Historische Anstriche in Innenräumen treten oftmals erst bei genauer Betrachtung des Untergrundes zutage, weil sie von darüber liegenden Farbschichten überdeckt werden. Welche Farbmaterialien und Bindemittel waren zu welcher Zeit geläufig?

Wer sich als Architekt heute mit Farbe beschäftigt, dem stehen Farbkarten, Farbtonkollektionen und Farbordnungssysteme im Überfluss zur Verfügung. Das war nicht immer so: Bis ins 19. jahrhundert hinein war die Palette an Farbtönen, Beschichtungsstoffen und Anstrichtechniken noch recht übersichtlich. Aufschriebe über materielle Beschaffenheit und Verkaufszahlen bestimmter Produkte sind uns genauer erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überliefert – die erste Farbkarte wurde beispielsweise vom Mineralfarbenhersteller Adolf Keim im Jahr 1878 nach deren Patentierung herausgegeben.

Unterbrochen von den beiden Weltkriegen setzte Mitte des 20. Jahrhunderts ein neuer Boom in den kreativen Werktechniken ein, der maßgeblich von den Entwicklungen in der Kunststofftechnologie – sprich Bindemitteltechnologie – profitierte. Inzwischen erfreuen sich jedoch die alten Techniken wieder einer besonderen Beliebtheit. Alle großen Farbhersteller forschen derzeit, wie man historische Produkte mittels neuer Technologien und Zuschlagstoffe so modifizieren kann, dass sie unseren modernen Ansprüchen genügen , damit sie sich nicht nur beim Bauen im Bestand, sondern auch im Neubau einsetzen lassen.

Leimfarben und Wäschebläue

Versuchen wir, uns in die Vergangenheit zurück zu versetzen. Das ausklingende Biedermeier hatte noch großen Wert auf handwerkliche Tradition gelegt, sei es im Möbelbau oder in der Ausgestaltung von Wohnräumen. Diese wurden häufig mit manuell hergestellten Wandbespannungen ausgekleidet. Im Zuge der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts hielt dann allmählich die seriell produzierte Tapete Einzug in die Gründerzeitinterieurs [1]. Lediglich in kleineren Bürgerhäusern, die sich eben den Luxus „Tapete“ nicht leisten konnten, wurden die Wände gekalkt oder mit einfacher Leimfarbe gestrichen. Dies hatte auch hygienische Gründe: Kalk wirkt desinfizierend und Leimfarben sind wasserlöslich und reversibel, lassen sich also leicht wieder abwaschen. Teilweise wurde nach dem Grundanstrich mit einer Holz- oder Gummiwalze ein Muster als Bordüre aufgewalzt oder schabloniert. Eine andere Variante war es, die gesamte Wand mit einem in „Wäschebläue“ getauchten und gewickelten Lappen zu strukturieren. Bei der Wäschebläue handelte es sich um ein Pulver, welches im Wesentlichen aus einem Stärkemehl bestand, das mit Anteilen blauer Teerfarbstoffe versetzt war. Direkt auf den Putz zu streichen, wie wir es heute gerne machen, galt zu jener Zeit eher als ein Zeichen von Armut. Lediglich in Küchen und Nassräumen wurde schon mal mit Ölfarben direkt auf Putz gearbeitet, betrachtete man diese Räume damals doch als Nebenflächen ohne repräsentativen Anspruch.

In öffentlichen Gebäuden oder in Häusern des Großbürgertums wurden auch sehr gerne Stuckoberflächen mit kunstvollen Imitationstechniken versehen. Selbst bei genauem Hinsehen kann man kaum unterscheiden, dass die vorgetäuschte Holz- oder Marmoroberfläche eigentlich ein Stuckgips ist. Für die farbliche Gestaltung der Stuckoberflächen wählte man Ölfarbenanstriche, Kaseine, Kalk-Kaseine und Leimfarben. Farben werden in der Regel nach ihrem Bindemittel benannt: Dies sind Öle, Wachse, Harze oder eben auch das Milchprodukt Kasein und andere verschiedene tierische und pflanzliche Leime. Die Basis der Leimfarben waren Knochen- oder Hautleime – also Tierabfälle.

Was die Farbtöne angeht, so war es in der Gründerzeit und im aufkommenden Jugendstil en vogue, jeden Raum in einer anderen Farbe zu gestalten. So waren das „Grüne Zimmer“ oder der „Blaue Salon“ durchaus nichts Ungewöhnliches, eher etwas Modisches.

In der Zeit des Jugendstils bevorzugte manch gut situierter Bürger immer noch Wandbespannungen und Tapeten – manchmal auch Schablonenmalereien auf Gewebe oder auch schon mal direkt auf feinen Putz. Häufig wurde nur türhoch tapeziert und darüber eine Linie oder Bordüre mit dem Strichzieher angebracht. Aus dieser Zeit sind Musterbücher mit ornamentalen Malvorlagen bekannt. Als Schutzschicht solcher dekorativer Malereien beispielsweise in Fluren und Treppenhäusern verwendete man Dammarharz, aufgelöst in Terpentin und kombiniert mit Leinöl als Firnis. Leinöl trocknet langsam, Dammarharz schnell – die richtige Mischung macht ́s. Sehr beliebt waren auch verschiedene Vergoldungs- und die billigeren Schlagmetalltechniken.

Farbkollektionen der Bauhaus-Ära

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzt das Bauhaus mit der Einrichtung einer Klasse für Wandmalerei neue Trends in der Farbgestaltung. Nach Johannes Itten und Oskar Schlemmer leitete Wassily Kandinsky die Klasse. Ihre Schwerpunkte lagen mehr im bildhaften und figürlichen Gestalten von Wänden. Kandinsky folgte nach Aufzeichnungen seiner Frau Nina nicht den puristischen Tendenzen der Zwanzigerjahre, denen sich etwa Gropius im Bereich der Architektur angeschlossen hatte. Vielmehr waren Kandinskys Wandgestaltungen eng mit den eigenen, darauf befindlichen Bildern und Malereien verwoben.

In Aufschrieben finden wir eine Auflistung von Techniken, die Kandinsky und seine Kollegen angewandt haben. Dazu gehören zum Beispiel Leim- und Kaseinfarben, Öltempera- und Ölmalfarben, Kalk- und Wachsfarben, das Sgraffito und die Freskotechnik wie auch Imitationstechniken auf Holz oder Stuck.

Die Mär von der „Weißen Moderne“ ist inzwischen widerlegt. Beispielhaft sei eine Wohnsiedlung genannt, die Richard Neutra in Berlin errichtete. Zwar wählte er für deren Fassaden ausschließlich Weiß und ein wenig Rot, innen zeigte sich dagegen ein Blumenstrauß an Farbtönen, jeder Raum wurde andersfarbig deckend oder lasierend gestaltet.

Le Corbusier

Eine außergewöhnliche Rolle in der Entwicklung der Wandgestaltung nimmt Le Corbusier ein. Weil es ihm stets ein Anliegen war, Architektur und Kunst nicht zu trennen, verwendete er in der Architektur auch die Farben der Kunst. In den Jahren 1931 und noch einmal viel später, nämlich 1959, entwickelte Le Corbusier zusammen mit der Schweizer Tapetenfirma Salubra zwei Farbtonkollektionen: die Serien Salubra I und Salubra II. Dabei handelte es sich um monochrome Tapetenbahnen, die zur einfachen Wandgestaltung dienten. Die Farbtöne waren für die Innenraumgestaltung vorgesehen und sollten teures Material wie edle Hölzer und Bekleidungen aus Marmor ersetzen. Diese Farbkollektion ist heute wieder unter dem Firmennamen KT Color erhältlich.

Grau und Braun ersetzen Bunt

In Deutschland erwachte zu Beginn der Dreißigerjahre eine große Vorliebe für graue, braune, ockerfarbene und gelbe Farbtonnuancen. Die Farbe Grau war dem fortschrittlichen Stadtleben vorbehalten, sie symbolisierte regelrecht den Begriff „Stadt“ – im Gegensatz zur hemdsärmeligen Bautätigkeit und der Farbgebung auf dem Land. Grau galt als Farbe der Arbeit, bunte Farbtöne wurden als zu romantisch eher abgelehnt. Auch in der Denkmalpflege war man der Meinung, dass insbesondere für die älteren Gebäude ein lichtes bis mittleres Grau die einzig richtige Farbe sei. Bedingt durch den 2. Weltkrieg entwickelten sich Anstrichtechniken in den Vierzigerjahren kaum weiter, und die weiterführende Auseinandersetzung über die farbige Gestaltung von Gebäuden kam ins Stocken. Bunte Farbtöne an Gebäuden wurden eher vermieden und verachtet. Farbe wurde nicht mehr weiter thematisiert.

Nach dem Krieg: Neues Design, neue Farben

Erst in den beginnenden Fünfzigerjahren setzt nach und nach eine leichte Trendwende hin zur Farbe und damit auch zu neuer Lebensfreude nach dem Krieg ein. Großer Beliebtheit erfreuen sich neue kreative Schmucktechniken im Innenraum. Dazu gehören der Lackschnitt, das Sgrafitto, der Kammzug, das Mosaik und verschiedene Putztechniken. Im Innenraum finden wir häufig pastellige, später kräftigere Farbtonvariationen – vornehmlich in den drei Grundfarben Blau, Gelb und Rot. Gerne wird auch mit Farbe aus dem Material heraus experimentiert – wie zum Beispiel mit Aluminium und Messing im Einklang mit Edelhölzern oder auch neuen Kunststoffen. Diese werden immer wieder gern in einen Kontrast mit den meist glänzend gespachtelten Oberflächen gebracht.

Die Dispersionsfarbe, ein nahezu reines Kunstharzprodukt, erfreute sich ab jetzt und in den darauffolgenden Jahren – bis heute – einer besonderen Beliebtheit. Neben dem traditionellen, leicht gebrochenen Weiß stehen Farbtöne in Türkis, Blaugrau, kräftigem pompejanischen Rot, Pastellgelb und Schwarz hoch im Kurs. In Treppenhäusern findet man häufig dicke Latex-Farbanstriche, die extrem robust, aber leider überhaupt nicht reversibel sind. Dies ist bis heute ein Problem für die Denkmalpflege, denn diese Produkte können nicht einfach wie die natürlichen Farben abgewaschen werden; man kann sie nur mit gefährlichen Chemikalien oder sehr mühsamen mechanischen Methoden, die häufig den Untergrund angreifen, entfernen.

„Back to the roots“ – mit Bioprodukten

Wie eingangs schon erwähnt, kommen die Farbhersteller derzeit in Anbetracht der Umweltschäden und der knapper werdenden Ressourcen immer mehr zurück zu den „althergebrachten“ natürlichen Materialien. Heute bilden Bioprodukte mit natürlichen Ölen und Harzen, diffusionsoffene Lehmfarben und -putze im Innenraum eine wohngesunde Alternative zu den herkömmlichen Chemieprodukten. Diese Naturfarben sind frei von Weichmachern und Konservierungsstoffen und können auf viele Untergründe mit der Walze oder der Bürste appliziert werden.

Historisch „richtige“ Farben und Farbtechniken stellen den Architekten sicher vor eine besondere Herausforderung. Wenn es darum geht, Farbkonzepte für ältere Gebäude zu entwickeln, muss man wissen, wann welche Töne, welche Auftragstechniken und welche Zusammensetzungen der Anstriche verbreitet waren. Hier lohnt sich ein Blick in die nebenstehende Liste mit weiterführender Literatur.

Autor: Matthias Gröne

Literaturtipps und Quellen

[1] Siegele, Klaus: Vom Bogen zur Rolle – die Ge- schichte der Tapete, in: Metamorphose 1/2011, Konradin Medien, Leinfelden, 2011
[2] Wehlte, Kurt: Werkstoffe und Techniken der Malerei, 9. Auflage, Urania-Verlag, 2001

[3] Benad, Martin; Ursula E. Benad: das 1 x 1 der Wandlasuren, DVA, 2002
[4] Ganz, Kristin; Sascha Kober: Farbe, Struktur, Oberfläche, DVA, 2001

[5] Reclams Handbuch der künstlerischen Techniken, Band 1 bis 3, 2. Auflage, Reclam Verlag, 1997
[6] Sloan, Annie; Kate Gwynn: Dekorative Farb- gestaltung für Wohnräume, Orbis Verlag, 2000

[7] Palm, Klaus (HRG.) Wulf – Farbwarenkunde,
9. völlig überarbeitete Auflage, Hirzel Verlag, 1999. Der Praktiker findet in diesem Standardwerk schnelle und verständliche Antwort zu Farben, Pigmenten, Blattmetallen, Bindemitteln, Löse- und Verdünnungs- mitteln bis hin zum Bauten- und Denkmalschutz.
[8] Schönburg, Kurt: Historische Beschichtungs- techniken. Erhalten, Bewerten und Anwenden, Verlag Bauwesen, 2002